De Razende Bol [Texel]

“I have been honoured to serve the whales, dolphins, seals – and all the other creatures on this Earth. Their beauty, intelligence, strength, and spirit have inspired me.” Paul Watson

De Razende Bol … „Die rasende Kugel.“ Ein ungewöhnlicher Name für eine Sandbank, die sich auf einer Fläche von knapp fünf Quadratkilometern scheinbar unberührt vor der Nordspitze Texels erstreckt. Im Westen die Nordsee, im Osten die Meerenge Marsdiep, dahinter Festland. Entstanden ist das Fleckchen durch die Gezeitenströme zwischen Meer und Insel: Wenn die steigende Flut und das aus dem Marsdiep zurückfließende Wasser aufeinanderprallen, sinkt aufgewühlter Meeressand ab, schichtet sich langsam und unregelmäßig auf. Von oben betrachtet tatsächlich kugelförmig mit feisten, von Ebbe und Flut geschliffenen Armen, die sich Texel entgegenstrecken. Hier entsteht kein neues Land, vielmehr ein flüchtiger Ort. Als Spielball in der Strömung bewegt sich der Razende Bol nämlich mit einer Geschwindigkeit von ganzen 100 Metern pro Jahr auf Texel zu. Das rückt „rasend“ in die richtige Perspektive.
Akrobatische Verrenkungen

Im Seifenwasser
Bei „Het Sop“ – das witzigerweise für „Seifenwasser“ steht – im Hafen von Oudeschild buchen wir eine Bootstour. Seehundbeobachtung steht auf unserer Agenda. Die Tiere leben in großen Kolonien auf den der Insel vorgelagerten Sandbänken. Und natürlich haben wir eine ganz bestimmte ins Auge gefasst. Mit an Bord eine Handvoll Naturbegeisterte, ausgestattet mit Ferngläsern und blendender Laune. Sympathische Gesellschaft. Während unser Bootsmann durch das Hafenbecken steuert, vorbei an traditionellen Fischkuttern, eleganten Segelyachten und kleinen Ausflugsbooten wie dem unseren, studiere ich die Infotafeln an Deck:
Angry bird
Flying
Ein wichtiger Rast- und Brutplatz für Seevögel sei die Sandbank. Neben Seehunden soll man auch Kegelrobben auf Noorderhaaks, so der offizielle Name unseres Tagesziels De Razende Bol, beobachten können. Eigentlich bevorzugten die bis zu zweieinhalb Meter langen und 300 Kilo schweren Kegelrobben Felsküsten, aber hier vor Texel scheinen sie sich wohl zu fühlen. Sie sind massiger als Seehunde und unterscheiden sich deutlich von ihnen durch die spitzere Kopfform. Von der Weltnaturschutzunion IUCN sind sie als „nicht gefährdet“ einstuft, in Deutschland hingegen stehen sie als „stark gefährdet“ auf der nationalen „Roten Liste“. Auf Noorderhaaks sollen rund 120 Tiere leben.
Flotte im Hafen von Oudeschild
Detail im Hafen
Kunstvoll: Schiffstaue
Extremtaucher
Sowohl Kegelrobben als auch Seehunde sind extrem wendige Schwimmer, die bis zu 30 Minuten lang und 200 Meter – in Extremfällen wurden sogar 300 Meter gemessen – tief tauchen können. Gewöhnlich dauert ein Tauchgang, bei dem die Meeressäuger bevorzugt Plattfische oder Krebse jagen, jedoch nur rund drei Minuten.

