Im Bärental [Trentino]

“How glorious the greeting the sun gives the mountains!“ John Muir

Unter mir ein blaugraues Meer, aufgewühlt, mit weißen Kronen. Ohne Anfang, ohne Ende. Am Horizont verschmilzt es mit dem Blau des Himmels. Meine Augen vermögen das eine nicht vom anderen zu unterscheiden. Doch was ich durchs kleine Kabinenfenster beobachte, ist nicht der Ozean. Vielmehr sind es die Alpen. Ein steinernes Meer, die gezackten Gipfel umspielt vom Dunst. Karg, kühl, abweisend. Dass an den südlichen Hängen der Herbst gerade sein goldenes Blätterkleid über die Landschaft gelegt haben soll, kann ich mir noch nicht so recht vorstellen.
Alpe Cimbra
In der Nachmittagssonne wirkt die Ortschaft ziemlich verschlafen. Genau genommen ist außer uns keine Menschenseele zu sehen. Es ist Herbst in Folgaria. Die Zeit, in der alle durchatmen. Vorbei ist der aufregende Sommer, die Hochsaison für Wanderer und Mountain-Biker, die dann die Hochebene erobern. Der turbulente Winter, wenn Skifahrer den Pulverschnee auf endlosen Pisten und Loipen mit ihren Spuren durchziehen, steht noch bevor. 
Folgaria zählt 3000 Einwohner. Und die Stille steht ihr gut. Zusammen mit den Ortschaften Lavarone und Lusérn bildet dieser Teil des südöstlichen Trentino die Alpe Cimbra, die Zimbrischen Alpen. Wir sind zum Wandern verabredet. Es soll vom Valle Orsara, dem Bärental, hinauf zum Alta Pioverna gehen. Etwas mehr als 400 Höhenmeter sind auf der Strecke zu überwinden. Nicht besonders schwierig, denke ich. 
Der Duft des Herbstes
Los geht es auf 1300 m Höhe. In Begleitung von Marco Bertoldi, Bergführer, Mountainbiker und offensichtlich gut zu Fuß. Aber wir alle halten munter mit. Bären, die dem Tal seinen Namen gegeben haben, verirren sich nur noch selten in die Region erfahren wir. Und tatsächlich treffen wir hinter dem lichtdurchfluteten Wäldchen nur auf gutmütige Wiederkäuer, die die noch grünen Weiden bunt sprenkeln. Es duftet würzig nach Gras und Kräutern. Und wenn der Herbst einen eigenen Duft hat, dann liegt auch der in der Luft. Trotz der milden Temperaturen – es sind vielleicht 16 oder 18 Grad – ist mir schon recht warm. Der Anstieg auf dem Pfad war nicht besonders steil, aber der Unterschied zum Wandern in meiner flachen Heimat macht sich doch in den Waden bemerkbar. Die Höhe tut das ihre dazu. 
Agriturismo
Die Pause an der Malga Vallorsara ist darum sehr willkommen. Zwischen mächtigen Tannen öffnet sich eine Lichtung, dort liegt der kleine Hof und bietet Wanderern ein Refugium. Wer bleiben mag, kann auch in einem der vier Zimmer übernachten. Alle sind aus unterschiedlichen Hölzern gearbeitet und duften herrlich! In der Gaststube serviert uns Hausherr Armando verschiedene Käse, die auf dem Hof hergestellt werden: Tosella und Vezzena, Caciotta und Maso. Ein saftiger Schinken kommt ebenfalls auf den Tisch. Liebevoll angerichtet, mit Blüten dekoriert. Eine einfache Mahlzeit, aber unglaublich gut. Trentino_6GradOst_8846
Aufstieg
Hinter dem Hof setzen wir die Wanderung fort, der Weg wird anspruchsvoller, den Pfad erkennen wir nicht gleich. Marco weist auf markante Punkte, die wir uns einprägen sollen. Und macht vor, wie wir den Weg zum Gipfel am besten meistern. Das Tempo bleibt mäßig, das Geheimnis liegt im Rhythmus: wir sollen mit den Kräften haushalten, dann wird alles einfacher. 
In unserem Rücken bettet sich die Sonne zur guten Nacht, taucht den Himmel und die Bergspitzen, deren Namen wir nicht kennen, in sanft leuchtende Farben. Wie sie dann vollends versinkt, das können wir vom Gipfel beobachten. Ein wenig stolz sind wir schon, hier oben angekommen zu sein. Und ein wenig still. Denn für die grandiose Aussicht, die sich uns bietet, findet niemand die passenden Worte! 
Schon gewusst?
Dass in der Alpe Cimbra mancherorts noch Zimbrisch gesprochen wird? Die einen behaupten, es sei ein uralter bayrischer Dialekt. Die Zimbern selbst sprechen von einer eigenen Sprache. „S baibe“ ist die Ehefrau. Da hört man das „Weib“ heraus. „Di diarn“ – Wer kennt die „Dern“? – ist das Mädchen. Seit 1000 Jahren hat sich die Sprache in den Tälern der Voralpen erhalten.

