Curaçao – zwischen Dushi, Okraschoten und Robinson-Feeling

“The Caribbean is an immense ocean that just happens to have a few islands in it.” Derek Walcott

Ein Stück Holland in der Karibik
Kaum 60 Kilometer trennen das südamerikanische Festland von Curaçao. Zwischen dem Kontinent und der Antilleninsel liegt jedoch eine ganze Welt. Geologisch gehört Curaçao durchaus zu Südamerika, politisch seit 1815 zum Königreich der Niederlande, ethnisch ist das Eiland ein riesengroßer Schmelztiegel. Was Besuchern bei ihrer Ankunft in der Hauptstadt Willemstad zuerst auffällt, ist jedoch ganz und gar holländisch geprägt: verspielte Gebäude mit Ziergiebeln wie man sie ganz ähnlich in Haarlem, Delft oder Leiden findet. 
Der entscheidende Unterschied: Willemstad ist bunt. In Bonbonfarben leuchten die Häuser der zum UNESCO Welterbe zählenden Mini-Kapitale. So bunt wie man sich die Karibik eben vorstellt: im Türkis des Meeres, im Grün der Palmen, im Orange, Gelb und Blau der tropischen Fische. Bunt wie die Kleidung der Insulaner, die zwar nur noch selten in schmuckem Kopfputz und ausgestellten Röcken anzutreffen sind, die aber ihre Vorliebe für auffallende Farben behalten haben.

Architektonisches Erbe
Jede Reise nach Curaçao beginnt und endet in Willemstad. 125.000 Einwohner vermutet man hier nicht, gibt es doch keine in den Himmel ragenden Bauten. Vielmehr breitet sich die Stadt zu beiden Ufern des Schottegat aus, einem natürlichen Hafen im Südwesten der Insel, schmiegt sich flach an die Küste und verästelt sich fein wie ein Korallenkamm in die Stadtteile Punda, Pietermaai oder Otrabanda. 
Otrabanda ist traditionell arm, besitzt jedoch eine reiche musikalische Tradition. Wer sich für die Geschichte und die Geschichten hinter den farbenfrohen Häusern hier interessiert, schließt sich einer Führung des Architekten Anko van der Woude an. Dessen Herz schlägt für die alte Bausubstanz. Van der Woude, geboren auf der Nachbarinsel Aruba, aufgewachsen auf Curaçao, setzt sich leidenschaftlich für die Erhaltung und Restaurierung des Viertels ein. Ein nicht ganz einfaches Vorhaben, denn viele dieser architektonischen Schätze, gehören Erbengemeinschaften, die uneins sind über deren Zukunft. Wie bei Haus Stroomzigt. Seit Jahren steht es leer, sich selbst überlassen im verwilderten tropischen Garten hinter den weißen Mauern. Der Architekt seufzt. Schließlich hat hier Gerrit Rietveld höchstpersönlich Spuren hinterlassen: Im Haus befindet sich eine einzigartige stählerne Wendeltreppe des begnadeten Baumeisters.

Doch nicht alles im Viertel ist dem Verfall preisgegeben. Ein Vorzeigeprojekt der Restauration ist das heutige Boutique-Hotel Kurá Holanda, das unter Federführung van der Woudes entstanden ist. Seite an Seite mit dem gleichnamigen Museum, das das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Insel nachzeichnet: die Sklaverei. Das kleine Museum ist sehenswert. Besucher brauchen jedoch starke Nerven, so plastisch wird das Schicksal der afrikanischen Sklaven geschildert.

Pulsierendes Punda
Jenseits des Schottegats liegt Punda, erreichbar über die „Swinging Old Lady“, eine drehbare Pontonbrücke aus dem Jahr 1888. Im Takt der Schiffe, die hier die Hafeneinfahrt passieren, schwingt die Königin-Emma-Brücke, so ihr offizieller Name, komplett zur Seite. Fußgänger müssen sich beim Signal sputen. Und in der Zwischenzeit auf kleine Fährboote ausweichen.

Punda ist das älteste Viertel Willemstads, pulsiert, ist voller Leben. Am Hafenkai verkaufen venezolanische Fischer, die wagemutig die Passage vom Festland über die offene See hierher unternehmen, ihren Fang direkt vom Boot. Hier reihen sich auch die Marktstände mit ihrem Angebot aus Früchten, Kochbananen und Süßkartoffeln aneinander. Für Käufer, die viel Hunger mitbringen, „schälen“ Männer mit Macheten-gleichen Messern Früchte und schneiden sie in mundgerechte Stücke. „Dushi“, wie man auf Curaçao sagt. Lecker!

Der Erde abgerungen
Wer tiefer eintauchen möchte in das Curaçao von heute, verlässt die Stadt und fährt hinaus aufs Land. Dort ist Auf- und Umbruch zu spüren. Die Ressourcen auf der Insel sind knapp. Umso erstaunlicher ist, was engagierte Menschen der Erde abringen. Noch dazu in diesem heißen Klima mit nur unregelmäßigen Regenfällen. Natürliche Wasserreservoirs sind knapp.

