Sonntagsspaziergang [Belgien]

In den Straßen von Arlon

Im entlegensten Zipfel Belgiens liegt die wallonische Provinz Luxemburg. Die größte ist gleichzeitig auch die am dünnsten besiedelte Provinz des Landes. Sie flirtet im Osten mit dem gleichnamigen Großherzogtum und wird zur Unterscheidung auch Belgisch Luxemburg genannt. Im Süden schmiegt sie sich an Frankreich, wo Longwy, die vom großen Sébastien de Vauban, Baumeister des Sonnenkönigs, entworfene Festungsstadt, und Sedan mit seiner mächtigen, mittelalterlichen Burg von einer wehrhaften Geschichte erzählen. Der Einfluss der Nachbarländer auf die Provinz ist in vielem spürbar, haben sich doch Grenzen im Lauf der Jahrhunderte immer wieder verschoben. Geblieben sind architektonische Zeugnisse, Kulinarisches, vor allem die Sprache: Belgisch Luxemburg ist frankophon.

Wurzeln

Doch die Sprachgrenzen sind porös. Im Gebrauch der Bewohner manifestieren sich in auf- und abschwellender Häufigkeit noch zwei weitere Idiome. Während das Wallonische mit seinen galloromanischen Wurzeln bis ins Mittelalter auch in Schriftform gebräuchlich war, seither in dieser Funktion aber vollständig vom Französischen verdrängt wurde, hat sich das Moselfränkische in und um Arlon – der kleinen Provinzhauptstadt im Osten – als Dialekt behauptet und im angrenzenden Großherzogtum 1984 sogar zur Amtssprache mit eigener Rechtschreibung und Grammatik aufgeschwungen: dem Lëtzebuergesch. Das Moselfränkische sei ein „Exot“, heißt es. Bunt und wild, aber auch volltönend.

Während „Moselfränkisch“ auf die geografische Verbreitung verweist, leiten sich „Wallonisch“ respektive „Wallonie“ etymologisch betrachtet vom Wort „Welsche“ ab: der germanischen Bezeichnung für Römer und romanisierte Kelten. Auch in Walnuss, von den Römern in ihre Provinzen exportiertes „Superfood“, steckt es. Ebenso in Wales, Walachei, sogar im Wort Kauderwelsch. Letzterem liegt eine eigene, spannende Herleitungstheorie zugrunde.

An einem Sonntagmorgen

Es ist der erste Sonntag im Mai und in Arlon ist Trödelmarkt. Bei sonnigem Wetter sind die Menschen früh auf den Beinen. Während wir in der kleinen, engen Stadt noch nach einer Parkgelegenheit suchen, kommen uns erste Besucher mit ihren Errungenschaften entgegen: ein Lampenschirm, Bücher, Emailleschüsseln, Rahmen ohne Bilder. Die Straßen sind von Ständen gesäumt, ein großer Platz ist ganz in der Hand der Trödler und ihrer Kuriositäten, die auf neue Besitzer warten. Bald haben wir Glück und finden eine Nische. Schon flanieren wir durch die Sträßchen, die von Stimmen widerhallen und von schönen Gebäuden eingefasst werden. Die Fassaden sind ein Kaleidoskop architektonischer Stile von Neoklassik bis Art déco. Wir passieren Cafés, deren Terrassen sich bereits gefüllt haben und überqueren die charmante Grande Place.

In Arlon sind wir mit Valérie Peuckert verabredet. Valérie ist die Direktorin des Museums Gaspar, das dem Werk des Bildhauers Jean-Marie Gaspar und dessen Bruders, dem Fotografen, Sammler und Mäzen Charles, gewidmet ist. An diesem Tag werden wir uns mit Valérie jedoch auf die Spuren der Römer begeben.

Vicus Orolaunum

Arlon blickt auf eine über 2.000-jährige Geschichte. Gegründet wurde es im Jahr 52 v. Chr. als römischer Vicus Orolaunum, strategisch günstig an der Kreuzung zweier wichtiger Verkehrswege: der Römerstraße von Reims nach Trier und der von Metz nach Tongeren, der ältesten Stadt Belgiens. Die Siedlung florierte und wuchs in den ersten drei nachchristlichen Jahrhunderten über ein weites Gebiet beiderseits des Flusses Semois. Unweit der Flussquelle – seit dem 17./18. Jahrhundert adrett eingefasst von lokalem Sandstein – befinden sich die Ruinen von römischen Thermen. Für Dampfbad, Hypokaustum und Urinal benötigen Besucher schon eine gewisse Vorstellungskraft. Zu sehen ist jedoch die Replik eines hier gefundenen kunstvollen Steinreliefs. Das Original befindet sich im Archäologischen Museum der Stadt.