© Text und Fotos: Jutta M. Ingala

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Wer? Wo? Was?
Folgaria
liegt nur rund 40 km von den Ufern des Gardasees entfernt. Die nächsten Flughäfen sind Venedig, Verona, Bergamo oder Mailand. Von dort geht es mit dem Pkw weiter ins Alpe Cimbra. Der Herbst mit seinen milden Temperaturen und dem schön gefärbten Laub ist die ideale Jahreszeit für Wanderungen oder Mountainbiking in der Region. Alles Wissenswerte zu Unterkünften und Freizeitgestaltung gibt es auf der Website der Region Alpe Cimbra.

Auf meiner Reise durch die Alpe Cimbra wurde ich von Visit Trentino unterstützt. Herzlichen Dank dafür!

 

17 Gedanken zu “Im Bärental [Trentino]

  1. Hallo Jutta,
    wunderschöne Bilder. Ich liebe den Herbst und die Berge. Den Bärental in Trentino kenne ich allerdings noch nicht. Es wäre auf jeden Fall eine Reise wert.
    Liebe Grüße
    Ina

    • Hallo, liebe Ina, herzlichen Dank! Ja, die Berge habe ich in den letzten Jahren auch für mich entdeckt und der Herbst ist ohnehin meine allerliebste Jahreszeit. Beides zusammen: Hat ganz viel! Individuelle Wanderungen sind meist am schönsten. Was ich hier jedoch sehr genossen habe, waren die vielen Geschichten von Marco rund um das Tal, Flora und Fauna, Geschichtliches und vor allem Spannendes über das Zimbrische, einer alten Sprache, die dort oben in der Alpe Cimbra noch von rund 1000 Menschen gesprochen wird. All das mag ich sehr! Sonnige Grüße, Jutta

    • Guten Morgen, lieber Klaus, dann auf! Wandern dort ist herrlich! Hier im flachen Münsterland – wo es auch wunderschön ist, wo man fantastisch wandern, aber noch viel besser Radfahren kann – werden die Waden ja nicht so sehr gefordert. Und die Aussichten, nun, die gehen immer nur geradeaus und sie nie so erhaben. Beides reizvoll. Doch seit einigen Jahren fasziniert mich zunehmend der Blick über die Gipfel und hinab in ein Tal, einen Blick, den man sich zuvor „erarbeiten“ darf. Und diese Hütten entlang des Wegs, die mit einem einfachen, dafür ungemein gutem Imbiss zum Verschnaufen einladen, die gibt es hier in dieser Qualität ganz und gar nicht. Ein schöner Ort, das Bärental, den ich dir ans Herz lege! Liebe Grüße, Jutta

      • Liebe Jutta, das Bärental ist jetzt auf der „Wish list“. Ich kann Deine Faszination sehr gut nachvollziehen, denn der Blick von einem Gipfel (den man selbst erklommen hat), hat schon etwas erhabenes. Vor Allem, wenn es Gebiete sind, die noch still und nicht völlig überlaufen sind.
        Liebe Grüße, Klaus

    • Hallo, liebe Andrea, danke dir und freu mich! Ich liebe den Herbst und es gibt doch kaum Schöneres, als durch die sich bunt verfärbende Landschaft zu wandern … oder zu radeln … um die Lungen mit frischer Luft zu füllen! Einfach nur genießen! Sonnige Grüße in den Norden, Jutta

  2. Hallo Jutta,

    bei den tollen herbstlich gestimmten Bilder bekommt man direkt Lust, dort hinzufliegen. Der Herbst ist doch auch eine schöne Reisezeit, alleine die schönen Aufnahmen der Blätter! Dort wo Du warst war ich noch nie, aber x Mal am Gardasee.