Da ist beispielsweise Ana Maria Roelofsen, die auf ihrer Plantage echte Aloe Vera anbaut. Die genügsame Pflanze, der auch anhaltende Dürre nichts auszumachen scheint, zeigt sich von außen abweisend und unnahbar. Ihre kräftigen, lederartigen Blätter sind scharf gezackt. Innen sind sie jedoch fleischig und saftig. Bei einem Schnitt sondert sich das kühlende Gel ab, das als Heilmittel schlechthin gilt. Als Trunk oder Tinktur, beispielsweise gegen Sonnenbrand. Überhaupt sei es gut für die Haut und auch die Darmflora, versichert Roelofsen.

Dinah Veeris, die zu den bekanntesten und angesehenen Persönlichkeiten Curaçaos gehört, hegt und pflegt die bedrohten Pflanzenarten der Insel und gewinnt daraus Medizin. Die Endsiebzigerin vereint das jahrhundertealte Wissen der Ur-Bevölkerung und das afrikanischer Medizinmänner, die als Sklaven auf die Antilleninsel verschleppt wurden, dokumentiert ihre Rezepturen penibel, um sie der Nachwelt zu erhalten und hat bereits mehrere Bücher über die heilende Wirkung der heimischen Botanik geschrieben. Ein Spaziergang durch ihre Gärten am Fuße des Tafelbergs Banda Riba ist wie ein Besuch in einer längst vergessenen Welt. 
Vom feudalen Landgut zum „Farm-to-table“
Zurück zu den Wurzeln zieht es auch Joshua Peiliker und seine Frau Femi. Ende Zwanzig, smart, lässig. Sie sind auf Curaçao aufgewachsen, haben in den Niederlanden studiert und sich dann für ein Wagnis entschieden: Seit wenigen Jahren nennen sie das alte Landgut Hofi Cas Cora ihr eigen, restaurieren es liebevoll Stück für Stück, bewirtschaften das Land und bieten den Ertrag unter anderem im eigenen Café an: „Farm-to-table“, vom Acker auf den Tisch. Die Arbeit ist mühevoll. Der Dürre trotzen sie mit sieben Brunnen, die zur Bewässerung der Felder von Windrädern angetrieben werden. Eine viel größere Gefahr sind jedoch die Leguane. Eine wilde Plage, die es auf die Keimlinge von Bohnen und Okraschoten, Auberginen oder Spinat abgesehen hat. Dagegen helfen nur Hofhunde. Peiliker und seine Frau sind zuversichtlich. Das Café floriert, ist auch bei Gesellschaften beliebt. Möglichst bald sollen Gästezimmer eingerichtet werden.

Gefühl von Weite
64 Kilometer lang, 16 Kilometer breit – die Insel ist überschaubar und lässt sich bequem auf eigene Faust erkunden. Am besten mit dem Mietwagen, denn öffentliche Verkehrsmittel haben ihren eigenen Takt und steuern lange nicht jeden interessanten Punkt an. Alte Landhäuser, deren Mauern uns Geschichten zuflüstern, die heute Museen und ein Weingut, Hotels, hübsche Bed & Breakfasts oder Cafés beherbergen, bieten jede Menge Abwechslung bei Sightseeing, Unterkunft und Essen. Für etwas Abenteuer sorgt eine Quad-Tour über staubige Pisten zu den Höhlensystemen und in die weitläufigen Kakteenfelder Curaçaos. Die Nationalparks Hofi Pastor oder Shete Boka zeigen den ursprünglichen Teil der Insel. In ihren flachen Lagu­nen fischen krummschnäbelige Flamingos nach Krebsen. 
Wie Robinson
Das eigentliche Karibik-Feeling stellt sich jedoch erst beim Scuba Diving – für Profis – oder beim Schnorcheln – für jedermann – an einem der unzähligen weißen, sehr gepflegten Strände ein. Bunte Korallenfische, mit etwas Glück Mantarochen und ganz sicher große Meeresschildkröten lassen sich aus nächster Nähe beobachten. Das Wasser ist klar und glitzert unter strahlender Sonne türkis. Wer einen Tag wie Robinson verbringen möchte, chartert einen Bootstrip auf die unbewohnte Insel Klein Curaçao. Allein die zweistündige Überfahrt ist ein unvergessliches Erleb­nis, wenn nämlich fliegende Fische und Delfine das Boot flankieren. Auf dem Eiland erwarten den Besucher Pelikane und Heerscharen scheuer Einsiedlerkrebse. Noch mehr Korallenfische, noch mehr Meeresschildkröten und noch intensiver leuchtendes Wasser. Wer jetzt noch nicht genug hat um­rundet Klein Curaçao zu Fuß, stößt auf der gegenüberliegenden Strandseite auf ein altes Schiffwrack, das uns dramatisch vor Augen führt, dass der Ozean seine eigenen Spielregeln hat. Und auf einen alten Leuchtturm, der längst nicht mehr in Betrieb ist. Und plötzlich fühlt man sich ganz klein, auf einem Quadratkilometer Sand, umgeben von der Weite des Ozeans.

