De re coquinaria und anderen Annehmlichkeiten [Mosel]

Auf den Straßen der Römer | … enthält Werbung

Von Caledonia im Norden bis ins afrikanische Mauretania Tingitana reichte einst die Macht der römischen Kaiser, die in Augusta Treverorum, dem heutigen Trier, residierten. Die im Jahr 17 v. Chr. gegründete Residenz, deren architektonische Zeugnisse römischer Zivilisation heute zum Welterbe der UNESCO gehören, entwickelte sich im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung zum wichtigen Handelszentrum und in der Spätantike zu einer der größten Städte des Römischen Reiches. Ihr Reichtum spiegelte sich in imposanten Bauten: der Porta Nigra, den Thermen, der Römerbrücke und in reich bebilderten Grabmälern wie der moselaufwärts gelegenen Igeler Säule.

Imperialer Wohlstand

Etwa 150 Kilometer jenseits der Grenzlinie zu germanischem Gebiet, markiert durch den Rhein und gesichert durch die Legions-Garnisonen Mainz und Köln, war Trier DAS urbane Reichszentrum nördlich der Alpen. Trier übte eine enorme Sogwirkung auf das Umland aus. In ihrer Blütenzeit schwoll ihre Einwohnerzahl auf etwa 100.000 an. Und mit der Bevölkerung auch deren Bedürfnisse. Im Umland Triers entstanden Landgüter – so genannte Villae rusticae –, die vor allem die Versorgung der Stadtbevölkerung und des Militärs mit Nahrungsmitteln sicherten. Handwerk, Handel und Kultur wie auch der neue Weinbau orientierten sich an der imperialen Metropole und prosperierten. Keltische Treverer, die bei Ankunft der Römer im Gebiet zwischen Mainz und Metz, Luxemburg und Köln siedelten, assimilierten die römische Kultur und profitierten von einem bis dato unbekannten Wohlstand.

Die Straßen der Römer

In vorrömischer Zeit waren befestigte Straßen in Mitteleuropa unbekannt. Eroberte Gebiete wurden zuerst von Gaius Iulius Caesar als Proconsul in Gallien systematisch von einem Straßennetz durchzogen, um Reisen, Handel, vor allem Truppenbewegungen unabhängig jeweiliger Wetterverhältnisse zu ermöglich. Das Fundament der gepflasterten Viae bestand gleichbleibend aus verschiedenen Stein-, Kies- und Sandschichten, ihr Verlauf erfolgte unter strategischen und logistischen Gesichtspunkten möglichst geradlinig. Steigungen wurden durch Stützmauern und Brücken technisch klug und architektonisch beeindruckend nivelliert. Meilensteine – die sogenannten Miliarien – dienten Reisenden zur Orientierung. Viele dieser Straßen führten unmittelbar an den Villae rusticae vorbei.

Als Steinbruch geplündert

An der Via Agrippa, der alten Römerstraße von Lyon an den Rhein, die auch die beeindruckende antike Stätte Vicus Ricciacus im luxemburgischen Dalheim passiert, liegt die Villa Borg. Eine von etwa 50 bekannten kleineren und größeren Ansiedlungen aus römischer Zeit im Dreiländereck zwischen Frankreich, Luxemburg und Deutschland. Zwar war die Anlage, die sich über ein Waldgelände auf den Höhen zwischen Mosel und Saar erstreckt, der lokalen Bevölkerung immer bekannt und wurde im Lauf der Jahrhunderte ungeniert als „Steinbruch“ geplündert, ihren römischen Ursprung stellte jedoch erst der junge Lehrer Johann Schneider um 1900 fest. Durch die Wirren zweier Weltkriege gerieten seine Forschungen in Vergessenheit. Erst Mitte der 1980er Jahre zog die Villa erneut das Interesse der Wissenschaft auf sich. Seitdem wurde der Herrschaftsbereich – die sogenannte „pars domestica“ – der Anlage rekonstruiert: mit Torhaus und Wohnbereich, römischem Bad, Küche und duftenden Gärten, die Besuchern eine Ahnung römischer Lebensart vermitteln. Der Wirtschaftsteil mit Werkstätten – „pars rustica“ – ist erst in Teilen erforscht. Doch archäologische Grabungen finden auch weiterhin statt.

