Küchenparty [Vaihingen an der Enz]

Wer hätte das gedacht: Die Horrheimer haben einen ganz und gar zweifelhaften Ruf. Ja, tatsächlich, „Misthäufles-Türken“ werden sie im Regionaljargon genannt. Was recht derb klingt, darf man gerne mit einem Augenzwinkern verstehen. Und wer dem Ursprung der Verunglimpfung auf den Grund gehen möchte, der wirft einen Blick in die Geschichtsbücher, ruft sich die Zeit zwischen 1529 und 1689 auf und erinnert sich vielleicht – vielleicht auch nicht – an die Belagerungen Wiens durch die Osmanen. „Türkenkriege“ werden sie auch genannt. Die Furcht vor dem riesigen, wenngleich fernen Heer ergriff wohl auch manchen Schwaben. Und so will die Sage, dass zu eben jener Zeit ein Horrheimer Mauerwächter in einer frostkalten Nacht rauchende Lagerfeuer und mit ihnen krummsäbelige Türken vor den Toren der Stadt wähnte. Er rief zu den Waffen. Doch im Morgengrauen entpuppten sich die feindlichen Feuer als dampfende Dunghaufen. Der Rest ist Geschichte.

Behaglichkeit unter roten Schindeln

Mitten im kleinen Horrheim, wo es längst keine Mauerwächter mehr gibt, wohl aber vieles, das an vergangene Zeiten erinnert, liegt das Hotel Lamm. Beinahe nähme man die Klinke des benachbarten Rathauses, einem dreistöckigem Fachwerkbau aus dem 16. Jahrhundert in die Hand, das sich eng ans Hotel schmiegt und so einladend daherkommt. Aber eben nur beinahe. Das Lamm ist zwar wesentlich jünger, fügt sich jedoch mit seiner weiß getünchten Fassade, den lamellenschönen Fensterläden und dem roten Schindeldach perfekt in den Reigen der schönsten Bauten von Horrheim.

Genuss ist eine Frage der Fantasie

Gastgeberin im Lamm ist Sabine Bramm. Die Frau mit der lebhaft heiteren Ausstrahlung hat uns nicht nur in ihr Haus, sondern auch zur Küchenparty eingeladen. Ein Gefühl für die Region und die Menschen sollen wir bekommen. Über den Gaumen geht das ganz hervorragend. Schwäbische Spezialitäten verheißt das Menü. Kreativ interpretiert, daran lässt Sabine Bramm keinen Zweifel. Sie ist ein Genussmensch, lässt zum Auftakt des besonderen Abends Appetithäppchen reichen, denen Mus aus selbst geernteten Quitten einen fruchtigen Tupfer aufsetzt, und erzählt vom Lamm. Dabei schwenkt sie einen Lemberger, der in der Steillage der nahen Rosswager Halde angebaut wird, erfreut sich merklich an dessen schönem Bouquet. Wir tun es ihr gleich, schlendern dann gemeinsam hinüber in die Küche und tauschen alsbald Lemberger gegen Kochschürze und lustige Täfelchen, die uns wie Orden an der Brust heften. „Zwetschge“ steht auf meinem. In fotogenen Kreidelettern. Schließlich mag auch das Auge etwas zum Festhalten haben.

Auftakt in der Küche
Auftakt in der Küche

„Kochen ist wie die Liebe. Allein macht es weniger Spaß.“ Stefan Zweig

Es soll ja Menschen geben, die sich nichts aus süßen Sachen machen. Ich hingegen verzichte lieber auf eine Vorspeise als auf ein feines Dessert. Bei der Küchenparty gebe ich also die Pâtissière und versuche mich zusammen mit Klara an Grießknödeln mit Zwetschgenmus. Ein junger Koch steht uns zur Seite. Welch ein Glück! Denn vor lauter Geplauder und neugierigem Topfgucken – und dann ist natürlich noch die Lemberger-Verkostung in vollem Gange –, vergesse ich beinahe, dass die Arbeit in der Küche eingespielt sein muss. Teamarbeit. Jeder hat seine Aufgaben. Waschen, wiegen, sieben, Butter zerlassen oder aromatisches Mark aus kostbaren Vanilleschoten kratzen gehört zu meinen. Auch die Zwetschgen müssen wir entkernen. Vorsichtig, damit die prallblauen Früchte nicht zerdrückt werden. Die Küche ist in Bewegung. Klara formt perfekte Knödel und am Herd nebenan schabt einer aus dem Team „Spätzle“ ebendiese schwäbischen Teigwaren temperamentvoll ins sprudelnde Salzwasser. Scheinbar mühelos. Ein Könner.

