Von Revoluzzern, Kunst und Kräuterkunde [Niederrhein]

Geschichtsträchtig ist der Landstrich zwischen den Niederlanden und Westfalen, eng an den großen Fluss geschmiegt, mit dem er sich den Namen teilt: der Niederrhein. Fluss und Land sind natürlich zwei paar Schuhe. Verlobt sind sie, aber nicht verheiratet. Während der Strom weiterzieht, ist die Landschaft eine schöne Konstante, die den Besucher mit einer überwältigenden Grenzenlosigkeit empfängt. Sprichwörtlich. Denn wo die Region Niederrhein beginnt und wo sie endet, das weiß niemand so ganz genau. schloss-moyland-mohn-2
Der Himmel so weit
Die Landschaft ist schlicht und schön. Und wunderbar flach, was den Radfahrer, der sich hier nicht bergauf quälen, sondern höchstens einmal gegen den Wind anstrampeln muss, besonders freut. Wer kein eigenes Fahrrad dabei hat, kann sich an über 40 Stationen des Niederrhein Tourismus einen Drahtesel ausleihen und aufsatteln.
Vorbei an Bauernhäusern, die sich mit ihren urigen Krüppelwalmdächern tief in die Ebene ducken, um dem Reisenden die Aussicht nicht zu verstellen. Nur die knorrigen Kopfweiden kümmern sich wenig um Achsen und Blickwinkel. Sie folgen kleinen Bächen und säumen Flussauen. Mit ihrem dürren Geäst, das an wirre Haarschöpfe erinnert, sind sie willkommene Orientierungspunkte. Und hübsch anzusehen obendrein. schloss-moyland-1
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Schloss Moyland

Die schönsten Park- und Gartenanlagen reihen sich am Niederrhein wie die Perlen an einer Schnur. Historische Städte und Städtchen, Wasserschlösser, Kirchen und Klöster liegen einladend verstreut in dem stillen Landstrich. Schloss Moyland, vielen bekannt als Museum für zeitgenössische Kunst und internationales Beuys-Zentrum, ist eine dieser Perlen. Ein neugotisches Wasserschloss, eingebettet in eine schlichte, aber reizvoll gestaltete Gartenanlage aus dem späten 19. Jahrhundert. Ein Gesamtkunstwerk. Urkundlich erwähnt wird Moyland erstmals 1347. Es folgt eine wechselvolle Geschichte mit zahlreichen Umbauten. Preußenkönig Friedrich der Große trifft sich hier 1740 mit dem französischen Philosophen und Aufklärer Voltaire. 1945 wird das Schloss zerstört und verfällt. schloss-moyland-james-lee-byars-the-spinning-oracle-of-delphi-2schloss-moyland-james-lee-byars-the-spinning-oracle-of-delphi-1
Heute ist Moyland lebendiger denn je. Das Museum zeigt zeitgenössische Kunst und die weltweit größte Sammlung von Arbeiten des (Aktions)Künstlers Joseph Beuys, der im nahen Kleve aufwuchs und zum streitbaren Geist avancierte. Ein Revoluzzer, genau wie der Schriftsteller Anacharsis Cloots, ebenfalls aus Kleve. Der geriet übrigens in der Französischen Revolution unter die Guillotine. Am Niederrhein ist eben nicht allein der Himmel weit, sondern auch viel Raum für Querdenker. schloss-moyland-8
Kunst küsst Natur
Wer in Moyland Kunst nur hinter Museumsmauern vermutet, hat weit gefehlt. Sie findet ganz unaufgeregt auch unter freiem Himmel statt. Im weitläufigen Skulpturenpark, im Schlossgraben und sogar über die Anlage hinaus, heben 68 Skulpturen die Grenzen zwischen Kunst und Natur auf. Auch die Grenzen zwischen Alt und Neu sind in Moyland fließend. Hier Moderne, dort der historische Kräutergarten mit Pflanzen, die wir aus dem eigenen Garten oder zumindest dem Namen nach kennen. Erstaunlich, dass die meisten mit einem „Giftig!“ gekennzeichnet sind. Auf die Dosis komme es an, ist auf den Hinweistafeln zu lesen. Und auf die Art der Verabreichung. Ein Workshop führt in die Geheimnisse der Wild- und Heilkräuter ein. Denn Gewächse, die modern, verstümmeln, berauschen und anderweitig ärgern, sollte man auf jeden Fall ernst nehmen. Nachzulesen übrigens auch bei Amy Stewart in ihrem amüsanten Buch über böse Blumen und fiese Pflanzen in unseren Gärten. Echter Lesegenuss! schloss-moyland-laube
Das Leih-Fahrrad kommt bald wieder zum Einsatz. Nach Museumsbesuch und etwas zuviel Kuchen im Café führt eine Radtour über 36 Kilometer noch einmal an ganz besondere Orte: An die Schauplätze nämlich, die den Künstlern der aktuellen Ausstellung als Inspiration dienten. Landschaft als lebendige Leinwand. Der Himmel ist so weit über dem Niederrhein.