Inzwischen haben wir das Meer erreicht, genau genommen das Watt. Es ist Hochwasser und das Boot pflügt beharrlich durch die Strömung. Nennenswerten Wellengang gibt es nicht. Zwischen Insel und Festland sind wir geschützt. Dennoch schlägt unser Bug mit zunehmender Fahrt im ungemütlichen Takt hart auf die Wasseroberfläche. Nur nicht seekrank werden … Dem Fahrwasser folgen einige Möwen in der Hoffnung auf Beute. Und sie haben Glück.
Trio
Aufgerollt ...
Sonnenbaden auf "De Razende Bol"
Es tut sich … nichts!
Etwa 30 Minuten brauchen wir bis zur Sandbank. Unser Steuermann drosselt den Motor früh, schaltet ihn schließlich aus, um uns mit der Strömung treiben zu lassen. „So stören wir die Seehunde nicht.“ Weil das Boot nur wenig Tiefgang hat, kommen wir der Sandbank ganz nah. Dort liegen sie lässig in der Sonne, die Seehunde und Robben: auf der Seite, auf dem Bauch, auf dem Rücken. Manche richten sich auf. Ein Zeichen dafür, dass sie sich doch durch unsere Anwesenheit gestört fühlen. Andere Tiere wälzen sich träge, wedeln mit den Flossen, verrenken sich. Mit ihren fetten Leibern, dem glänzenden Fell und den großen Augen wirken sie so liebenswert. Dass Seehund und Kegelrobbe Raubtiere sind, ist in diesem Augenblick gar nicht präsent.
Auf dem Rücken liegt es sich besonders gut
In Gesellschaft ist Chillen doppelt schön
Wir treiben die Sandbank entlang. Es ist wie ein Defilee, nur mit umgekehrten Rollen. An Bord wird nur gewispert. Zu groß ist die Faszination über das Schauspiel am Strand. Dabei tut sich dort drüben nicht viel. Die einzigen, die unaufhörlich in Bewegung sind, sind dünnbeinige Küstenvögel: Zwergseeschwalbe, Sandregenpfeifer und Seeregenpfeifer hatte ich gelesen … und gleich nachgeschlagen, denn die Namen sagen Laien wie mir natürlich nur wenig. Hübsche, zierliche Vögel sind es. Hektisch trippeln sie umher, stochern mit ihren Schnäbeln im Schlick auf der Suche nach Würmern und kleinen Krebsen.
Mit der Fähre nach Texel
Am Horizont: Den Helder
Im Strom der Gezeiten
An der Stelle des heutigen Noorderhaaks lag früher eine andere Sandbank: Onrust – Unruhe – ist über Jahrzehnte ebenfalls gen Nordosten gewandert und hat sich zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Texel angeschlossen. Ob De Razende Bol irgendwann auch eins mit der Insel wird, scheint indes nicht sicher. Trotz der jährlichen Bewegung von beachtlichen 100 Metern, bleibt der Abstand zur Insel relativ konstant: knappe 650 Meter. Wissenschaftler vermuten darum, dass sich die Sandbank eher nordwärts entlang Texels Küste schieben und ausbreiten wird.

© Text und Fotos: Jutta M. Ingala

Meer aus Muscheln
Wer? Wo? Was?
Im alten Hafen von Oudeschild findet man verschiedene Anbieter Seehundbeobachtungstouren. „Het Sop“ steuert mit seinen kleinen wendigen Yachten auch die Sandbank De Razende Bol an, wo man die Meeressäuger ganz aus der Nähe beobachten kann. Tickets für die ein- bis eineinhalbstündigen Ausfahrten kosten zwischen 7,50 und 12,50 Euro (Stand 02/2017). Eine Reservierung ist ratsam.

Zeehondentochten „Het Sop“
Haven 8
1792 AE Oudeschild
Niederlande
T 0031 620920594
www.zeehondentexel.nl

Auch in der Auffangstation Ecomare kann man Seehunde beobachten und nicht nur viel über die Meeressäuger selbst, sondern auch über den Lebensraum Wattenmeer, der seit 2009 zum Naturerbe des UNESCO gehört, erfahren.

Im Frühjahr 2015 ist der erste deutschsprachige, sehr informative Reiseführer über die westfriesische Insel erschienen: „Insel Trip Texel von Ulrike Grafberger im Reise Know-How Verlag.

Mein Besuch auf der Insel wurde vom VVV Texel unterstützt. Herzlichen Dank dafür!

31 Gedanken zu “De Razende Bol [Texel]

  1. Pingback: Rauszeiten im Februar 2017 || Reiseblog TRIP TO THE PLANET

  2. Oh schön, wieder von Dir zu lesen. :-) Texel muss toll sein. Und auf Seerobben in nächster Nähe, da steh ich sowieso drauf. Bekommt man auf der Insel in der Nebensaison eigentlich ganz gut ne Unterkunft? Noch einen schönen Sonntag, LG Simone

    • Salut Simone, ja, das ist es! So vielfältig, heimelig, ein Ort für Meerliebhaber, ein Ort, an dem du eines garantiert findest: Entspannung! Texel ist auf jeden Fall ein Ganzjahresziel. Denn was wäre schöner, als sich an einsamen Stränden, den frischen Wind um die Nase wehen zu lassen? „Uitwaaien“ nennen die Niederländer das! Aber natürlich kommen die meistern Besucher, wenn die Temperaturen steigen. Auf http://www.texel.net gibt es jede Menge Übernachtungstipps. Mein Favorit ist ja das Boutique Hotel Texel (www.hoteltexel.de). Ich habe es mit den kleinen, designorientierten Unterkünften … Meine Nachbarin war im Oktober mit ihrem Mann dort und hat sich eine schnuckelige Ferienwohnung gemietet (kannst du z.B. über http://www.fewo-direkt.de). Klick dich mal rein – ist eine tolle Insel! Liebe Grüße, Jutta

