„Kauft Mistelzweige für die Liebste!“ [Niederlande]

Charles Dickens in den Gassen von Deventer

Anhaltende Sehnsucht nach England, ein Hang zur Nostalgie und zu Dramen mit Happy End, erklären meine Liebe zu Dickens schon hinlänglich. Als Teenager verbrachte ich einige Wochen in Broadstairs, Kent, um Englisch zu lernen und wohnte in einem dieser hübschen viktorianischen Häuser, die mich auch heute noch verzaubern. Meine Landlady war der Inbegriff einer Britin mit porzellanfarbenem Teint und rot geschminkten Lippen. Natürlich trug sie Perlen zum Kostüm. Im Wohnzimmer Blümchentapete, Sessel mit Hussen aus glänzendem Chintz und kitschige Porzellanhündchen. Der Blick durch die Erkerfenster – unbezahlbar! – auf das blaugraue Meer. 

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Das Tor zur Welt. Vom Kommen, Gehen und Bleiben* [Bremerhaven]

“The cure for anything is saltwater – sweat, tears, or the sea.” Isak Dinesen*

In der Nacht wird der Wind zum Sturm. Ungestüm zerrt er an den Segeln, tobt, heult, während der Regen im Takt gegen das Bullauge der Kajüte trommelt. Die Uhr zeigt elf. Ich hocke auf einem schmalen Sims, sehe hinaus. Die Beine angewinkelt, die Füße in gemütlichen Pampuschen, in den Händen einen wärmenden Tee mit süßem Honig. Durch den Regenschleier beobachte ich die Häuser im Hafen. Sie flackern wie Irrlichter im Moor. Ich warte. Darauf, dass der Regen sich legt, dass sich die letzten Wassertropfen an der Scheibe finden, eins werden, sich in Nichts auflösen. Darauf, dass der Sturm verstummt. Doch er verstummt nicht. Müde seinen Geschichten weiter zu lauschen, Geschichten, die er an fernen Orten einfängt und um den Erdball bis hierher in den Norden trägt, gehe ich zu Bett. Auf den Lippen den letzten Tropfen Tee.  Weiterlesen

Akrobatische Verrenkungen

De Razende Bol [Texel]

“I have been honoured to serve the whales, dolphins, seals – and all the other creatures on this Earth. Their beauty, intelligence, strength, and spirit have inspired me.” Paul Watson

De Razende Bol … „Die rasende Kugel.“ Ein ungewöhnlicher Name für eine Sandbank, die sich auf einer Fläche von knapp fünf Quadratkilometern scheinbar unberührt vor der Südspitze Texels erstreckt. Im Westen die Nordsee, im Osten die Meerenge Marsdiep, dahinter Festland. Entstanden ist das Fleckchen durch die Gezeitenströme zwischen Meer und Insel: Wenn die steigende Flut und das aus dem Marsdiep zurückfließende Wasser aufeinanderprallen, sinkt aufgewühlter Meeressand ab, schichtet sich langsam und unregelmäßig auf. Von oben betrachtet tatsächlich kugelförmig mit feisten, von Ebbe und Flut geschliffenen Armen, die sich Texel entgegenstrecken. Hier entsteht kein neues Land, vielmehr ein flüchtiger Ort. Als Spielball in der Strömung bewegt sich der Razende Bol nämlich mit einer Geschwindigkeit von ganzen 100 Metern pro Jahr auf Texel zu. Das rückt „rasend“ in die richtige Perspektive.
Akrobatische Verrenkungen
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Night train - Foto von Blaise Adilion

Imagine [Lyon]

„Art is not a special thing. Anyone can do it“. Yoko Ono
Kunst hat mich schon als Kind berührt. Dabei war meine Familie nicht sonderlich kunstsinnig. Aber Museums- und Ausstellungsbesuche gehörten doch zum festen Repertoire sonntäglicher Aktivitäten.

Manchmal hat Kunst mich eingeschüchtert, mir regelrecht Angst gemacht … Nicht die überbordenden, rätselhaften Gemälde eines Hieronymus Bosch mit ihren düster prophetischen Szenen. Eher der Gedanke, Kunst nicht richtig zu verstehen. Und mich nicht angemessen darüber Kunst unterhalten zu können. Einblicke
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Mein "Angry Child" heißt eigentlich "NOS Despensa"

Angry Child [Curaçao]

Sie ist knapp 64 Kilometer lang, 16 Kilometer breit, wird poetisch eine der „Inseln unter dem Wind“ genannt und gehört geographisch schon zu Südamerika: Curaçao. Das kleine Eiland in der Karibik, dessen Namen in Form schrill blau gefärbter Cocktails zum Inbegriff der Trinkkultur der 80er Jahre wurde, dessen Geschichte lange vor seiner Entdeckung durch Alonso de Ojeda im Jahr 1449 mit dem Volk der Arawak began und das heute ein Schmelztiegel der Kulturen ist, hat so etwas wie „Good Vibes“.Begegnung in den Gassen von PundaAngry eyes ...
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War is Over. If you want it.