© Text und Fotos: Jutta M. Ingala

Wer? Wo? Was?
Die südliche Karibikinsel Curaçao ist eine der Inseln unter dem Winde. Die poetische Bezeichnung verweist auf die Tatsache, dass das Eiland jenseits des Hurrikangürtels liegt und ein Ganzjahresreiseziel ist. Mit durchschnittlich 27 °C und einem stetigen Ostwind ist das Klima angenehm für Kultur-, Aktiv- und Strandurlauber. Die Zeitdifferenz zur mitteleuropäischen Sommerzeit beträgt – 5 Stunden. 
Individuell lässt sich Curaçao am besten im Mietwagen bereisen. Zahlreiche lokale und internationale Anbieter sind mit Büros in Willemstadt (Shuttleservice zum Fluhafen) vertreten. „Ducks United Curaçao“ ist eine unkonventionelle Autovermietung mit karitativem Hintergrund. Die bunten Citroën 2CVs sind über www.ducksunited.com buchbar. Auf der Insel herrscht Rechtsverkehr. Beim Tanken wird vorab am Schalter gezahlt.

Reiseplanung vor Ort mit den Apps Curaçao to go und Curaçao App. Funktionieren auch offline. Mit Hinweisen zu aktuellen Veranstaltungen, Hotels, Restaurants und Tauchorten, WLAN-Hotspots oder Geldautomaten. Außerdem Tagestipps, wichtigen Rufnummern und Währungsumrechner. Curaçao App auch mit interaktiver, zoombarer Landkarte.

Auf meiner Reise nach Curaçao wurde ich vom Curaçao Tourist Board unterstützt. Herzlichen Dank dafür!

9 Gedanken zu “Curaçao – zwischen Dushi, Okraschoten und Robinson-Feeling

  1. Pingback: Blogbummel Frühjahr 2018 – buchpost

    • Ach, Sabine, du kennst mich: Mir ja auch! Wobei ich für die vielen schönen Begegnungen und Erlebnisse die Hitze gerne einmal in Kauf genommen habe. Der grandiose Vorteil: Das Meer ist so schön warm zum Schwimmen :) Ja, an den Farben kann man sich schon erfreuen. Es ist, als würde die Insel Besucher überall mit einem Lächeln begrüßen! Sonnige Grüße übe die Grenze … bin gleich auch wieder in deiner Nachbarschaft, Jutta

  2. Ich kenne die kunterbunten Häuser aus Willemstad von Bildern und habe immer davon geträumt, mal dorthin zu reisen. Irgendwie hat sich mein Bild jetzt verändert. Es ist „runder“ geworden. Reicher. Spannende Geschichten, die du erzählst!
    Viele Grüße, Lea

    • Hallo Lea, genau das war auch mein Bild. Und am Tag der Ankunft war ich ein wenig enttäuscht, denn der Himmel war grau, Insel und Bewohner weniger bunt als in meiner Fantasie. Es war ein „Augenöffner“. Es gab noch mehr inspirierende Begegnungen, beispielsweise mit der alten Dame, die durch das Sklavenmuseum geführt hat. Ihre Geschichten gingen durch Mark und Bein. Und natürlich war sie ein Nachfahr von Sklaven … Auch das gehört zur Insel. Sonnige Grüße, Jutta

  3. Hallo Jutta, wie schön, dass es auf Curacao so interessante Menschen und Projekte gibt. Bei Karibik denke ich ja meist an Puderzucker-Strände, Sonnenliegen und Cocktails. Und Faulenzen : ) Schöner Bericht! LG, Anne

    • Hallo Anne, ja ich glaube, dass gerade dann, wenn dich Raum, Klima und mehr in deinen Möglichkeiten einschränken, musst du besonders kreativ sein. Und natürlich Leidenschaft mitbringen. Gerade die habe ich dort auf der Insel angetroffen. Puderzuckerstrände auch :) Liebe Grüße, Jutta

  4. Hallo Jutta, was für eine bunte Insel und bunter und farbiger Artikel. Und auch gerade für Dich …. es ist auch „Holland“, wenn auch ein paar Meter entfernt als sonst für Dich und auch etwas anders. Ich denke, über diese Insel werden wir von Dir noch ein paar Artikel hier sehen. Viele Grüße Winfried.

    • Hallo Winfried, ja, es ist AUCH Holland! In der kreolischen Sprache Papiamento merkt man den niederländischen Einfluss auch ganz stark. Es wird wohl nur noch ein Artikel folgen (einen älteren gibt es bereits hier auf dem Blog), was aber nicht bedeutet, dass die Insel nicht ganz ganz viel zu bieten hätte! Nicht alles ist schön, aber vielfältig und bunt und eben mehr als nur Sonne und Strand! Ganz liebe Grüße, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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