Gleich neben den Thermen die verwitternden Fundamente einer Basilika. Erklärende Tafeln skizzieren Umrisse und erläutern plastisch unterschiedliche Bauepochen. Im 8. Jahrhundert wurde hier eine der ältesten christlichen Kirchen des Landes errichtet. Die ansässige Aristokratie nutzte das Areal fortan auch als Begräbnisstätte. Kleine Steinkreuze – vor allem aus dem 17. bis 19. Jahrhundert – lehnen hier und da an den Mauern oder liegen im Grün unter den schattigen Bäumen. Ausgrabungen in den 1930er Jahren brachten 21 Grabplatten aus merowingischer Zeit und seltene Schmuckstücke zutage, die heute ebenfalls im Museum von Arlon ausgestellt sind.

Die Steine verraten die Geschichte

Gegen Ende der Spätantike, als das Römische Reich bereits im Niedergang begriffen war, wurde Arlon zum befestigten Lager – lateinisch Castrum – ausgebaut. Eine gewaltige Wallmauer, die ganze 800 Meter lang, vier Meter dick und acht Meter hoch war, sollte vor germanischen Eindringlichen schützen und der Bevölkerung als Refugium dienen. Mehr als 20 Wehrtürme sicherten das Bollwerk. Zwei davon, benannt nach den römischen Gottheiten Jupiter und Neptun, sind in Resten erhalten. Wie auch anderswo, schliffen Arbeiter für den Bau der Verteidigungsanlage profane Gebäude, Friedhöfe und mehr. Davon zeugen die teils kunstvoll behauenden Steinreliefs, die in den Fundamenten verbaut sind. Am Jupiter-Turm hinter dem Rathaus, der nur durch Glas vom öffentlichen Raum getrennt und immer einsehbar ist, sieht man beispielsweise eine fein reliefierte Hand im Stein. Der Neptun-Turm an der Grand Place ist ausschließlich im Rahmen einer Führung zu besichtigen.

Museen

Die ganze Bedeutung der Stadt als Knotenpunkt auf den Straßen der Römer, erschließt sich bei einem Besuch im Archäologischen Museum von Arlon, das über eine der renommiertesten Sammlungen von Steinreliefs und Grabmonumenten mit figürlichen Darstellungen aus galloromanischer Zeit verfügt. Gezeigt werden Szenen aus der Mythologie und aus dem römischen Leben. Darunter das Fragment einer Getreidemähmaschine – Vallus –, einer gallischen, dann von den Römern weiterentwickelten Erfindung, die bereits Plinius der Ältere ausführlich beschrieb. Schmuck, Keramik, Glas gehören zu den weiteren Exponaten, die Einblick geben in die antike römische Welt.

Vis-à-vis liegt das Museum Gaspar. Hier verabschiedet sich Valérie, damit wir die Räume des Anwesens in Ruhe durchstreifen können. Das Gebäude von 1842 befand sich im Besitz der Familie Gaspar, bevor Sohn Charles es der Stadt Arlon vermachte.

Eine letzte Empfehlung gibt uns Valérie mit auf den Weg: Auf den Belvedere von St. Donatus sollen wir steigen. Von dort habe man einen großartigen Blick über die Stadt und das Areler Land.

Reisetipps

[1] Nach Raritäten stöbern auf dem TRÖDELMARKT VON ARLON. An jedem ersten Sonntag im Monat im historischen Stadtzentrum. Von März bis Oktober. [2] Mit Jean und Charles Gaspar ins künstlerische Arlon des 19. Jahrhunderts eintauchen, ihre Bildhauerei und Fotografie sowie Exponate aus der Stadtgeschichte im MUSEUM GASPAR entdecken. [3] Den Römern im ARCHÄOLOGISCHEN MUSEUM nachspüren. Das Museum beherbergt zahlreiche Sammlungen mit kostbaren Exponaten der gallorömischen Zivilisation. [4] Über AKTIVITÄTEN IN DER NATUR – wie einen Spaziergang bei den Ruinen des Klosters Clairefontaine durch lichten Wald und entlang der Eisch – Sehenswürdigkeiten, Festivals und Unterkünfte in Arlon und im Areler Land informiert Arlon Tourisme.

© Text: Jutta M. Ingala | Fotos: Jutta M. Ingala + B. I.

Herzlichen Dank an Mosellandtouristik für die Einladung zur Reise entlang der Straßen der Römer. Inhalte dieser Veröffentlichung spiegeln ausschließlich meine eigene Meinung.

8 Gedanken zu “Sonntagsspaziergang [Belgien]

  1. Hallo und vielen Dank für diesen interessanten Bericht aus einer für mich unbekannten Region in Belgien. Bisher habe ich dieses Land eher „gestreift“ denn bereist (auf dem Vennbahn – Radweg), doch die Erwähnung von Longwy als angrenzende französische Stadt, wo ich ebenfalls mit dem Rad war, machte mich neugierig. Ja, die Spuren der Römer sind vielfältig und begegnen einem oft unerwartet (So für mich in der Nähe von Cardiff mit Amphitheater und ebenso einer Therme). Damit will ich mich in den nächsten Jahren mal näher befassen, zumal die Baukunst wirklich unglaublich fortschrittllich war. Insofern ist auch dieser Beitrag ein guter Tip zur Erkundung, Danke! Liebe Grüße! Bernd