War is over. If you want it. [Lyon]

Unlängst im MAC Lyon. Weil es immer aktuell ist …
War is Over. If you want it.
Als er 1969 gefragt wurde, was US-Präsident Nixon tun solle, um den Krieg in Vietnam zu beenden, starrt John Lennon ungläubig in die Kamera des Reporters und erwidert: „He should declare peace!“ Als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt. So einfach. So brillant. Weiterlesen

Stories untold… [Färöer]

Eirik Suni Danielsen trägt sein graues Haar kurz. Eine gepflegte Erscheinung in Jeans, Hemd und dunkelblauem Pullover. Zurückhaltend, aufmerksam. Typ Cary Grant. Vor 11 Jahren hat er die Jugendherberge im Dorf gekauft, modernisiert, angebaut und in ein kleines rustikales Hotel verwandelt. Reisenden wie mir bietet das Gjáargardur großzügige Zimmer in Blockhäusern mit einer atemberaubenden Aussicht auf die Bucht von Gjógv. Und eine fantastische Küche. Den Dörflern dient es als Tante-Emma-Laden. Im Gjáargardur deckt man sich mit frischer Milch und Brot ein, denn einen Bäcker oder anderen Laden gibt es hier schon lange nicht mehr. Nur rund 30 Menschen leben dauerhaft im Dorf. Selbst Eirik pendelt lieber zwischen Gjógv und dem 65 Kilometer entfernten Tórshavn. 
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70.000 Schafe zählen die Färöer

Schafe im Schnee* [Färöer]

„Pass auf die Schafe auf!“, warnt der junge Mann am Autoverleih als er mir die Schlüssel in die Hand drückt. „Ja, mache ich. Ich kenne das aus Island.“ Er nickt, lächelt, wünscht mir gute Fahrt.

Die Warnung ist nicht grundlos. Ganze 70.000 der eigenwilligen Vierbeiner bevölkern die zerklüfteten Eilande im Nordatlantik, deren Name nichts anderes als „Schafsinseln“ bedeutet. Bei nur 48.000 Färingern sind das eine ganze Menge. 70.000 Schafe zählen die FäröerSchafe im Nebel
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Spiegelbilder

Farbe bekennen! [Niederlande]

„Kunst? Kunst darf man NIEMALS studieren!“ Weil Kunst brotlos ist? Eigentlich müsste er es besser wissen. Wim van Krimpen ist Galerist in Amsterdam, lebt von der Kunst und für die Kunst. Kennt sich aus in der Welt der alten und neuen Meister. Er war Interims-Direktor der Kunsthal Rotterdam, dann Direktor des Fries Museum in Leeuwarden und leitete schließlich die Geschicke des Gemeentemuseum Den Haag. Ganze acht Jahre lang. Eindrucksvolle Stationen. Colour blocking
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Aussicht aufs Wattenmeer

Allein im Pipowagen [Texel]

Im wahren Leben arbeitet Job als Redakteur beim „Texelse Courant“. Dass Paal 17 zum besten Strandpavillon der Niederlande gekürt wurde oder dass man im Boutique Hotel Texel neuerdings ein Bad in Schafswolle nehmen kann: der 30-jährige weiß es als Erster. Er ist Experte, der Mann vom Fach sozusagen. Job ist Horeca-Korrespondent auf der westfriesischen Insel. Flora und Fauna sind da eigentlich weniger sein Ding. Doch vielleicht ist es sogar besser, ein unbeschriebenes Blatt zu sein, um sich auf das kleine Abenteuer einzulassen. Das Abenteuer? Wattwächter. Die Aufgabe: Besuchern von der Vogelwelt Texels zu erzählen, von der Insel im Allgemeinen, vom Wattenmeer. Und ganz nebenbei auch ein wachsames Auge auf die empfindliche Natur und ihre Bewohner haben.Windmühle Het Noorden bei Utopia
Job Schepers tauscht also Anfang Mai Tastatur gegen Fernglas, den Schreibtisch gegen ein Etagenbett im mobilen Wattwächterhäuschen am Deich. Alltag gegen Utopia. Sechs Tage, fünf Nächte. Allein im „Pipowagen“. Weiterlesen