Von Küchengärten, Jedermannsrecht und Kochen im Wald [Västergötland]

Do-it-yourself-Diner in Gunnebo | … enthält Werbelink!

Die erste Blüte von Gunnebo Slot währt nur kurz. 1778 erwirbt der schwedische Kaufmann John Hall ein Grundstück vor den Toren Göteborgs. Das Land liegt idyllisch am See Stensjön, gesäumt von Eichenhainen mit schönen Lichtungen. Gunnebo ist da nur ein alter Hof, doch Hall will sich hier seinen Traum vom Landsitz erfüllen. Für die geplante Metamorphose engagiert er den Architekten Carl Wilhelm Carlberg. Der – gerade erst von einer Europareise zurück und noch ganz unter dem Eindruck der Baukunst Andrea Palladios – verwandelt Gunnebo in ein neoklassizistisches Schatzkästchen: Herrenhaus, Wirtschaftsgebäude und eine Orangerie, ockergelb und weiß, von üppig grünem Formschnitt, Nutz- und Ziergärten umgeben. Auch die Entwürfe für Park und Gärten stammen aus Carlbergs Feder.

Am 22. Juli 1796 folgt die erste illustre Gesellschaft – gekrönte Häupter, Künstler, Revoluzzer – einer Einladung Halls auf dessen neuen Sommersitz. Gunnebo wird viel gelobt. Doch nur sechs Jahre später stirbt der Kaufmann. Sein Sohn John Hall junior führt das Erbe schnell in den Ruin, 1832 wird das Anwesen versteigert.

Nach mehreren Eigentümerwechseln ist Gunnebo heute im Besitz der Gemeinde Mölndal. Ein Glücksfall. Denn Gebäude und Anlagen konnten endlich originalgetreu restauriert werden. Ein Schatz aus über 200 Zeichnungen Carlbergs und das Inventarverzeichnis der Familie Hall dienten – und dienen – als Vorlage für das großartige Unterfangen. Das Herrenhaus ist als Museum zugänglich, in den Nebengebäuden befinden sich jetzt ein Geschäft mit schönen Dingen fürs noch schönere Landleben, die Schlossbäckerei, Café und Restaurant. In der Orangerie – einst bot sie exotischen Gewächsen Schutz vor Winterfrost – werden Pflanzen gezogen und auch die Gärten blühen neu auf. Der Formgarten, der eng mit dem Herrenhaus korrespondiert, ist wieder die historische, harmonisch symmetrische Erweiterung des Gebäudes in die Landschaft, die ihrerseits übergeht in einen englischen Park.

“If you want to be recognized, you have to do something different.”

Besonders sind der Alte und der Neue Küchengarten. In rund 200 Beeten werden dort wieder Gemüse und Kräuter gezogen. Im organischen Anbau, zertifiziert nach dem schwedischen Bio-Label KRAV. „Dabei konzentrieren wir uns auf alte Kulturerbesorten“, erzählt Chefgärtnerin Marica Wettergren. Mit ihrem fünfköpfigen Team arbeitet sie nach alten Handwerksmethoden und zeigt mit der Gestaltung des Neuen Küchengartens wie ein typisch schwedischer Nutzgarten im 18. Jahrhundert ausgesehen hat.

Chefgärtnerin Marica Westergren und ihr Team arbeiten mit alten Handwerkstechniken und pflanzen alte Kulturerbesorten in den Küchengärten auf Gunnebo.

Die sechsjährige Pflanzfolge bestimmt Marica zusammen mit Küchenchef Hannes Högberg. So kommt im Wechsel der Jahreszeiten immer Gutes aus dem eigenen Garten in die Schlossküche. Wurzelgemüse – Rote Beete oder Karotten etwa – werden überdies durch Fermentieren in Sand konserviert.

Auf Gunnebo, das seit 2003 Kulturreservat ist, gehören Schutz und Entwicklung der Landschaft im historischen Kontext, Erhalt von Wissen und Tradition in der Landschaftsgestaltung, nicht zuletzt die Förderung biologischer Vielfalt zur viel beachteten Philosophie.