    • Guten Morgen Bernd und herzlichen Dank für deine Nachricht! Ja, das ist ein spannendes und wenig bekanntes Fleckchen Erde mit vielen Spuren, die die Römer hinterlassen haben. Kennst du die „Straßen der Römer“ (https://www.strassen-der-roemer.eu/)? Vielleicht gibt es da de ein oder anderen Ort, der für dich interessant ist. Schöne Grüße, Jutta

  2. Hey, ich muss sagen, dein Blogartikel über die wallonische Provinz Luxemburg in Belgien hat mir echt gut gefallen! 😄

    Es ist so erfrischend, einen Blick auf die weniger bekannten Ecken unseres Planeten zu werfen, und du hast Luxemburg wirklich in ein neues Licht gerückt. Die Art und Weise, wie du die Geschichte und die kulturelle Vielfalt dieser Region beschreibst, ist wirklich fesselnd. Ich hatte keine Ahnung, dass es in dieser Gegend so viele verschiedene Sprachen und Dialekte gibt, und es war spannend zu lesen, wie sie sich über die Jahrhunderte hinweg entwickelt haben.

    Besonders beeindruckend fand ich deine Beschreibung des Trödelmarktes in Arlon. Ich konnte mir richtig vorstellen, wie die engen Gassen von Menschen gefüllt sind und wie die Sonne auf die alten Gebäude scheint. Du hast eine wunderbare Atmosphäre erzeugt und mich förmlich mitgenommen auf diesen Sonntagmorgen in Arlon.

    Aber das Highlight des Artikels für mich waren definitiv die historischen Einblicke in die Römerzeit von Arlon. Die Ruinen, die du beschreibst, und die Bedeutung dieser Stadt als Knotenpunkt auf den römischen Straßen sind faszinierend. Es ist großartig zu sehen, wie sich die Geschichte in den Steinen und Artefakten dieser Region widerspiegelt.

    Insgesamt ein wirklich informativer und unterhaltsamer Artikel, der mich dazu gebracht hat, mehr über diese Region zu erfahren. Danke für deine großartige Arbeit, und ich freue mich schon auf weitere Beiträge von dir! 👏👏👏

    • Wow, so ein ausführliches Feedback gibt es ja wirklich selten – lieben Dank! Arlon verbindet tatsächlich auf reizvolle Weise Geschichte mit Kunst, Architektur und ganz Alltäglichem, dass man sich dem besonderen Charme nur schwer entziehen kann. Eine unbedingte Reiseempfehlung! Sonnige Grüße, Jutta

  3. Hallo Jutta,

    das ist ja alles Geschichte pur. Ich finde es immer wieder erstaunlich, was die Römer damals alles auf die Beine gestellt haben und daß sie sich auch in ihren eroberten Gebieten haben gut gehen lassen wie hier in Arlon mit Thermen usw. Noch erstaunlicherweise finde ich immer wieder, was davon noch heute wenn auch nur in Teilen erhalten geblieben ist. Wenn ich mir unsere heutigen (öffentlichen) Bauten anschaue die meist keine 100 Jahre halten, wenn überhaupt. Was werden die Menschen in 1000 oder 2000 Jahren noch von unserer heutigen Zeit wissen?

    Daß es ein Luxemburg auch in Belgien gibt wußte ich auch noch nicht. Eine echte Bildungslücke! Aber es gibt ja auch eine niederländische und eine belgische Provinz Limburg, die auch direkt aneinandergrenzen. In den Benelux-Staaten liegt und gehört ja irgendwie alles bzw. vieles zusammen was diese Länder auch sympathisch machen.

    Viele Grüße
    Winfried

    • Ich kannte sie tatsächlich auch nicht, die belgische Provinz Luxemburg! Sehr charmant dort und unbedingt sehenswert, lieber Winfried.
      Witzigerweise ging es am Wochenende in einem Gespräch um genau dieses Thema: Wie bauen wir eigentlich und für wen? Warum muss es für die „Ewigkeit“ sein? Ich finde die Funde aus vergangenen Epochen natürlich großartig. Die römischen Errungenschaften, von denen wir noch profitieren. Oder auf die wir aufgebaut haben. Heute denke ich, dass wir durchaus auch aus vergänglichen (nachwachsenden) Materialien bauen dürfen, um den Raubbau an der Umwelt einzudämmen. Ist vielschichtig! Ganz liebe Grüße, Jutta

  4. Das klingt nach einem Städtchen voller schöner Geschichten! Von dem Bildhauer Gaspar habe ich schon gehört. Tierskulpturen habe ich da im Kopf.
    LG, Karin

    • Das stimmt, Karin, Jean Gaspar war bekannt für seine realistischen Tierskulpturen. Ein röhrender Hirsch aus Bronze – „Ruf des Waldes“ heißt die Skulptur, die Gaspar nach einem Besuch der Wälder der Ardennen geschaffen haben soll – steht mitten in Arlon. Du bist gut informiert! Sonnige Grüße, Jutta

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