Schmachtend am Stammtisch [Schwarzwald]

Landidyll im Glottertal
Ob tatsächlich so erzählt oder von mir in blühender Fantasie ausgemalt, lässt sich nach einem langen Abend bei samtigen Weinen und herbem Zibärtle nicht mehr mit Gewissheit sagen. Auch der Kontext ist nicht wirklich klar, doch das Bild, das sich da in meinen Kopf geschlichen hat, gefällt und bleibt: „Schmachtend am Stammtisch“.
Besagter Tisch ist aus altem Holz geschnitzt, steht im Schankraum vom Landidyll Hotel zum Kreuz im Glottertal und dient Männerrunden – vielleicht auch Damenkränzchen – als Treffpunkt für geselliges Miteinander. Ganz offensichtlich ersetzt er den Baum im Wald, in dessen Rinde Verliebte Herzen und Initialen zu ritzen pflegen, denn der „Stammtisch“ ist übersät mit Botschaften. Tief ins Holz gekerbt. Manche wohl uralt. Ihre Ränder sind schon ganz weich poliert.
Roter Bur
Einer der Stammgäste am Tisch ist Udo Opel, ein Freund unseres Gastgebers Karl-Heinrich Kunz. Mit ihm sind wir zum Herbstspaziergang vor dem Haus verabredet, das übrigens schon vor 400 Jahren erstmals erwähnt wurde. Seit 300 Jahren ist es im Familienbesitz. Altes Fachwerk und Pastellfarben, die im fahlen Morgenlicht eigentümlich leuchten. Über allem wacht ein goldgeschmückter Jesus am Kreuz.

Unter dessen – damals wohl verschlossenen Augen – wurde am Aschermittwoch (!) des Jahres 1829 – hemmungslos gefeiert und getanzt. Das brachte den damaligen Pfarrer Johannes Nepomuk Graf sehr in Rage. „Das Kreuz sei überhaupt ein rechter Sammelplatz von Sauf- und Spießgesellen, alles Lumpengesindel, das talein oder -auswärts gehe, finde dort seine Unterkunft und zwar zu jeder Stunde, weil man sich dort an keine Ordnung oder Gesetz binde.“ So soll er gewettert haben, so steht es in den Annalen der Familie Kunz.

Udo Opel, sportlich, mit wachen Augen und lebhaftem Naturell, steht den Glottertaler Winzern vor. Organisiert in der Genossenschaft Roter Bur bewirtschaften sie rund 60 Hektar an den Steilhängen der Gemarkung. Das Glottertal sei die Wiege vom Weißherbst, der hier schon seit Anfang September geerntet wird, so Opel. Inzwischen ist Oktober, die sonnenverwöhnten Rebhänge, die mit einer Neigung von bis zu 70 Prozent zu den steilsten in Deutschland gehören und fast ausschließlich Handlese erlauben, sind bunt gefärbt. Wir wandern los. Neugierig, vielleicht noch einen Blick auf die Ernte zu erhaschen.
Breisgauer Weinweg
Für ein kurzes Stückchen folgen wir dem Breisgauer Weinweg. Über rund 99 Kilometer führt der von Freiburgs Altstadt in leichten Tagesetappen durch das Glottertal und weiter bis nach Diersburg, das einen gewissen Ruhm erlangt hat, lebte hier doch – wenn auch nur sehr kurz – Friederike Brion. Mit ihr unterhielt der junge Goethe eine heftige – ebenfalls nur sehr kurze – Liebschaft, die ihn zu einigen seiner schönsten Gedichte inspirierte.

