Weißes Gold – Museum Schloss Fürstenberg [Niedersachsen]

“Alles vollkommen in seiner Art muss über seine Art hinausgehen.” Johann Wolfgang von Goethe

Nur wenig mehr als 1000 Einwohner zählt der Ort am Rande des Sollings mit dem schönen Blick auf die Weser, die hier in großzügigen Schleifen eine Grenze zwischen Westfalen und Niedersachsen zieht. In der Ebene die Flussauen, auf der Anhöhe ein Flickenteppich aus Äckern und Wiesen. Die Landschaft wirkt an diesem Herbsttag wie getuscht. Firmenschilder aus Porzellan - bien sûr!

Prahlhans
Um 1700 erreicht die Nachfrage nach Porzellan in Europa einen Höhepunkt. Schon seit dem 13. Jahrhundert wird das „Weiße Gold“ aus China importiert. Die Preise sind horrend. Wer es sich jedoch leisten kann, schmückt seine Tafel üppig mit prächtig bemalten Chinoiserien. Man zeigt, was man hat. Längst ist auch der „Prahlhans“ in Mode gekommen: ein Porzellanschrank, dessen Türen für Besucher prahlerisch geöffnet werden. Kleine Unregelmäßigkeiten im Durchbruch verraten die HandarbeitSpielerisch kombiniert Fürstenberg Farben und Formen

Aus dem Reich der Mitte
Im Reich der Mitte ist das Wissen um die Porzellanherstellung ein streng gehütetes Geheimnis. Doch Porzellan bringt Prestige. Und so beginnt an den europäischen Fürstenhöfen ein Wettlauf um die Entschlüsselung der Rezeptur. Manufakturen entstehen, aber nicht überall gelingt es tatsächlich, den echten, weißen Scherben herzustellen. Nur dort, wo die fähigsten Arkanisten, die frühen Materialchemiker, wirken.

Wie in Fürstenberg, unserem Ort am Solling, wo nach Meissen und Fulda im Jahr 1747 unter Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel die dritte deutsche Porzellanmanufaktur gegründet wird. Und bis heute ununterbrochen produziert. Leinwand für Porzellankunst: Weiß dominiert im Museum Schloss FürstenbergEntrée zu einer modernen Museumswelt: das Treppenhaus aus dem 18. Jahrhundert

Vom Rokoko in die Gegenwart
Aufwändig renoviert und erst im März 2017 als Museum wiedereröffnet: Schloss Fürstenberg. Ein strahlend weißes Ensemble der Weserrenaissance, die Architektur eher unprätentiös. Ohne Schnörkel auch das Innere. Lediglich im Treppenhaus, das sich eindrucksvoll in die Höhe schraubt, zeugen Balken und Brüstungen, Geländer und Bögen von einer gewissen Verspieltheit. Das Ausstellungskonzept ist radikal modern: Räume aus Licht und Schatten. Einzelne Objekte schreiben keine Chronologie der Porzellanherstellung, vielmehr rücken sie thematische Aspekte besonders plastisch ins Blickfeld der Besucher. Entzückender Wegweiser durchs Museum: Mops Anna, Figur aus einer Rokoko-Gruppe
Den Auftakt zur Ausstellung bildet eine kleine Figurengruppe aus dem Rokoko. Eine Teepartie, eine Szene voller Sorglosigkeit, vielleicht etwas frivol. So perfekt ausgeleuchtet, dass dem Betrachter kein Detail entgehen kann: die sich bauschenden Röcke der Fräulein, ihre von gekräuseltem Batist umspielten Dekolletees, die geröteten Wangen … Sogar im possierlichen Gesicht der winzigen Mops-Dame, die etwas abseits steht und zum Maskottchen des Museums geworden ist, sind alle Feinheiten zu erkennen. Der Mops wird uns später wieder begegnen. Porzellanfiguren werden in Einzelteilen geformt, ausgegossen und zusammengesetztAuch die Figur des Lügenbarons Münchhausen gehört zum Weserbergland

Das Geheimnis feinsten Porzellans
An der Wand vis-à-vis geht es um das „Tun“. In ausgewählt wenigen Anschauungsobjekten. Und noch viel weniger Worten. Die Botschaft ist intuitiv. Der Besucher lernt, wie die ursprüngliche Form der Figurengruppe modelliert, wie anhand des Modells Gussformen für Gliedmaßen, Körper oder eben Anna, dem Mops, entstehen. Formen werden mit zähflüssiger Porzellanmasse ausgegossen, die Gussteile – noch weich und formbar – von kundigen Händen zusammengefügt. Das so genannte Bossieren. Mit einem angefeuchteten Pinsel werden Übergänge angeglichen, verwischt.

