Oh, Vienna! [Wien]

Vom Altstadt Vienna durch den siebten Wiener Bezirk – ein Streifzug
Wer im siebten Wiener Bezirk lebt, will dort nicht mehr weg. Angesagt, eigenwillig, ein Dorf mitten in der Stadt. Hier hat sich eine kreative Szene ausgebreitet, für die man auch gerne einen Blick in die Durchhäuser und Innenhöfe wagen darf. Denn dort verbirgt sich hinter manch unscheinbarer Fassade Großes.

Wir sind in der Kirchengasse. Über Nummer 44 ragt eine schmucklose Reklame hinaus aufs Trottoir: Rösterei Fürth Kaffee ist dort zu lesen. Darunter öffnet sich eine braunrote Tür, die einen neuen Anstrich vertragen könnte, in einen Raum so klein wie ein Wohnzimmer. Doch die „Vibes“ sind gut, das spürt man gleich. Hier gibt es „Slow Coffee“. Aus Bohnen, die Inhaber Charles Fürth im Direct Trade aus Mittel- und Südamerika bezieht und handwerklich röstet, bereitet der Barista mit sichtbarer Leidenschaft Espresso, Flat White und Co. Mir zeichnet er kreativ Latteart in die Tasse, die Crema ist feinporig, der Gaumen freut sich.

Das Führt ist nur kurzes Intermezzo. Ein willkommener Stopp, um den Level an Koffein im Körper in Balance zu halten, bevor ich dem Esprit des Bezirks nachhasche. Zunächst aber heißt es ankommen in Wien, sich einrichten für die kommenden Tage. Und das werde ich wenige Schritte weiter die Straße hinauf, in Nummer 41. Dort trifft urbane Lebensart auf Grandezza. Im Patrizierhaus, das 1902 als Wohnhaus erbaut wurde und auch heute noch herrschaftliches Zuhause für Wiener ist, verteilen sich auf fünf Etagen auch die Zimmer und Suiten des Boutique-Hotels Altstadt Vienna. Hier leben Zuag’raste auf der Suche nach dem Wiener Lebensgefühl also Tür an Tür mit Bewohnern der Stadt. Hier verschmelzen Privates und Öffentliches mit Raffinesse. Hier gibt es Räume voller Kunst, individuell gestaltet. Von Künstlern, Modemachern und Architekten. Als Hommage an die Zeit oder Menschen mit Geschichte(n).

The Library Suite
Vielleicht wusste man, dass ich Bücher liebe. Echte Bücher, gedruckte, solche die zum Blättern einladen und dazu, mit den Fingern übers Papier zu fahren. Vielleicht ist es aber auch Zufall, dass ich die Library Suite beziehe: einen Raum voller Bücher. Mehr als 1000 Werke unterschiedlichster Genres, die in der vom Architekten Roland Nemetz gestalteten Suite zu einer großartigen Sammlung vereint sich. Enzyklopädien und Bildbände, Belletristik, Bücher über Architektur und ferne Länder. Schnell finde ich spannende Lektüre und nehme einen Band aus dem Regal. Eine 100 Jahre alte Feuertreppe macht die Bibliothek nicht nur begehbar, sie bietet auch eine ungewöhnliche Perspektive auf das Interieur, das warmes Nuss- und Eichenholz mit kühlem Stahl kontrastiert, während die meergrünen Bezugstoffe der Chaise-Longues mit den Farben einer surrealen Fotoarbeit des Österreichers Clemens Ascher ganz wunderbar korrespondieren. Originale von Charles und Ray Eames aus den 1950ern, auch von Arne Jacobsen und überall anziehende Details, die Geschichten erzählen. Ich höre gerne zu.