Im Jahr 2019 startet Visit Sweden die Initiative „Ein Land wird Restaurant“. Es geht um Outdoor-Cooking auf hohem Niveau, um Naturliebe und den Beweis, wie einfach gutes Essen sein kann. Und in Schweden findet man die guten, gesunden Leckerbissen gleich um die Ecke: in Wald und Wiese, am Fluss und im See. Für das Projekt sind aktuell mehr als 20 Tische an wunderschönen Orten im ganzen Land verteilt. Rustikale Tafeln, dazu Kochequipment und Rezepte, die von vier schwedischen Sterneköchen kreiert wurden und saisonal wechseln. Einer der vier, Niklas Ekstedt, bekennt: „Für mich war die schwedische Natur beim Kochen immer die größte Inspirationsquelle.“

Verwurzelt im Land. | © Simon Paulin / Visit Sweden

Naturverliebte Feinschmecker reservieren also einfach einen Tisch am Lieblingsort, stromern dort mit Abenteuerlust im Kopf und Körbchen in der Hand durchs Unterholz. Auf der Suche nach Steinpilzen und Pfifferlingen, nach bunten Beeren und Kräutern. Giersch, Vogelmiere oder Süßdolde sind überaus leckere Salatbegleiter! In der schwedischen Wildnis darf sich übrigens jeder ungestört bewegen, darf den Leckerbissen der Natur nachspüren und sie für den eigenen Kochtopf auch sammeln. Das Jedermansrecht – das „allemannsrät“ – verbrieft eine große Freiheit im Umgang mit der Natur. Altes Gewohnheitsrecht, tatsächlich jedoch erst seit 1994 in der schwedischen Verfassung verankert. Die Freiheit geht selbstredend mit Verantwortung einher: Jeder verlässt die Natur so, wie er sie vorgefunden hat.

Outdoor-Cooking mit Küchenchef Hannes Högberg von Gunnebo. | © Tina Stafrén / Visit Sweden

Einer der 20 Tische in der wunderbaren Wildnis steht auf einer Lichtung am See Stensjö, nur einen kurzen Spaziergang von Gunnebo entfernt. Immer donnerstags zwischen April und September gibt es hier das Outdoor-Cooking nach Schlossrezept. Begleitet von herrlichen Zutaten aus dem Küchengarten, frisch gebackenem Brot aus der Schlossbäckerei und natürlich den selbstgepflückten Schätzen der Natur. Smaklig måltid!

Wem Wetter und Wasser zusagen, der badet anschließend im See.

Frisch gepresster Apfelsaft aus der Schlossküche. | © Tina Stafrén / Visit Sweden

Adresse, Anreise, Tipps:

Gunnebo Slot
Christina Hall väg
43136 Mölndal
Schweden
www.gunneboslott.se

Outdoor-Cooking in Gunnebo über die Website buchen oder über Visit Sweden. Dort sind auch Informationen zu allen weiteren „Tischen“ in der schwedischen Natur zu finden.

Gunnebo Slot liegt etwa 10 Kilometer vom Stadtzentrum Göteborg, etwa 20 Kilometer vom Flughafen Göteborg-Landvetter entfernt. Mit dem Flugzeug erreicht man die Hafenstadt mit den schönen Kanälen, den grünen Alleen, großartigen Museen und schönen Restaurants zum Beispiel ab Flughafen Frankfurt (direkt) oder ab Flughafen Hamburg oder Flughafen Hannover mit je einem Zwischenstopp. Probleme rund um den Flug? MYFLYRIGHT hilft bei der Durchsetzung von Fluggastrechten im Zusammenhang mit gecancelten Flügen, Verspätungen oder Gepäckverlust.

© Text: Jutta M. Ingala © Bilder: Jutta M. Ingala, Visit Sweden

Herzlichen Dank an Visit Schweden, die zur Reise eingeladen hatten, und Gunebo Slot für die Gastfreundschaft!

Efeuumranktes Wirtschaftsgebäude in Gunnebo. Zum Anwesen gehören auch Kühe und Pferde – alte Rassen – die in die Landschaftspflege eingebunden sind.
Im kleinen Laden werden neben hübschen Dingen für Haus und Hof auch Marmeladen aus der Schlossküche, ofenfrisches Brot und Knäckebrot sowie alte Kultursamen und Pflanzensetzlinge verkauft.
Fensterblick mit Perlargonie im Schlosscafé. Gezogen im Alten Küchengarten. Pflanzenreste werden übrigens den Kultivierungsbeeten wieder als Dünger zugefügt.
Detail im Schlosscafé: Gezogen im Schlossgarten, getrocknet, zu einem Kranz gebunden. Gunnebo ist zwar nicht autark, zeigt jedoch in sehr vielen Bereichen, dass eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft auch auf einem sehr ästhetischen Niveau funktionieren kann. Beglückend!

Hej då!