„Scho vo weitem hörd mr’s schmatza!“ (aus einem Schwäbischen Gedicht)

Im Restaurant – der gemütlichen Lamm-Stube – ist ein Tisch für uns reserviert. Die Tafel ist elegant eingedeckt. Weiß dominiert, dazu poliertes Kristall, schweres Besteck. Ich mag die Materialität und die schöne Haptik. Herbstlich dezente Farbtupfer setzen kleine Zierkürbisse. Ideen für die Dekoration im Lamm stammen übrigens von der Chefin. Sabine Bramm liebt es schlicht, modern und frisch und bedient sich gern all dessen, was die Natur im Wechsel der Jahreszeiten hergibt. Es wirkt sehr ehrlich, wie selbstverständlich zum Lamm gehörend. Der Abend ist kurzweilig. Jeder ist voll des Lobes über unser gemeinsam kreiertes Menü. Gezaubert aus all dem, was die Region hergibt. Von uns Gästen mit Neugierde und Enthusiasmus, von den „Könnern der Küche“ mit ebendem: Expertise. Gepaart mit Leidenschaft, dem Fundament einer guten Küche.

Und dann wird uns ein Gedicht aufgetischt. Ein schwäbisches, bei dem wir die Ohren spitzen, vieles nicht verstehen, aber so herzlich lachen müssen, weil wir doch eine Ahnung haben: „… Zwiebelkuacha mit viel druff! Nochher macht mr’s Fenschder uff!“

© Texte und Bilder: Jutta M. Ingala

GUT ZU WISSEN:
Landidylle vor den Toren Stuttgarts. In der „Schwäbischen Toskana“ – manchen besser bekannt als „Region Kraichgau-Stromberg“ –, am Fuß von Stromberg und Heckengäu liegt Horrheim. Das Weindorf gehört zu Vaihingen an der Enz [Tipp: den malerischen Fluss Enz bei einer Fahrt im traditionellen Stocherkahn erleben], kokettiert mit hübschen Fachwerkbauten und nennt ein Weinmuseum sein eigen. Die umliegenden Weinberge lassen sich wunderbar erwandern oder bei einer sportlichen Mountainbiketour erkunden. Unbedingt dazu gehört die Einkehr in eine Besenwirtschaft. Ein perfekter Ausgangspunkt für entspannte Tage in der Region ist das Landidyll Hotel Lamm. Ungezwungen, behaglich, schwäbisch herzlich. Ein Wohlfühlort.

Landidyll Hotel Lamm
Klosterbergstraße 45
71665 Horrheim (Vaihingen an der Enz)
www.hotel-lamm-horrheim.de

Horrheim habe ich auf Einladung der Landidyll Hotels & Restaurants besucht. „Landidyll“ steht für eine Gruppe inhabergeführter Häuser in den schönsten Regionen Deutschlands. Besondere Rückzugsorte auf dem Land. Merci für die Gastfreundschaft!

4 Gedanken zu “Küchenparty [Vaihingen an der Enz]

    • Herzlichen Dank! Die war – leider – einmalig, aber eben auch einmalig gut. Immerhin kann jeder die sehr gute schwäbische Küche und vor allem die herzliche Gastfreundschaft im „Lamm“ genießen. Könnte … gerade wird ja alles wieder schwieriger in unserer schönen Heimat. Behalte das „Lamm“ gerne im Kopf … für die Zeit „danach“. Sonnige Grüße, Jutta

  1. Wow, sieht das schön aus!
    Es hört sich nach einem ganz fantastischen Abend an. Ich hätte ja auch gern etwas von euren Leckereien auf dem Teller gesehen : ) Habe mir gerade die Seite vom Lembergerland angesehen. Die haben ja einen sehr modernen Auftritt. Und die Weine empfiehlst du?
    LG, Sandra

    • Ach, da habe ich nicht mehr an Fotos gedacht : ) Um ehrlich zu sein: Ich tu mich immer etwas schwer damit, Essen zu fotografieren. Da steckt so viel Mühe und Leidenschaft drin, und dann wir es beim „Herumgeknipse“ womöglich kalt. Hier hätte ich gedurft, aber nun ja … Die Weine: Ja! Wir sind nicht nur im „Lamm“ in den Genuss gekommen, sondern hatten auch eine Verkostung bei den Winzern vom Lembergerland. Sehr engagiert, sehr spannendes „Rahmenprogramm“ auch. Da wird Wein zum Gesamterlebnis. Unbedingt empfehlenswert! Sonnige Grüße, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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