Am darauf folgenden Tag erfahre ich mehr über die Büchersammlung, denn ihr Besitzer begleitet uns zum Abendessen ins Sterne-Restaurant Tian. Zwischen Berlin und Wien pendelnd, ist er häufig zu Gast im Hotel. Jetzt hat der Freund Otto Wiesenthals – der leidenschaftliche Kunstsammler und Inhaber des Hotels entdeckte 1991 das Potential des historischen Gebäudes und erfüllte sich mit dem Altstadt Vienna einen lang gehegten Traum – etwas Bleibendes hinterlassen.

Wiener Lebensgefühl
Gestalterisch ist ganz Österreich im Altstadt Vienna vertreten, um im Haus ein breites Spektrum dessen zu zeigen, was Wiener Lebensgefühl ausmacht. Persönliche Interpretationen stammen etwa von Südtiroler Matteo Thun, dessen Suite mit rotem Samtmobiliar, pompösen Kronleuchtern und Damast-Tapeten den Zeitgeist des frühen 20. Jahrhunderts einfängt und im sogenannten Herrenzimmer mit Aktfotografien an Josefine Mutzenbacher, Wiens berühmtester Dirne, erinnert.

Oder von der in der Steiermark geborenen Designerin Lena Hoschek, die für sinnlich-erotische Mode steht – ein wenig Retro, ein wenig Pin-up. Sie verleiht ihrem Stil im Hotel mit opulenten Drapierungen, dunklen Farben und liebevoll arrangierten Bildern Ausdruck. Die von ihr gestaltete Suite verfügt sogar über eine eigene Bar.

Eine Hommage an den Wiener Designpionier Josef Frank hat Svenskt Tenn, für die Frank in den 30er Jahren arbeitete, geschaffen. Bunt und eigenwillig ist ihre Suite, mit mutigen Mustern und als zentralem Stück Franks stoffbezogenen, fröhlichen Schrank „522 Textile Mahagony“ von 1934.

Eigenwillige Gestaltung und Kunst zieht sich wie ein roter Faden durch alle Räume, durch die verwinkelten Korridore, durchs ganze Hotel, und endet noch lange nicht im Roten Salon, mit seiner großzügig gestreiften Tapete und dem großformatigen Kunstwerk von Iris Kohlweiß. Ein Raum wie ein Wohnzimmer, wo sich Gäste in Fotokunst verlieren, mit fesselnder Lektüre in einem der gemütlichen Sessel am Herdfeuer die Zeit vergessen oder beim Nachmittagstee über Wien und die Welt plaudern.

Mit Faden Papier und Falzbein
Gleich ums Eck vom Hotel, in der Neustiftgasse, betreibt Chloé Thomas ihre Papeterie Sous Bois mit einem bezaubernden Angebot schöner Papiere und Notizbücher, Stiften und Accessoires. Gerade erst erweitert um ein charmantes Café, in dem französische Lebensart kulinarisch mit dem Orient flirtet. Das Interieur leuchtet in Bonbonfarben, unter die sich kräftiges Gelb mischt. Hier darf man unbedingt verweilen. Und ja, das werden wir, denn wir sind zum Buchbinden gekommen, einem der Workshops, die regelmäßig im Sous Bois angeboten werden. Auch Kalligraphie oder Zeichnen kann man hier lernen.

Unter Anleitung von Anna Frey, freischaffende Grafikerin, die während des Studiums ihre Liebe zum Buchbinden entdeckt hat, wollen wir eine Schweizer Broschur mit weichem Einband anfertigen. Dafür sind auf dem Arbeitstisch sorgfältig Papiere mit wertiger Grammatur, dicke Nadeln und Knäuel bunter Fäden, Schere, Falzbein und mehr arrangiert. Ein hübsches Bild. Angemessen finde ich. Ist es nicht Maxim Gorki, der uns auffordert, das Buch zu lieben: „Es wird euch freundschaftlich helfen, sich im stürmischen Wirrwarr der Gedanken, Gefühle und Ereignisse zurechtzufinden.“?

