I | am | sterdam [Amsterdam]

„But words are water in Amsterdam, they flood your ears …“ Jessie Burton
Passé, aus, vorbei: Das ikonische Streetsign hinterm Rijksmuseum in Amsterdam ist Geschichte. Angeklagt, verurteilt, am 3. Dezember 2018 demontiert.

Doch warum eigentlich? Schließlich gehörten die zehn Lettern zu den beliebtesten Fotospots der niederländischen Hauptstadt. Ein Magnet für Besucher. Doch genau das wurde zu einem Problem. Das Iamsterdam-Sign fördere Massentourismus und signalisiere falsche Werte, so die Kritik. Bis zu 6000 Besucher waren es zuletzt, die sich hier täglich um den besten Platz fürs Selfie drängelten. Klick und weg.

2004 wurden die roten und weißen Buchstaben, ein visuelles Wortspiel der Frase „I am Amsterdam“, als Symbol für die Vielfalt der Bürger der Stadt aufgestellt. Vielfalt hinsichtlich Herkunft und Hautfarbe, sexueller und religiöser Orientierung. Ein Zeichen für Toleranz und Solidarität. Doch die Botschaft war längst untergegangen im „Klick und weg“. Amsterdam schien auf einen Schriftzug, auf das Karree am Museumsplein reduziert.

„Dabei hat die Stadt so viele Gesichter!“ findet auch Anja, Fotografin und Filmemacherin. Vermutlich eine von nur wenigen „echten“ Amsterdamern, die noch in der Grachtenstadt leben: „Man wohnt inzwischen in Purmerend.“

Stadt auf Pfählen
Dort, wo sich heute die Stadt entlang der Grachtengürtel ausbreitet, war einst Sumpf. Baugrund kann man ihm nur mit Mühe abringen, Häuser werden auf Pfählen errichtet. Gegen Ende des 12. Jahrhundert ist die Siedlung Amstelledamme – Damm an der Amstel – nicht mehr als ein kleines Fischerdorf. Vor allem Hering wird hier an Land gebracht. Bald weicht der Fischfang dem Handel. Getrocknet und gepökelt wird Hering in großen Mengen umgeschlagen, auch Getreide und Bier. Die Stadt blüht auf und der Bedarf an Baumaterial, vor allem für Häuser und Schiffe, wächst rasant. Aus Norwegen wird Holz importiert, im Gegenzug Jenever exportiert. Der Walcholderschnaps ist übrigens noch heute äußerst beliebt und weit verbreitet in Südnorwegen.

Seeleute, Händler, Handwerker – sie alle zieht es nach Nordholland in die aufblühende Stadt. Um 1345 entdecken Pilger sie für sich: das „Mirakel von Amsterdam“ zieht frühe „Touristen“ an. Amsterdam wird bunt.

De Pijp
Heute leben Menschen aus über 170 verschiedenen Nationen in der Stadt an der Amstel, deren von herrschaftlichen Häusern gesäumter Grachtengürtel als beispielhaft für die Baukunst des Goldenen Zeitalters gilt und zum Welterbe der UNESCO gehört. Eines der Viertel, die die kulturelle Vielfalt Amsterdams besonders schön spiegeln, ist „De Pijp“. Boutiquen, Cafés und winzige Restaurants jeglicher Coleur, vor allem der bunte Albert Cuyp-Markt – benannt nach einem der bedeutendsten niederländischen Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts – reihen sich in „De Pijp“ zu einem eigenwilligen multi-kulti Ensemble. Hier schrupselig, dort chique. Was einst Arbeiterviertel war, ist heute beliebt bei Studenten. Architekturliebhaber entdecken schöne Häuserzeilen, die zu Beginn des 20. Jahrhundert vom Architekten Hendrik Petrus Berlage im Stil der Amsterdamer Schule geplant wurden. Vielleicht kein Hot Spot für Selfies, doch sehr fotogen fürs Kennerauge.

Unterwegs mit Anja
Eigentlich bin ich wegen der neuen Hockney-Ausstellung im Van Gogh Museum in Amsterdam. Wie van Gogh Hockneys Kunst beeinflusst hat, ist in einer spannenden Gegenüberstellung von Werken beider Künstler unter dem einfachen wie schönen Titel „The Joy of Nature“ nachzuspüren. Eine Videoinstallation, die Hockneys nordenglische Heimat zu unterschiedlichen Jahreszeiten wie in einem bewegten, sich fortwährend veränderndem Puzzlebild zeigt, wird zum persönlichen Highlight.

Doch nach der Kunst möchte ich Kontrastprogramm. Und mich ein wenig treiben lassen, auch wenn ein Besuch in Amsterdam im Grunde immer sehr entspannt ist. Für den Gegenpol zu Hockney und van Gogh bin ich mit Anja verabredet. Aus purer Lust an Begegnungen mit Gästen aus aller Welt ist die Fotografin regelmäßig als Guide für „Withlocals“ unterwegs. Wir treffen uns am Albert Cuyp-Markt. An einem Käsestand. Welcher Ort wäre passender?