Über die Kochkunst

Wir sitzen in der Taverne – eine Ergänzung der antiken Anlage zur Erbauung moderner Reisender – und bestaunen die Malereien an den verputzten Wänden. Dass die Römer Gebäude und Monumente in derart leuchtenden Farben ausschmückten, ist neu. Gerd Schmitt, Geograph und verantwortlich für das Marketing der Villa Borg, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf architektonische Finessen: die doppelten Kassettenfenster etwa, deren versetzt geöffnete Klappen für eine angenehme Belüftung des Raumes sorgen. Draußen bewegt der Wind die Rispen des Kräuter- und Heilgartens, aus dem sich auch die Küche im Wechsel der Jahreszeiten bedient. Dahinter liegt der eigentliche Küchengarten mit Obst- und Gemüsesorten, die bereits in römischer Zeit bekannt waren.

In unseren tönernen Bechern haben wir obergäriges Dunkelbier, das hier passenderweise „Römersud“ genannt wird, und gewürzten Honigwein. Ich nippe daran. Unter den Honig mischt sich der Geschmack von Anis. Ungewohnte Begleiter für die Leckereien, die auf unseren Tellern angerichtet sind: Oliven natürlich, grün und saftig, Linsen, Quitten und Datteln, ein Käse und lukanische Würstchen, abgeschmeckt mit Kräutern und Gewürzen. Dazu gibt es Brot. Vielleicht sind die Speisen dem heutigen Gaumen angepasst, denn antike Rezepte lassen durchaus Raum für kreative Interpretation. In der Taverne dienen die des Marcus Gavius Apicius als Inspiration. Apicius lebte zu Beginn des 1. Jahrhunderts nahe Köln. Er galt als Feinschmecker und verfasste „De re coquinaria“ – „Über die Kochkunst“ –, das älteste, bekannte römische Kochbuch.

Badetage

Zu den vielen Errungenschaften der Römer, die die Zeit überdauerten, gehören Frischwasserleitungen und Kanalisationen, Heizungen und Badehäuser. Auch Latrinen, die Vorläufer unserer WCs, waren eine römische Erfindung. Sauberkeit und Hygiene spielten in der römischen Gesellschaft eine wichtige Rolle.

In der Villa Borg wurde das Badehaus aufwendig rekonstruiert. Hier folgten der Hausherr und seine Familie, auch Freunde, Gäste und Geschäftspartner einem fest in den Tagesablauf eingebundenem Badezeremoniell. Die bevorzugte Badezeit lag im Nachmittag und lässt sich gut mit einem heutigen Spa-Besuch vergleichen. Zu sehen sind Umkleideraum, Heiß- und Kaltbad, Ruheräume, die Latrinen. Böden sind teils mit Marmor ausgelegt, für die Wandbemalung – hellblau, türkis und ockergelb dominieren – dienten Fundstücke der Ausgrabungen als Schablone. Über ein ausgeklügeltes System wurden die Räumlichkeiten beheizt. Herzstück ist das Hypokaustum, die Unterbodenheizung.

Römer für einen Tag

Während der jährlichen Römertage können Besucher der Villa Borg ganz in die Lebensart von einst eintauchen. Sich auch selbst als Archäologen versuchen, Gladiatorenkämpfe erleben oder an Workshops teilnehmen: Schmieden und Töpfern, Mosaiklegen, Glasherstellung oder römische Küche? Immer im August.

Mona Lisa des Saarlands  

Nur wenige Kilometer weiter im kleinen Nennig, gleich hinterm Kirchgarten, steht ein weiß getünchtes Gebäude mit rotem Schindeldach. Darunter ein Fries aus schmalen Bogenfenstern. Umgeben ist der Bau von ungezähmtem Grün und den bunten Tupfen winziger Wildblumen. Dazwischen antike Fundamente. Eine Holzbank lädt ein, Platz zu nehmen im Garten der Villa Nennig.

Wir sind zu Gast bei Dr. Roland Wiermann, Sammlungsleiter des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Saarbrücken und zudem verantwortlich für die Villa. Gerade wird die Besucherlenkung der Anlage optimiert. Mehr als 30.000 Menschen finden jährlich den Weg nach Nennig, um eines der größten und eindrucksvollsten Zeugnisse gallorömischer Mosaikkunst zu sehen. „Die Mona Lisa des Saarlandes,“ nennt Dr. Wiermann es. Wir sind neugierig gespannt, folgen unserem Gastgeber ins Gebäude, das sich als reine Schutzkonstruktion entpuppt, die bereits 1854 errichtet wurde und damit zu den ältesten Museumsbauten Deutschlands zählt.