Zuerst aber dürfen wir uns ordnend im Wirrwarr von Papier und Fäden finden: Bögen werden gefalzt, an der Falz durchbohrt und zu sechst mit dem Faden geheftet. Der fädelt sich besser durchs Papier, wenn er über Kerzenwachs gezogen wurde. Stimmt. Schließlich werden die einzelnen Papierlagen zum Buchblock geheftet. Spätestens jetzt arbeitet auch der letzte von uns hochkonzentriert. Soll doch der Faden dem richtigen Muster folgen, damit die Bindung hält. Am Ende hält jeder eine handgefertigte Broschur in Lieblingsfarbe in der Hand. Meine ist helles Blau mit Gelb. Sie ist nicht ganz perfekt und gerade deshalb so schön.

Wer sich für das Thema interessiert, findet übrigens in Annas jüngst erschienenen Werk „Bücher binden“ die Grundlagen und Techniken Schritt für Schritt erklärt und anschaulich illustriert. Erhältlich direkt bei der Autorin (bestellbar per Mail an workshops@vonfrey.at).

Nette Nachbarn
Kreativität macht hungrig. Da kommt das Mari’s Metcha Matcha in unmittelbarer Nachbarschaft der Papeterie gut gelegen. Im winzigen, ungezwungenen Lokal wird authentische japanische Küche serviert. Leicht, hübsch zubereitet fürs Auge. Jene, die nicht drinnen sitzen mögen und lieber noch durch die charmanten Straßen des Bezirks flanieren möchten, bestellen einfach ein, zwei leckere Onigiri für unterwegs. Die in Nori-Seetang gewickelten Reis-Snacks gibt es übrigens bereits seit der Senguko-Periode (1493-1590) als Wegzehrung. Wer hätte das gewusst?

 

© Text: Jutta M. Ingala. Bilder: Jutta M. Ingala, Altstadt Vienna

WER? WO? WAS
Das Boutique-Hotel Altstadt Vienna mit seinen 61 individuell gestalteten Zimmern und Suiten voller Kunst, liegt im siebten Wiener Bezirk am Spittelberg. Ein kreatives Viertel, das dank kleiner Boutiquen und Läden, Cafés und Restaurants in den letzten Jahren ungemein an Popularität gewonnen hat. In nur fünf Gehminuten flaniert man vom Altstadt Vienna ins Museumsquartier, einem der zehn weltgrößten Kunst- und Kulturareale. Knappe zehn Minuten sind es bis in die ehemalige Kaiserresidenz Hofburg.

Zwei Tipps für kulinarische Eskapaden am Abend
Im Café Ansari genießen Gäste im kunstvoll lässigen Interieur mit dezenten Retro-Anklängen eine unaufgeregte Mischung aus mediterraner, georgischer und internationaler Küche. Jazz, Swing und Balladen begleiten musikalisch durch den Abend, den man unbedingt mit einem Espresso abrunden sollte. Die Spezialröstung „Ansari Blend“ stammt übrigens von Fürth Kaffee!

Mit Sternchen und Hauben ausgezeichnet, aber ganz und gar nicht aufgesetzt: Im vegetarischen Sterne-Restaurant Tian kommt von der Wurzel bis zum Blatt alles auf den Teller. Gemüse als Hauptakteur – darunter auch Raritäten –, dem Chef de Cuisine Paul Ivić und sein Team erntefrisch die Seele entlocken. So zubereitet, dass die Geschmacksknospen vibrieren und die Sinne in Aufruhr geraten!

Altstadt Vienna
Kirchengasse 41
1070 Wien
Österreich
www.altstadt.at

„Net gschimpft is globt gnua!”* Auf meiner Reise nach Wien wurde ich vom Altstadt Vienna unterstützt. Herzlichen Dank dafür – bleibt einzigartig!