Etwas später sehe ich mir die verschiedenen Manufakturtechniken in der Besucherwerkstatt an, schaue Annett Marburg über die Schulter, wie sie mit sicheren Handbewegungen Anna und ihren Zwillingen das Köpfchen auf den Körper modelliert. Wie sie mit einem Skalpell konzentriert, aber zügig ein Durchbruchmuster in eine Schale schneidet, dabei immer wieder einen Pinsel in Wasser taucht und über die Porzellanmasse streicht, um sie geschmeidig zu halten. Das noch unscheinbare Stück wird später zu einem kunstvoll bemalten, fragilen Fruchtkörbchen. Arbeitsschritte handgemalter Dekore

Mit Pinsel und Farbe
Einen Tisch weiter erblüht Mohn auf schneeweißen Tellern. Vorzeichnen mit Bleistift, in Farben anlegen, Licht und Schatten herausarbeiten, Tiefen setzen … Was der Porzellanmalerin so leicht von der Hand geht, probiere ich selbst und komme schnell an meine Grenzen. Dass es vom ersten Versuch bis zur Meisterschaft sehr viele Jahre braucht, das ahne ich wohl. Geduld gehört dazu, eine ruhige Hand und die Lust, Schönes zu gestalten.

Bitte berühren!
Vor Scherben hat Museumsdirektor Dr. Christian Lechelt keine Angst. Er zeichnet für das ungewöhnliche Ausstellungskonzept verantwortlich, das Besucher beispielsweise ganz nachdrücklich auffordert: „Anfassen bitte!“ Was sich andernorts nur durch Glas betrachten lässt, darf in Fürstenberg berührt und verrückt werde. Der taktile Moment trägt zum Gesamterlebnis bei. Und hat auch einen ganz pragmatischen Hintergrund: Es ist eine Einladung, sich ganz unbefangen mit hochwertigem Gebrauchsporzellan auseinanderzusetzen.

Fürstenberg ist eine der wenigen frühen Porzellanmanufakturen, die bis heute ununterbrochen produzieren und Liebhaber auf der ganzen Welt findet. Werte und Wissen aus dem Gestern hat man behutsam ins Heute übertragen.

Die Wandelbarkeit des Werkstoffes Porzellans verleiht dem Zeitgeist auch jenseits der Tischkultur Form voller Poesie und Sinnlichkeit. Wie im Beistelltisch Side Table, den Fürstenberg im Herbst 2018 lancieren wird. Ein Entwurf der Hamburger Designer Eva Marguerre und Marcel Besau: ein dreidimensionales Plissee, das die gesamte Form des Tisches bestimmt. Form wird Dekor, der Dekor zur Form. Radikal modern.

© Text und Fotos: Jutta M. Ingala Jede Form hat ihre Zeit, jede Zeit hat ihre Form

Wer? Wo? Was?
Eingebettet ins Weserbergland liegt Fürstenberg unweit von Höxter mit seinen malerischen Fachwerkhäusern, dem seit 2014 zum Welterbe der UNESCO gehörenden Kloster Corvey oder dem zum eleganten Hotel umgebauten Schloss Münchhausen (meine Empfehlung für Übernachtungen in der Region). Schloss Fürstenberg ist Teil der Sieben Schlösser-Route im Leine- und Weserbergland.

Museum Schloss Fürstenberg
Meinbrexener Straße 2
37699 Fürstenberg
T +49 5271 49010
www.fuerstenberg-schloss.com

Wer Lust verspürt, kann in der Besucherwerkstatt des Museums einen Mini-Workshop buchen und sich in den Techniken der Porzellanherstellung oder -malerei versuchen. Angeboten werden auch mehrtägige Porzellanmalkurse. And why not? Kannendeckel als Garderobenhaken

Feine, regionale Küche genießen Besucher auf Fürstenberg im ehemaligen Kavaliershaus. Statt zum „High Tea“ lädt Familie Petersen am Nachmittag in der Lottine lieber zum „Fürstenberger Kaffeklatsch“. Serviert auf Porzellan der Manufaktur.

Auf meiner Reise durch das Weserbergland wurde ich vom Tourismus Marketing Niedersachsen unterstützt. Herzlichen Dank dafür!