Zufallsfund

Im Herbst 1852 stieß der Landwirt Peter Reuter bei Erdarbeiten auf bunte Mosaiksteine. Aus Trier herbeigerufene Experten erkannten rasch die Bedeutung des Funds, es folgten Grabungen, die Freilegung eines nahezu intakten Mosaiks, die Entdeckung eines abseits gelegenen Badehauses und die gesicherte Datierung des nahen Grabhügels „Mahlknopf“ in römische Zeit. Ein ominöser Fälschungsskandal brachte die archäologischen Arbeiten für einige Jahre zum Erliegen. Erst 1869 wurden die Grabungen in Nennig fortgeführt. Insbesondere ein beeindruckende 250 Meter langer Hallengang zwischen Villa und Badehaus fesselte die Forscher.

Drei Millionen

Im Gebäude stehen wir auf einer Empore und blicken auf drei Millionen Mosaiksteinchen. Drei Millionen Steine in unterschiedlichen Farben und Größen, von Hand behauen und zu einer faszinierenden Bildergeschichte komponiert. An den Rändern sind sie verwoben zu vielfarbigen Rauten und Oktogonen, zu Sternenkränzen und Arabesken, zu Bändern mit stilisierten Elementen aus der Natur. Inmitten der hypnotisch wiederkehrenden Muster sieben Medaillons mit Szenen aus dem Amphitheater. Überaus detailreich: der Tiger, der den Wildesel tötet und der Sklave, der den Löwen zu bändigen sucht. Ein Bärenkampf, ein Gladiator, der im Zweikampf mit dem Panther obsiegt und andere Gladiatoren, die gegeneinander kämpfen. Musikanten. Ein achtes Medaillon ist nicht erhalten. An seiner statt sieht man heute eine Gedenkinschrift. In der oberen Hälfte des steinernen und doch so lebendigen Teppichs befindet sich ein weißer Marmorbrunnen.

Der Mosaikboden von Nennig misst atemberaubende 15,65 x 10,30 Meter. Im 3. Jahrhundert n. Chr. schmückte er das Atrium eines prachtvollen Gutshofes. Wer jedoch das meisterhafte Werk in Auftrag gegeben und wer in der Villa Nennig gelebt hat, ist bis heute ein nicht gelüftetes Geheimnis.

Goldgräber und Münzschatz

Auch die einzigartige gallorömische Stadt Vicus Ricciacus wirft noch archäologisch und historisch relevante Fragen auf, obschon sie seit mehr als 300 Jahren wissenschaftlich erforscht wird. Das weitläufige Areal mit seinen zahllosen Ruinen liegt auf dem Sandsteinplateau Pëtzel beim luxemburgischen Dalheim, unmittelbar an der Via Agrippa, jener bedeutenden Römerstraße, die Heer und Händler vom Mittelmeer bis an den Rhein führte. Insbesondere nach dem spektakulären Fund von 24.000 Münzen aus konstantinischer Zeit im Juni 1842, zog der Vicus das Interesse von Altertumsliebhabern, aber auch Schatzgräbern auf sich. Ausgegrabene Artefakte verloren sich bald zu Legionen in aller Welt.

Großes Theater

Im Jahr 1976 katapultierten die neuen Möglichkeiten der Luftbildarchäologie sowie Landankäufe durch das Großherzogtum die Erforschung des Vicus Ricciacus weit nach vorn, so dass sich heute ein detailliertes Bild seiner Ausdehnung und Geschichte zeichnen lässt. Obschon auch latènezeitliche Schmuckstücke und keltische Münzen gefunden wurden, ist der Vicus eine um 17 v. Chr. datierte römische Neugründung.

1982 wurde eine Gräberstraße freigelegt, 1985 gab es einen weiteren Sensationsfund: ein in Teilen gut erhaltenes gallorömisches Theater. In dem eindrucksvollen Halbrund fanden einst etwa 3.500 Zuschauer Platz. Zusammen mit weiteren – wenn auch nur in ihren Fundamenten erhaltenen – Gebäuden wie dem Tempel oder den Thermen, unterstreicht ein Theater dieser Größe nicht nur wirtschaftlichen Aufschwung, vielmehr auch die Funktion des Vicus als administrativer, religiöser und kultureller Mittelpunkt der Region.

Ricciacus Frënn

Gegen Ende des 3. Jahrhunderts verlor die imposante Versammlungsstätte ihre Bedeutung. Germaneneinfälle beschleunigten den Verfall. Wie viele andere römische Bauten auch, wurde das Theater später als Steinbruch missbraucht.