*[ „Nicht geschmipft ist genug gelobt!“ ]

 

 

12 Gedanken zu “Oh, Vienna! [Wien]

  1. Ach, die beiden Person-hinter-Person-hinter-Person-hinter-Person-Bilder! Das hast Du ja wirklich toll gesetzt. Richtig zum Freuen. Liebe Grüße, Stefanie

    • Da freue ich mich mit dir über deine Freude, liebe Stefanie! Ich hätte mich selbst dort einreihen sollen … leider fiel mir das erst später ein. Zuviel Ablenkung durch all die wunderbaren Ecken und Winke im Hotel! Herzliche Grüße in den Norden, Jutta

  2. Hallo Jutta,

    Wien mal anders. Das Hotel sieht ja schick aus. Leider gibt es nicht mehr so viele Hotels, in denen die Zimmer individuell eingerichtet sind wie in deinem Hotel Altstadt Vienna. Übrigens … nicht weit entfernt vom Hotel liegt das Vienna’s English Theatre. Kennen sicher die wenigsten Touristen. Wenn es sich ergibt besuche ich es immer, wenn ich in Wien bin. Immer einen Besuch wert!

    Geschäfte mit individuellen Papieren und dem ganzen „Krams“ finde ich toll. In Venedig kenne ich etliche solcher Geschäfte, in denen man solche schönen und edlen Sachen inkl. Federkiels, Kalender usw. kaufen kann. Leider nimmt das in unserer heutigen digitalen Zeit immer mehr und mehr ab. Und ich habe leider auch eine Sauklaue :( So ein eigenes Buch ist sicher etwas nettes!! Da macht das Reinschreiben direkt doppelt soviel Spaß. Ich hoffe, Du findest genug Dinge zum Festhalten.

    PS: Sag mal, ist das Bild mit der Eingangstür ins Hotelzimmer spiegelverkehrt abgebildet, weil die Beschriftung der beiden Messingschilder danach aussehen und auch das Tierbild an der Wand? :)

    Viele Grüße
    Winfried

    • Lieber Winfried, schön, wieder von dir zu lesen! Ja, auf jeden Fall, doch mein Buch habe ich an einen lieben Menschen verschenkt, der es hoffentlich mit schönen Gedanken füllt! Es stimmt schon, dass einerseits Orte mit eigenem Gesicht, mit Charakter zugunsten von Uniformem verschwinden, dass es Geschäfte, wo handwerklich Schönes angeboten wird, schwer haben. Auf der anderen Seite stelle ich auch eine Gegenbewegung fest, weil sich viele Menschen eben doch nach genau dem sehnen. Ein wenig suchen darf man da schon, doch das macht ja auch Spaß! Gut beobachtet übrigens: Spiegelverkehrt ist das Foto nicht, es wurde das Spiegelbild des Raums im Entree fotografiert. Also das Abbild im Spiegel! Bis bald, herzliche Grüße, Jutta

  3. Liebe Jutta,
    mir gefällt ja das Buchbinden sooooo gut! Dieser gelbe Faden hat es mir angetan. Soooo schön! Sollte es mich demnächst nach Wien verschlagen, werde ich es genau so machen: in dem schönen Hotel wohnen und einen Workshop machen. Das ist doch mal was anderes!
    Es grüßt dich Hanna

    • Ah, das freut mich Hanna! Und ja, es ist definitiv eine ganz andere Art, die kreative Szene einer Stadt kennenzulernen! Freue mich, dass du dich inspiriert fühlst, ganz liebe Grüße, Jutta

  4. Kunst, Kreativität und auch gutes Essen … lese ich zwischen den Zeilen :) Würde mir gefallen! Das Hotel sieht wirklich klasse aus. Das Zimmer von Lena Hoschek würde mich interessieren. Ist aber nicht auf den Bildern oder?
    Steffi

    • Hallo Steffi, ja, da hast du gut zwischen den Zeilen gelesen! Und leider nein, vom Hoschek-Zimmer habe ich keine Bilder machen können … Am besten du planst bei nächster Gelegenheit eine Reise nach Wien und buchst dich in das Altstadt Vienna ein! Wirst du nicht bereuen : ) Liebe Grüße, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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