Doch Diersburg ist nicht unser Ziel. Wir überqueren die Glotter. Udo Opel benennt die Hänge: Schlossberg, Einbollen, Lage Eichberg … 380.000 Liter Wein habe die Winzergemeinschaft zuletzt produziert. Weinreben werden hier im Tal übrigens seit 1820 kultiviert. Heuer feiert man also Jubiläum. Auf den noch grünen Wiesen nehmen sich windschief verwitterte Hütten und akkurat geschichtete Holzstapel ungemein hübsch aus. Aus der Ferne grüßt eine Kirchturmspitze. Schnell noch einen Haufen dunklen Trester in Augenschein nehmen: Er liegt im Gras, gärt, fühlt sich warm an in der Hand. Aus Trester entsteht Hochprozentiges, aus den Kernen Öl.
Wie die Bienen, so die Wanderer
Ein schmuckes Haus mit weißer Fassade, vor den rot gerahmten Fenstern üppig gefüllte Blumenkästen, im Vorgarten fette Kohlköpfe und anderes Gemüse. Ins Küchengrün tupfen Blüten auf filigranen Stängeln heitere Farben, dicke Dahlien schaukeln orange. Der Berg hat dem Schlosshof seinen Namen verliehen. Er wird von Pia und Werner Lickert bewirtschaftet. Sie haben sich auf Edelbrände spezialisiert. Pia Lickert steht in Gummistiefeln und mit aufgerollten Ärmeln auf der Streuobstwiese. Die Ernte ist in vollem Gange. Den Auftakt machen im Juni die Kirschen, gefolgt von Pflaumen und Mirabellen, dann werden die Äpfel und Birnen reif. Jetzt haben Zibärtle, eine alte Wildpflaumenart, Saison. Die Früchte werden vom Baum gerüttelt und von Hand aufgelesen. Sechs Tonnen pro Woche, erklärt Pia Lickert mit spürbarem Stolz auf die Bäume, die so schwer tragen. Etwa 50 Bienenvölker, von denen einige im Familienbesitz sind, andere quasi zu Gast, sorgen für die Bestäubung und sichern eine gute Ernte. Außerdem liefern sie feinsten Blütenhonig.
Aus den Zibarten entsteht in zwei Bränden, langsam und unter moderaten Temperaturen feinster Schnaps. Die meisten Flaschen verlassen das Glottertal übrigens nicht. Viel zu hoch ist die lokale Nachfrage, viel zu kostbar der Obstbrand, der zu den teuersten im Handel gehört. Doch wie die Bienen, so kommen auch Wanderer ins Tal, vorbei an der Brennerei und ergattern mit etwas Glück eine Flasche Zibärtle für Zuhause. Auch wir kommen bei einer Verkostung in dessen Genuss und werden beinahe weinselig. Der Abschied vom Schlosshof fällt schwer.

© Texte und Bilder: Jutta M. Ingala
WER? WO? WAS?
Landidyll im Hotel zum Kreuz ist mehr als Blätterrauschen und Kuckucksuhren im Schwarzwald. Das Hotel ist der perfekte Ausgangspunkt für Wanderungen und Radtouren durchs schöne Glottertal und darüber hinaus. Vor allem verspricht es Entspannung hinter alten Mauern, die jedem, der lauscht, ihre Geschichten erzählen. Gäste schlafen in gemütlichen Zimmern, die rustikale mit nordisch-schlichten Elementen und Textilien in warmen Farben kombinieren. Kuckucksuhren gibt es natürlich trotzdem und jede ist einzigartig! Aber keine Angst: Auf Wunsch schweigt das Vögelchen. Zum Hotel gehören ein modernes Spa mit Schwimmbad, Dampfbad und finnischer Sauna. Man kann Massagen und Beauty-Behandlungen buchen. Die Küche im Landidyll Hotel zum Kreuz ist raffiniert und bodenständig zugleich. Vor allem bedient sich Hausherr und Maître de Cuisine Karl-Heinrich Kunz ausgesuchter, regionaler Zutaten. Begleitet werden seine Kreationen von den sonnenverwöhnten Weinen der Steilhänge im Glottertal. Als Digestif empfiehlt Maître Kunz einen Obstbrand: das Zibärtle, von Familie Lickert natürlich. Eine ganz eigene Geschichte hat übrigens das Frühstücksei, das der junge, engagierte Bio-Landwirt Luca Herrmann vom Thomashof im nahen St. Märgen ins Landidyll Hotel liefert. Doch die wird an anderer Stelle erzählt.

Landidyll Hotel zum Kreuz
Landstraße 14
79286 Glottertal
www.zum-kreuz.com

Das Glottertal habe ich auf Einladung der Landidyll Hotels & Restaurants besucht. „Landidyll“ steht für eine Gruppe inhabergeführter Häuser in den schönsten Regionen Deutschlands. Besondere Rückzugsorte auf dem Land. Merci für die Gastfreundschaft!

10 Gedanken zu “Schmachtend am Stammtisch [Schwarzwald]

  1. Hallo Jutta,
    jetzt habe ich große Lust auf eine Weinwanderung! Anschließend natürlich irgendwo einkehren und ein Gläschen genießen oder zwei. Den Schwarzwald kenne ich ganz gut, im Glottertal war ich bisher aber noch nicht (bewusst) unterwegs. Danke für die Anregung!
    Anne

    • Man kehrt ja oft zurück an Orte, die einem gut gefallen haben. Warum auch nicht!? Wenn du den Schwarzwald schon gut kennst – und offensichtlich magst – möchte ich dir für deinen nächsten Besuch gerne das Glottertal ans Herz legen. Ich würde ja gerne ins Zum Kreuz in mein hübsches Zimmer mit der witzigen Kuckucksuhr zurückkehren und noch einmal die gute Küche von Herrn Kunz und seinem Team genießen. Dazu den Wein aus dem Tal! Danke fürs Mitlesen Anne! Herzlich, Jutta

  2. Hallo Jutta,

    das Glottertal …. das erinnert sicher jeder über 40 direkt an den berühmt berüchtigten Professor :)