    Malga Vallorsara habe ich in Google Maps gefunden, aber nicht Euer Ziel, den Malga Vallorsara :(

    Ich bin zwar keine ängstliche Person, aber ich hätte doch ein bißchen Schiß, wenn ich im Trentino -wenn dann hoffentlich auch weit entfernt- einen Bären sehen würde, auch wenn wir nicht zu deren normalen Beuteschema gehören. (s. hierzu https://bit.ly/2QJvcmM und https://bit.ly/2xnYhMu)

    PS: Zu den Flughäfen in der „Nähe“ könnte man übrigens auch noch Bergamo hinzufügen.

    Viele Grüße
    Winfried

    • Guten Morgen, lieber Winfried, der Herbst ist ja meine liebste Jahreszeit! Und das nicht erst seit der Wanderung in der Alpe Cimbra. Danke übrigens für die Links. Ich muss gestehen, dass mir in der Gruppe wohl war. Alleine wäre mir vielleicht auch ein wenig mulmig gewesen. Es ist großartig, dass es die Bären gibt. Würde man selbst einem begegnen, sähe man es vielleicht etwas anders … Malga Vallorsara ist der Hof. Wir haben den Pfad weiter unten genommen, am Hof vorbei und dann in die Höhe. Wie die Pfade ausgeschildert, kann ich gar nicht mehr sagen, weil wir mit unserem Bergführer unterwegs waren. Übrigens auch eine Empfehlung von mir, wenn man selbst nicht so fit im Kartenlesen oder in der Orientierung ist (wie ich!). Und natürlich toll, um viel über Flora, Fauna und auch Geschichtliches zu erfahren! Bergamo nehme ich mit auf – danke dafür! Und auch herzlichen Dank fürs Mitlesen, Jutta

  3. Liebe Jutta, so ein Ausblick zum Finale einer Wanderung ist schon echt reizvoll, muss ich sagen. Das fehlt uns hier im Norden ja in der Regel. So schöne Fotos. Liebe Grüße, Stefanie

    • Moin Stefanie, ich verrate dir etwas: Es kam noch besser! Oben gab es eine Hütte, ein paar ältere Herren hatten dort für uns gekocht und einer spielte auf dem Akkordeon. Mag sich kitschig anhören, war aber der perfekte Abschluss für diesen grandiosen Tag! Auf so einen Berg zu kraxeln, auch, wenn diese Wanderung vielleicht nicht soooo sehr anspruchsvoll war, ist eine schöne Herausforderung. Und ja, die Belohnung ist die Aussicht. Und ein ganz tolles Gefühl im Bauch! Aber das Meer, ach das Meer … Auch ganz große Liebe! Grüße nach oben an die See! Jutta

  4. Hallo Jutta,
    das weckt schöne Erinnerungen! In der Region waren wir vor vielen Jahren einmal im Sommer wandern. Vielleicht sollten wir wieder einmal hinfahren. Auch wegen des guten Essens!
    Grüße, Bernd

    • Salut Bernd und lieben Dank, das freut mich! Das gute Essen gehört auf jeden Fall zu einem Aufenthalt im Trentino und ich bin ja der Meinung, dass ein Ort oder eine Region je nach Jahreszeit eine völlig andere Wirkung auf ihre Besucher hat : ) Danke fürs Mitlesen, Jutta

  5. Ich bin eine begeisterte Wanderin! Die Berghütten, wo man seine Brotzeit bekommt, machen so eine Wanderung erst so richtig „rund“! Im Trentino war ich schon. Aber immer im Sommer. Herbst klingt gut!
    Schöne Grüße,
    Doreen

    • Hallo Doreen, ja, so habe ich das auch empfunden, wobei wir schon relativ schnell an der Hütte waren. Aber bis zum Gipfel gab es dann auch keine mehr! Nun war unsere Wanderung relativ kurz. Bei einer längeren Tour sehnt man sich wahrscheinlich sehr nach dem nächsten Refugium, um die müden Beine zu strecken. Und um etwas Herzhaftes zu essen für den nächsten Energie-Kick : ) Herbst ist immer eine gute Idee: meine Lieblings-Jahreszeit! Sonnige Grüße, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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