12 Gedanken zu “Von Küchengärten, Jedermannsrecht und Kochen im Wald [Västergötland]

  1. Hallo Jutta,

    wie schön … Göteborg und Umgebung zählen zu meinen Lieblingszielen nicht nur in Schweden. Göteborg, großstädtisch mit viel Grün und das eher ländliche Umland. Ich bin jedes Jahr in Göteborg für eine Woche oder mehr, leider letztes und dieses Jahr nicht ☹.

    Auf Schloß Gunnebo war ich auch schon einige Male, zuletzt -ich habe eben nachgesehen- am 31.Juli 2018. Jedes Deiner Fotos und Dein Text ….. ich weiß sofort was Du beschreibst und wo es ist. Mittaggegessen habe ich dort auch und mir danach einige der leckeren Kanelbulle als Nachtisch gegönnt.

    Das mit der landesweiten Initiative „Ein Land wird Restaurant“ kannte ich noch nicht und klingt interessant und macht sicher mit mehreren zusammen Spaß. Und mit 200 SEK auch erschwinglich.

    Ich war einmal am Mittsommerfest auf Schloß Gunnebo, was dort auch mit Kind und Kegel schwer gefeiert wird

    PS: Frankfurt ist auch als Abflugflughafen zu empfehlen. Mit der LH gibt/gab es -zumindest vor Corona- mehrere Direktflüge nach Göteborg pro Tag.

    Viele Grüße
    Winfried

    • Guten Morgen, lieber Winfried, das wusste ich gar nicht: du Glücklicher! Das kommt irgendwann alles wieder, wenn sich die Dinge neu eingependelt haben, wenn wir wieder bereits sind, Schönes zu unternehmen und die die Rahmenbedingungen günstig sind. Ja, Gunnebo ist wirklich ein besonderer Ort und – ohne, dass ich es selbst erlebt hätte – wohl wie geschaffen für Mittsommerfeste. Die Initiative mit dem Outdoor-Cooking ist relativ jung und Gunnebo ist meines Wissens in diesem Jahr zum zweiten Mal dabei. Ich finde den Ansatz insgesamt wunderschön: Man kommt der Natur doppelt nah. Genauer hinschauen, entdecken, welche Schätze die Natur bietet, etwas Leckeres daraus zubereiten und alles an so wunderschönen Orten. Das erdet einfach. Danke für den Tipp mit Frankfurt – habe ich ergänzt! Ich gucke ja immer ein wenig in Richtung Norden oder nach Amsterdam : ) Hab einen fabelhaften Sonntag, herzliche Grüße, Jutta

  2. Das liebe ich ja: vom Garten auf den Tisch! Ich bekomme sofort Lust, auch da „rumzustromern“. Toller Ort, nie gehört. Diese Initiative von Visit Schweden macht mich neugierig. Da werde ich auch mal nachlesen. Sehr spannend, vielen Dank, Karin

    • Ich hoffe, du findest da etwas Schönes, liebe Karin! Wobei ich natürlich Gunnebo empfehle : ) Und es muss nicht unbedingt das Essen am See sein. Am Schloss speist es sich auch ganz vorzüglich! Herzlich, Jutta

  3. Herrlich! Sieht aus wie „gute alte Zeit“. Das mit dem Kochen und Essen in der Natur klingt toll. Muss ich mir anschauen. Danke für den Tipp, Eva

    • Sehr gerne, Eva! Und ja, es hat sich einen gewissen Charme bewahrt, der aber ganz und gar nicht aufgesetzt wirkt. Ein echter Wohlfühlort. Herzliche Grüße, Jutta

  4. Das ist ja großartig: Gärtner*innen in hübscher Gartentracht! Das können auch nur die Schweden so schön. Gibt es kein Bild von der Schlossküche? Wenn der Garten schon so toll aussieht : ) Andy

    • Guten Morgen, ja, die Damen und Herren waren nicht komplett uniformiert, aber sehr geschmackvoll und zum Ambiente passend gekleidet. Für mich ein Augenschmaus! Die Detailliebe hat sich durch alle Bereich gezogen und nein, leider habe ich keine schönen Innenaufnahmen, denn ich war so sehr mit dem Gucken und Schlemmen im Schlosscafé beschäftigt, dass ich das Fotografieren ganz vergessen habe. Ich kann dir jedoch versichern, dass es großartig ausgesehen hat! Vor allem die Kuchen und das Gebäck. Dafür haben die Schweden ja ein Händchen. Viele Grüße, Jutta

  5. Jutta, sehr schön! Und wo gibt es die Info zu den übrigen Outdoor-Cooking-Plätzen? Das hier sieht ja schon klasse aus!
    LG, Anne

Schreibe eine Antwort zu Anne Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.