Hier beginnt unsere Food Tour der etwas anderen Art. Wir erleben Amsterdam auf der Zunge, verfeinert um Geschichten aus dem Gestern und vom Heute, erzählt von meiner Gastgeberin. Beim Käse, von dem uns die gut gelaunte Dame am Stand eine gewürfelte Auswahl von buttergelb bis  tieforange auf einem Teller arrangiert, vergesse ich gleich alle Namen. Mein Gaumen ist gefordert, meine Nase … und dem gebe ich mich dann auch ganz ungeniert hin.

Stroopwafels, Hering und Bitterballen
Wir schlendern weiter, vorbei an den Marktständen, deren Angebot von gerippter Unterwäsche über nietenbewerte Gürtel bis hin zu Pudelmützen reicht. Dazwischen die „Fressbüdchen“. Marktgänge machen schließlich hungrig. Es gibt Poffertjes und Patat, buntes Gemüse und noch buntere Fische. Und dann prangt dort in großen Lettern „Original Stroopwafels“. Doch auch ohne die auffällige Werbung hätte für mich kein Weg am Stand vorbeigeführt: Die Luft ist schwer von süßem Duft!

Wer hin und wieder in den Niederlanden unterwegs ist, kennt die knusprig-dünnen Doppelwaffeln mit Karamellfüllung. Meist sind sie abgepackt und dann etwas zäh zwischen den Zähnen. Auf Wochenmärkten wie hier werden sie frisch gebacken und dem Kunden warm in die Hand gereicht. Gleich beim ersten Bissen fließt einem der Sirup üppig über die Lippen und unweigerlich auch über die Finger. Eine himmlisch klebrige Angelegenheit! Wer es sehr süß mag, wird Stroopwafels lieben. Alle anderen sollten zumindest einmal hineinbeißen. Die runden, meist 10 cm großen Kekse, kennt man seit gut 200 Jahren in den Niederlanden. Ursprünglich stammen sie aus Gouda. Und ob original oder nicht: Hier am Markt in „De Pijp“ sind sie unglaublich gut.

Mehr passt jetzt eigentlich schon nicht mehr in meinen Magen, doch Matjes – besonders mild eingelegte Heringe, die zwischen Ende Mai und Anfang Juni gefangen werden – mit Zwiebeln und Gurke räumen dort ein wenig auf, damit schließlich auch noch ein, zwei Bitterballen meinen Gaumen kitzeln können. Die runden, frittierten Kroketten mit einer Füllung aus Fleischmasse – mehr mag man gar nicht wissen – werden warm in Senf getunkt. Vor dem ersten Bissen unbedingt einmal anpusten, andernfalls verbrennt man sich die Zunge. Ein kühles Bier darf da gerne griffbereit stehen.

Niet opscheppen
Inzwischen bin ich pappsatt. Eigentlich steht noch indonesische Küche auf der Agenda, doch wir beschließen, einfach in einer gemütlichen Kneipe zu verweilen, noch ein „biertje“ zu trinken und zu plaudern. Über die indonesische Küche und warum sie einen Einfluss auf die niederländische hatte. Was es in diesem Zusammenhang mit den ostindischen Kolonien und dem Goldenen Zeitalter auf sich hat. Warum Amsterdam zwar prächtig, aber nicht protzig ist – schließlich ist man protestantisch und da gibt man sich nach außen schlichter. Und das sei auch der Grund für die oft nur kurzen oder gänzlich fehlenden Gardinen vor niederländischen Fenstern: Denn als Protestant hat man nichts zu verbergen. „Niet opscheppen“, nicht zu dick auftragen … nicht prahlen. Nein, das tut man hier nicht. Im Gegenteil: Amsterdam ist herrlich entspannt. Eine bunte Vielfalt. Bereichernd schön.

© Texte und Bilder: Jutta M. Ingala

WER? WO? WAS
Wer Lust auf spannende Begegnungen hat und Amsterdam aus den Augen seiner Bewohner entdecken möchte, ist richtig bei Withlocals: Hier wird die Stadtführung Amsterdam zu einer ganz besonderen Entdeckungsreise, zum Beispiel auf einer Foodtour mit Anja in „De Pijp“. Tour auswählen, Local mit gleichen Interessen auswählen, Datum und Uhrzeit bestimmen – schon ist die Tour reserviert!

„You are only here for a short visit. Don’t hurry, don’t worry. And be sure to smell the flowers along the way.”

Auf meiner Reise nach Amsterdam wurde ich vom NBTC und von Withlocals unterstützt. Herzlichen Dank dafür! 