Der Vicus Ricciacus ist heute die bedeutendste archäologische Fundstätte im Großherzogtum und die am besten erforschte in Nordgallien. Das riesige Areal, wo zur Blütezeit zwischen Ende des 2. und Mitte des 3. Jahrhunderts etwa 2.000 Menschen gelebt haben sollen, ist ganzjährig frei zugänglich. Spaziergänge zwischen den auch landschaftlich schön gelegenen Ruinen sind unbedingt empfehlenswert. Führungen durch Ehrenamtliche wie dem großartigen Römer-Experten Georges Karmeyer können über den Förderverein Ricciacus Frënn – Freunde von Ricciacus – angefragt werden.

Reisetipps

Weit jenseits der Mosel und doch nah und unbedingt sehenswert, ist das um 52 v. Chr. als Orolaunum gegründete Arlon, Belgien. Im archäologischen Park unter schattigen alten Bäumen die Überreste römischer THERMEN ERKUNDEN, das Archäologische Museum mit seiner einzigartigen galloromanischen Abteilung besuchen und durch die verwinkelte Altstadt schlendern.

Vergangenheit NEU ERLEBEN mit der ARGO-App. Die an der Universität Trier entwickelte (gratis) App einfach aufs Smartphone laden und an Standorten vorgeschichtlicher, römischer und mittelalterlicher Bauwerke und Monumente durch Augmented Reality in die Vergangenheit eintauchen. Faszinierend! Denn in der Realität von einst lassen sich die steinernen Zeitzeugen von allen Seiten betrachten. Mit ausreichend Raum für die eigene Fantasie. Macht auch kleinen und großen Geschichts-Muffeln Lust, mehr zu erfahren. Das echte „Mehr“ an Informationen nachzulesen auf ar-route.eu

Vor dem historischen Hintergrund der Expansion Roms in gallische und germanische Gebiete, der Verteidigung des römischen Limes – des Grenzwalls zwischen römischer und nichtrömischer Welt – lohnt ein Besuch des Centre Européen Schengen, jenem Ort, an dem am 14. Juni 1985 das Schengener Abkommen unterzeichnet wurde. Nicht an Land, vielmehr auf einem Schiff am luxemburgischen Moselufer. EINEN ANDEREN BLICK GEWINNEN auf Grenzen, auf ein Miteinander und auf die Bewahrung kultureller und politischer Identität. (Im Bild unten Direktorin Martina Kneip.)

AUSSICHTSREICH WANDERN am Fuß der Weinberge im luxemburgischen Naturschutzgebiet Haff Réimech und sich im futuristisch gestalteten Biodiversum über Flora, Fauna, Nachhaltigkeit und Naturschutz informieren. Oder nahe dem belgischen Arlon dem Leben der Zisterzienser nachspüren: bei den Ruinen des Klosters Clairefontaine durch lichten Wald spazieren und entlang der Eisch, die als Grenzfluss zwischen Belgien und Luxemburg mäandert. Vielleicht sogar einen Perspektivenwechsel wagen und dem Baumwipfelpfad Saarschleife durchs Blätterdach mächtiger Buchen, Eichen und Douglasien folgen. Naturpark Saar-Hunsrück, nahe der römischen Villa Borg.

© Text: Jutta M. Ingala | Fotos: Jutta M. Ingala + B. I.

Herzlichen Dank an Mosellandtouristik für die Einladung zur Reise entlang der Straßen der Römer. Inhalte dieser Veröffentlichung spiegeln ausschließlich meine eigene Meinung.

6 Gedanken zu “De re coquinaria und anderen Annehmlichkeiten [Mosel]

  1. Ich find mega spannend, was die Römer uns hinterlassen haben. Wenn ich an den Limes denke, diese endlose Grenzlinie. Was für eine Leistung!
    Spannender Artikel,
    LG, Stefanie

    • Herzlichen Dank, liebe Stefanie, tatsächlich eine großartige Hinterlassenschaft! Das Mosaik war einer meiner Favoriten auf dieser Reise. Unbedingt sehenswert! Liebe Grüße, Jutta

  2. Was uns die Römer an Kulturgut hinterlassen haben und was im dunklen Mittelalter verloren gegangen ist, das ist enorm! Klasse, dass immer wieder solchen beeindruckende Zeugnisse „ausgebuddelt“ werden. Das Mosaik ist irre! Schöner Bericht, Grüße von Andy

    • Dankeschön! Das Mosaik ist tatsächlich atemberaubend! 3 Millionen Mosaiksteinchen, alle von Hand behauen, sortiert, verlegt … Und sie haben die Zeit überdauert. Das geht unter die Haut. Eine Empfehlung! Liebe Grüße, Jutta

  3. Wie aus dem Geschichtsbuch, aber viel spannender, liebe Jutta!
    Was du so alles weißt … Bestes Lesevergnügen!
    Herzlich, Karin

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