    Aber klar, daß es dort viel mehr gibt. Auch wenn Dein Erlebnis aus letztem Jahr stammt paßt es prima auch in die heutige Zeit. Ich habe eben mal die beschriebenen Lokalitäöten in Google Maps angesehen. Es sieht auch wegen den wieder gelungenen Photos aus wie Urlaub abseits von der Masse. Ich hoffe, Du hast von den 380.000 Litern noch etwas den anderen übrig gelassen :)

    Wenn in Deinem Wohnort eine Weinkönigin gekrönt werden sollte kannst Du nächstes Jahr an der Wahl teilnehmen und wirst bei Deinen profunden Weinkenntnissen sicherlich auch gewinnen :)

    Viele Grüße
    Winfried

    • Hallo, lieber Winfried, ja, genau, Dr. Brinkmann und die Schwarzwaldklinik! Ich hatte so meine Vorurteile vor der Reise ins Glottertal … Es ist dort wirklich wunderschön, der Wein fabelhaft – und natürlich noch reichlich vorhanden – und die Menschen, die wir getroffen haben, voller Leidenschaft für ihre Sache. Leider spricht man im Münsterland eher dem Bier zu … vielleicht hätte ich es probiert: die Bewerbung! Hab einen fantastischen Abend, herzlich, Jutta

  3. Ach, herrlich!
    Ich muss gestehen, dass ich so gar nichts über Wein weiß und mir immer mal wünsche, einen „Experten“ löchern zu können mit meinen Fragen. Aber ganz zwanglos eben. Damit ich mir in formeller Runde ja keine Blöße gebe : ) Wie sind denn die Weine vom Glottertal?
    Sieht toll aus dort!
    Liebe Grüße
    Karin

    • Hallo Karin, im Grunde geht es mir genauso: Ich weiß wenig über Wein! Auch ich sauge darum gerne alles auf, was Kenner mit mir teilen. Sich darauf einlassen, gelassen und ohne Eile testen. Dann entwickelt man wohl ein Gespür dafür. Mir hat der Spätburgunder Weißherbst sehr gut gefallen. Den habe ich nach der Verkostung vor Ort gekauft und später auch zu mir nach Hause bestellt. Das Glottertal ist ein hübsches Tal. Und jetzt, mit dem beginnenden Herbst, einfach auch toll fürs Auge – lohnt sich! Viele Grüße, Jutta

  4. Und was hat es nun mit dem „Schmachten am Stammtisch“ auf sich? Hatte da einer Hunger oder Schmetterlinge im Bauch? : ) Die Seite vom Roter Bur liest sich gut. Kannst du etwas empfehlen?

    • Na, das weiß ich doch auch nicht! Es war ein Gesprächsfetzen an einem geselligen Abend an eben jenem Tisch. Wir hatten gerade unsere selbst gebackenen Schwarzwälder Kirsch-Törtchen gegessen und dazu das ein oder andere Glas Gin – übrigens auch aus der Region – getrunken. Entweder ist dort am Tisch mal jemand hungrig geblieben, was ich mir bei der sehr guten Küche schwer vorstellen kann. Oder aber jemand hat die Damen dort in der Wirtschaft angehimmelt. Das ist doch ein schöner Gedanke! Weinempfehlung hatte ich oben im Kommentar auch schon geschrieben: ein vollmundiger Spätburgunder Weißherbst! Gute Nacht, Jutta

  5. Liebe Jutta,
    wenn ich „Glottertal“ höre, denke ich an eine gewisse Fernsehserie …. oh! Ich war noch nie für länger als einen Autostopp im Schwarzwald, geschweige denn im Glottertal. Aber leichtes Wandern bei einer derartigen Aussicht ist verlockend. Für viel Kraxeln reicht meine Kondition leider nicht. Hast du denn in dem Hotel übernachtet? Ist es wirklich „mitten drin“, also in den Weinbergen? Ach, dort wo es gute Weine gibt, bin ich auch gern!
    Die Elke

    • Hallo, liebe Elke, diese gewissen Fernsehserie hatte ich auch im Kopf … Wir haben Dr. Brinkmanns Klinik tatsächlich in Augenschein genommen. Das am wenigsten attraktive Gebäude im ganzen Glottertal! Aber zum Glück gibt es die grandiose Natur, die idyllischen Ortschaften, das schöne Hotel zum Kreuz und die fabelhaften Menschen mit ihren unterschiedlichen Leidenschaften. Mir hat es dort sehr gut gefallen. Und weil auch ich leichtfüßiger in der Ebene als an steilen Hängen unterwegs bin, war unser Wanderweg im Glottertal genau richtig für mich. Das Hotel liegt tatsächlich am Fuß der Weinberge. Vis-à-vis der Landstraße beginnt der Pfad und nach wenigen Minuten ist man mittendrin. Wir haben übrigens während der Wanderung ganz viel über Weinanbau, Keltern, biologische Landwirtschaft etc. gelernt. Von Udo Opel, dem Geschäftsführer Roter Bur, und auch von Herrn Kunz, unserem Gastgeber im Hotel. Das war wirklich sehr spannend. Und auch unterhaltsam! Herzlich, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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