 

 

 

8 Gedanken zu “I | am | sterdam [Amsterdam]

  1. Ist doch eigentlich witzig, dass alle immer die gleichen Selfies machen wollen. Woran das wohl liegt? Da hast Du mir jetzt für länger etwas zu Denken gegeben. Vielen Dank. Und liebe Grüße, Stefanie

    • Na ja, man sieht es, findet es toll und will es auch haben … machen … Die Frage ist tatsächlich: Warum? Für mich selbst? Für die Welt da draußen, so dass alle sehen „Hey, ich auch!“ Ich finde die Idee sehr schön, den „I am sterdam“-Schriftzug bald durch de Stadt touren zu lassen, um auch andere Viertel in den Fokus der Besucher zu rücken. Wobei natürlich nicht viel gewonnen ist, wenn die Masse den Buchstaben nur folgt, um einmal mit dem Handy drauf zu zielen … Es ist eben die Selbstinszenierungssucht der Menschen … und ganz ehrlich Stefanie … du beobachtest es ja auch auf Social Media: Es ist so ermüdend, so nervig, so „fake“. Ein wenig mehr Individualität! Nicht wahr? Machen wir? Lieben Gruß, Jutta

  2. Das ist doch mal eine nette Idee! Überhaupt ist es toll, eine Stadt abseits der ausgetretenen Pfade zu erkunden. Ich kann die Amsterdamer sehr gut verstehen, dass sie keine Massenaufläufe an solchen zentralen Punkten möchte. Eine so große Stadt hat schließlich viele tolle Viertel und dafür darf man sich als Besucher ja auch gerne mal Zeit nehmen. Wenn man dann noch mit einem Local unterwegs ist und ganz nebenbei ganz viel erfährt: perfekt! Stroopwafel kenn ich, allerdings nur die abgepackten. Werde ich demnächst einmal in den frischen Variante probieren. Mit dem Fisch hab ich es nicht so … : ) Nele

    • Ich denke, heute ist es wichtiger denn je, in Städten oder sonstwo NICHT die Hotspots, die Highlights aufzusuchen., die – so ist es nun einmal – überrannt werden. Wo man Schlange steht, wo man vor lauter Touristen keine Locals mehr sieht, wo das, was man eigentlich sucht … eine besondere Atmosphäre … gar nicht mehr existiert. Ist es nicht viel schöner, einen Ort ganz entspannt zu entdecken, nach den kleinen Dingen Ausschau zu halten? Ich meine ja! Für mehr Glücksgefühl beim Reisen oder auch im Alltag, je nachdem :) Ganz liebe Grüße, Jutta

  3. Hallo Jutta,

    was ein passender Artikel! Anfang Mai werde ich 6 1/2 Tage in Holland sein. Nach Amsterdam will ich einen Tagesausflug machen, auch ins Van Gogh- (meinem Lieblingsmaler) und ins Rijksmuseum. Bei Deinen kulinarischen Tipps insbesondere zu den Süßigkeiten bekomme ich jetzt am Freitag abend direkt Hunger. Und jetzt habe ich schon mal ein paar Tipps.

    Die Geschichte von Amsterdam klingt ein bißchen wie die die von Venedig. Nächste Woche muß ich mich etwas näher mit den Niederlanden beschäftigen. Die Führungen mit den bei Dir erwähnten Locals klingen ganz interessant und persönlich. Wenn ich dann das nächste Mal in Amsterdam sein werde werde ich sicherlich die ein oder oder Tour dort buchen.

    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende

    Viele Grüße
    Winfried

    • Lieber Winfried, schau dir das einmal an: Mit Menschen durch eine Stadt zu streifen, die sie ihr Zuhause nennen, hat was! Man kommt sich – und auch der Stadt – ganz nah. Ich mag das sehr gern und in diesem Fall hast du deinen „Local“ ganz für dich : ) Schau, da haben wir etwas gemeinsam: Ich liebe van Gogh auch sehr, mag seine etwas naive Art und die kräftig leuchtenden Farben. Seine Bilder verströmen soviel Freude … auch wenn der Maler nicht immer so ganz glücklich war! Liebe Grüße, Jutta

  4. Wieder einmal ein sehr schöner Beitrag! Und kulinarisch bist Du auf jeden Fall auf Deine Kosten gekommen. :-)

    • Liebe Christoph, es war hart … : ) Ich war nach dem Käse schon ziemlich satt, dann die Stroopwafels, denen ich ja gar nicht widerstehen konnte. Wie gut, dass Matjes da ein wenig neutralisierend wirken! Bitterballen … nicht wirklich mein Ding. Eher etwas, das „uit de muur“ kommt. Aber jetzt weiß ich, wie man sie isst – pusten ist essentiell! Auf jeden Fall hat die Tour viel Spaß gemacht und ich bin um ein paar Erkenntnisse reicher! Sonnige Grüße, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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