  3. Hej Jutta, schön, mal wieder was von Dir zu lesen. Fotos gewohnt wunderbar. Ganz verstehe ich ja nicht, wieso die Wissenschaftler unsicher sind, wohin der razende Bol strebt – man sollte meinen, bei 100 Metern pro Jahr müsste man es spätestens im zweiten Jahr erkennen können. (Aber offenbar ist es komplizierter). Ich war gerade auf Borkum – Licht, Dünen und Robben auf Deinen Bildern erinnern mich daran. Ist ja im Prinzip auch eine Inselkette. In Borkum liegt die Seehundsbank direkt vor der Promenade. Das wäre ja vielleicht was für die „Bootsuntauglichen“ unter Deinen Kommentatoren. Liebe Grüße, Stefanie

    • Hallo Stefanie, eigentlich schon, aber offenbar ist diese Sandbank etwas eigenwillig : ) Ich würde gerne mal so ein Inselhopping machen: Von den westfriesischen zu den ostfriesischen … oder so. Die See und das Inselleben faszinieren mich immer mehr. Der Traum vom kleinem Häuschen auf so einem schönen Flecken Erde ist noch nicht ausgeträumt! Ganz liebe Grüße, Jutta

      • Ja, Inseln… ich liebe sie auch so. Bei den Ostfriesischen ist das mit dem Inselhoppig leider umständlich, weil von kaum einer zu anderen Fährverkehr besteht. Auf Wangerooge habe ich aber mal einen niederländischen Damenclub getroffen, die das gemacht haben. Fand ich super – 4 sehr schicke Ladies, aber mit Rucksack von einer Jugendherberge zu anderen unterwegs.

      • Das klingt interessant! Die Damen sind mir gleich sympathisch : ) Ich merke, das aktuell Reiseoptionen interessant für mich werden, die so lange gar kein Thema waren. Jugendherbergen beispielsweise … darauf habe ich irgendwie Lust. Radtouren – also mit Gepäck, keine einfachen Tagestouren – finde ich gerade auch sehr spannend! Liebe Grüße, Jutta

  4. Vielen Dank für deinen informativen Bericht mit den schönen Fotos ! Anders hätte ich diese Sandbank mit ihren Bewohnern nie kennengelernt, da ich absolut Bootsuntauglich bin :( … Viele Grüsse aus Nürnberg von Anja

    • Liebe Anja, oh, keine Bootstour? Hast du schon mal diese Kaubonbons gegen Reise-/Seekrankheit probiert? Auf diesem Trip hatten wir ja keinen „schweren Seegang“, ich fand es aber schon ein bisschen holperig. Wenn man sich dann grundsätzlich nicht so wohl fühlt auf dem Wasser … lieber bleiben lassen. Und schließlich muss man ja nicht alles machen! Manchmal reicht Bilder anschauen ja tatsächlich. Herzlichen Dank fürs Mitlesen, sonnige Grüße, Jutta

  5. Moin, moin, liebe Jutta,
    hach ist das schön wieder von dir zu lesen und gleich mit einen so schönen Beitrag!
    Auf der Insel Texel waren wir noch nicht…aber man soll nie nie sagen…
    Herzliche Grüße
    Gabi
    (unimog.is-Gabi)

  6. Moin Jutta,

    hab mich schon gefragt, wann wir von der Reise lesen dürfen. ;-) Das war bestimmt unheimlich aufregend. So eine Fahrt haben wir zwar noch nicht mitgemacht, aber dafür durften wir jetzt schon zwei Mal einen Seehund am Strand von St. Peter-Ording sehen. Da hüpfte mir auch das Herz.

    Wenn alles klappt sieht Texel uns dieses Jahr wohl auch noch wieder. Wir freuen uns schon drauf.