7 Gedanken zu “Weißes Gold – Museum Schloss Fürstenberg [Niedersachsen]

  1. Hallo Jutta,

    toller Artikel und wieder viele schöne Bilder! „Echtes“ Porzellan …. das hat man in der heutigen Zeit nicht mehr so richtig auf dem Schirm, insbesondere mit wieviel Liebe und Sorgfalt es hergestellt wird. Schön, daß es noch solche Stätten gibt, die so etwas wie hier in Fürstenberg seit 1747, also seit bald 300 Jahren, an gleichem Ort und unter identischem Namen herstellen.

    Viele Grüße und ein schon einmal ein schönes Wochenende
    Winfried

    • Hallo, lieber Winfried, schön von dir zu lesen! Ja, „echtes“ Porzellan, eben Qualitätsprodukte im allgemeinen. In einer konsumorientierten Gesellschaft, in der der Preis häufig über alles gestellt wird, in der die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Wert der Sache – Entwurf, Gestaltung, Ausführung, Authentizität – immer seltener stattfindet. Bei Fürstenberg darf man gerne unterstreichen, dass sich die Manufaktur bei allem Wandel treu geblieben ist. Handwerk braucht Leidenschaft. Und einen Qualitätsanspruch. Aber eben auch Kunden, die das schätzen! Liebe Grüße und ein wunderschönes Wochenende, Jutta

    • Hallo, liebe Margit, da mag ich schnell korrigieren, darauf hat mich Dr. Lechelt eben hingewiesen: Für Fürstenberg hat Sebastian Herkner nicht die Vase, sondern eine neue Leuchtenserie entworfen MOIRA! Sonnige Grüße, Jutta

  2. Was fuer ein wunderschöner Beitrag Jutta!
    Es erinnert mich sehr an unsere fruehere Wirkungstaette. Die Erinnerung daran erfuellt mich immer noch mit Stolz und grossem Respekt. Gerade deshalb scheint es so natuerlich, wie Du diesen Beitrag gestaltet hast. Die Fuerstenberg Manufaktur scheint ein Ort zu sein an dem das Wissen vieler Generationen aus der Vergangenheit erhalten und gepflegt wird, die Mitarbeiter voller Stolz in ihren Fertigkeiten und Wissen geschult, trainiert und perfektioniert werden. Sie scheinen erkannt zu haben, dass nur so der Reichtum, das Wissen und der Spirit aus der Vergangenheit in seiner Essenz erhalten und gepflegt werden kann was ermöglicht, sich immer wieder in neue zeitgemäße Formen zu ergiessen, den Zeitgeist einfangen und ausdrücken.
    Ganz lieben Dank Jutta fuer diesen wunderschönen Beitrag den Du so liebevoll recherchiert, und in Worte ausgedrückt und in Bildern eingefangen hast.

    Mit herzlichen Gruessen aus Colorado
    _()_
    Margit Magdalena

    • Guten Morgen, liebe Margit, freu mich so über dein Mitlesen, und ja, da gibt es viele Parallelen: die Wurzeln, das Wissen und handwerkliche Können, die Leidenschaft, der Blick nach vorn und über den Tellerrand (!) und die wahnsinnig intensive Auseinandersetzung mit dem Material. Es gibt das eine Vase von Sebastian Herkner mit einem plissierten Kragen, innen (zum Teil) gold-glänzend (ist aber eine andere metallische Oberfläche) und außen rau und matt. Die erinnert ganz stark an den Materialausdruck von Piet Stockmans! Sonnige Grüße über den großen Teich, umarme dich, Jutta

      • Liebe Frau Ingala,
        die Vasen von Sebastian Herkner, die Sie ansprechen, hat er für Rosenthal designt und nicht für FÜRSTENBERG. Es handelt sich um die Serie „Falda“ und ist in der Tat mit ihrem Wechselspiel aus glatt-gefaltet, glänzend-matt, weiß-gold sehr raffiniert. Für FÜRSTENBERG hat Sebastian Herkner etwas ganz Neues und Außergewöhnliches geschaffen: die Leuchtenserie MOIRA. Diese ist erst Anfang dieses Jahres in Paris auf der Messe Maison & Objet vorgestellt worden https://www.fuerstenberg-porzellan.com/info/maisonobjet-paris/
        Herzliche Grüße
        Christian Lechelt

      • Lieber Dr. Lechelt, oh je, da ist mir ja ein ganz grober Fehler unterlaufen! Das werde ich gleich einmal korrigieren – herzlichen Dank für den Hinweis! Ja, die Leuchtenserie habe ich in der Ankündigung gesehen: Ganz wunderbar, das Material Porzellan so einzusetzen. Hoffe, dass ich Sie ganz bald weider in Fürstenberg treffe, denn ich möchte mir gerne die aktuelle Ausstellung ansehen! Herzliche Grüße, Jutta Ingala

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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