    Sonnige Meeresgrüße,
    Claudia

    • Ach, Claudia, ein unglaubliches 2016 … ! Nicht alles so prickelnd … und viel zu wenige Tage … Hab noch so viel aufzuarbeiten. Und zum Beispiel bei euch zu lesen! Seid ihr im Mai wieder auf Texel? Lieben Dank fürs Vorbeischauen und ganz liebe Grüße, Jutta

  7. Hallo Jutta,
    schön, daß es mal wieder einen Artikel von Dir gibt. Ich war noch nie auf Texel, aber Dir scheint es ja die Insel angetan zu haben. Und als Nordrhein-Westfale müßte ich dann auch mal hin, damit ich nicht mehr zur „falschen“ Hälfte zähle.:) Auf de.wikipedia.org/wiki/Noorderhaaks findest Du einen Hinweis zur „Nutzung“ der Insel. Und wieder schöne Bilder in Deinem Artikel. Da kann man sich gut vorstellen, wie es auf dem Ausflug aussah.

    Viele Grüße und bis zum nächsten Artikel
    Winfried

    • Guten Morgen Winfried, lieben Dank fürs Mitlesen & Co.! Also mit Texel verhaält es sich beinahe so wie mit Island: Bist du einmal dort gewesen, lässt dich die Insel nicht mehr los! Texel ist charmant, klein, hat einfach alles: wunderschöne Natur, tolle Gastronomie, ein klasse Freizeitangebot, hübsche Ortschaften, interessante Geschichte, Museen und und und … Durch und durch liebenswert und durch die Insellage fühlt man sich weit, weit weg von zuhause! Und dabei ist es tatsächlich so nah! Setz es einmal auf deine Agenda! Liebe Grüße, Jutta
      PS: Danke auch für den Link!

  8. Texel forever! Absolute Lieblingsinsel. Von De Razende Bol hatte ich aber noch nie gehört. Muss ich mal für den nächsten Urlaub einplanen. An Land gehen wär schön. Kann man das?
    Anne

    • Hallo Anne, kann ich nachvollziehen! Ja, man darf an Land, allerdings weiß ich nicht, ob so etwas kommerziell angeboten wird oder ob man das mit einem privaten Böotchen organisieren muss. Der Bereich in dem die Seehunde und Robben leben, ist jedoch tabu. Und man muss natürlich auf die Nistplätze der Vögel aufpassen, die teilweise am Boden brüten. Ich muss mich da noch einmal schlau machen! Sonnige Grüße, Jutta

  9. Hallo Jutta,
    Texel ist die schönste Insel überhaupt! Wir sind fast jedes Jahr einmal da und haben auch schon einmal so eine Seehundtour gemacht. Allerdings mit einem Kutter. Ich kann das auch sehr empfehlen! Die Kutter starten auch in Oudeschild. Man hat eine ganz tolle Aussicht von Deck.
    Viele Grüße,
    Gabi

    • Hi Gabi, ich glaube, halb Deutschland ist in Texel verliebt! Zumindest halb NRW : ) Die Kutter habe ich gesehen. Das ist natürlich ein neuer Aspekt, eine erhöhte Aussicht von Deck. Vielleicht probiere ich das einmal beim nächsten Besuch! Danke und schöne Grüße, Jutta

  10. Der Name ist ja schon mal vielversprechend, liebe Jutta!
    Aber kann man denn auch einen Fuß auf die Sandbank setzen oder nur vom Wasser aus gucken? 5 km2 sind ja nun nicht gerade wenig. Da könnte man doch nett spazieren gehen :)
    Grüße,
    Andreas

    • Hallo Andreas, nicht wahr? Ja, die Frage wurde gerade schon einmal gestellt. Schau mal oben! Wie man dann auf die Sandbank gelangt, weiß ich nicht. Ich muss da einmal recherchieren. Hätte sicher etwas Robinson-artiges! Viele Grüße, Jutta

    • Lieben Dank Sabine, hatte auch schon ein ganz schlechtes Gewissen! Genau das habe ich heute früh auf gedacht: Wenn der Frühling kommt, muss ich unbedingt wieder auf die Insel. Ich würde Texel gerne ein wenig mit dem Fahrrad erkunden … Verlockender Gedanke! Herzliche Grüße, Jutta

  11. Ahoi Jutta, schön wieder von dir zu lesen! Nach Texel geht es in diesem Jahr für uns auch wieder. Ich habe mal einen einzelnen Seehund am Strand gesehen, aber so eine Bootstour habe ich noch nicht mitgemacht. Muss ich mir für den Sommer merken!
    LG
    Sabine

    • Ahoi Sabine! Ich hatte vor Texel auch erst einmal Seehunde und/oder Robben aus der Nähe gesehen. Auch wenn Sie auf Noorderhaaks scheinbar faul in den Sonne lagen … ich war wie gebannt! Unbedingt eine Tour mit einem kleinen, wendigen Boot buchen. Dann kommt man näher an die Tiere. Sonnige Grüße, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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