Info:
Museum Schloss Moyland
Am Schloss 4
47551 Bedburg-Hau
T (02824) 9510-60
www.moyland.de

Grassgrüne Mietfahrräder und ausführliche Routeninfo gibt es über den Niederrhein Tourismus.
In leicht geänderter Fassung erschienen im Münsterland Magazin 06/2014.

20 Gedanken zu “Von Revoluzzern, Kunst und Kräuterkunde [Niederrhein]

  1. Mit dem Wort Kräuterkunde hast du mich geködert. Wie immer: tolle Fotos und Artikel und schön, dass du wieder online (öffentlich) bist.
    Lg, Christina

    • Danke! Ja, es ist schon spannend, wie Pflanzen gleichzeitig heilen und vergiften können. Aber – und das schreibe ich mir auch immer auf die Fahne – es gilt halt die richtige Dosis zu finden! Sonnige Grüße, Jutta

  2. Liebe Jutta, ich freu‘ mich, dass du wieder da bist!!! Und der Niederrhein ist wunderbar. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich noch nie in Moyland war. ;-) Liebe Grüße aus Nordfriesland!!! Elke

    • Lieben Dank, Elke! Gott sei Dank steht Moyland unerschütterlich auf seinem Sockel und läuft nicht davon :) Erst gestern hat mir übrigens jemand ein interessantes Detail, ein Kunstwerk an der Fassade, gezeigt, das ich bisher noch nicht bemerkt hatte. Es lohnt sich also auch, immer einmal wieder nach Moyland zu fahren, weil es dort einfach nie langweilig wird. Sonnige Grüße in den Norden (Ich würde ja jetzt liebend gerne ein Wettrennen mit deinen Vierbeinern am Strand machen!), Jutta

  3. ohh und wie ich Beuys mag! Aber auch das Schloß ist nicht zu verachten… kommt gleich auf die Deutschland-Mus-See-Merkliste. Und mir wird wieder einmal peinlicherweise bewusst, wie wenig ich doch das eigene Land kenne.

    • Hallo Eva, so geht es wohl vielen: Zuerst einmal in die Ferne schweifen! Ich habe erst vor 14 Tagen ein fantastisches Fleckchen Erde gleich hier um die Ecke entdeckt und nicht schlecht über meine völlige Unkenntnis gestaunt! Wenn du Wasserschlösser und Burgen magst, kommst du hier im Münsterland und drüber auf der holländischen Seite, im Achterhoek, ganz auf deine Kosten. Viele beheimaten kleine Museen oder temporäre Ausstellungen wie bspw. die Kolvenburg in Billerbeck. Sonnige Grüße in den Süden, Jutta

    • Mich kann man auch immer mit einem Schloss haben: Ob mit oder ohne Kunst, ob barock oder als Ruine. Und durch Gärten könnte ich stundenlang flanieren! Kräuter wurden in Moyland übrigens zu heilkundlichen Zwecken schon früh gezogen. Mit entsprechenden Rezepten dargestellt im „Anholter-Moyländer Kräuterbuch“ von 1470! Das nur rund 25 km entfernte Wasserschloss Anholt gehörte einmal den gleichen Herren wie Moyland und ist mit seinem Irrgarten auch eine Wucht! Danke für’s Vorbeischauen, sonnige Grüße, Jutta

    • Lieben Dank, Winfried! Ein schöner Landstrich, der schon ein bisschen erahnen lässt, dass irgendwo im Westen die See liegt. Ich bin ja gerne auf dem Drahtesel unterwegs und der Niederrhein bietet sich wirklich für Radtouren an! Wünsche einen tollen Sonntag, Jutta

  4. Oh, ich liebe die Mischung aus Kunst und Natur. Darum mag ich das Kröller-Müller-Museum auch so sehr. Aber das Schloss Moyland sieht auch aus, als ob es unbedingt mal besucht werden müsste ;-) Tolle Fotos (wie immer)!
    LG Simone

    • Hallo, liebe Simone, für den ersten Kommentar nach meiner „Sommerpause“ bekommst du einen Orden! Ich finde es schön, wenn sich Museen für ein breiteres Publikum öffnen. An Kunst scheiden sich ja die Geister, aber Moyland spricht eben nicht nur Beuys-Fans oder Liebhaber zeitgenössischer Kunst an, sondern auch Gartenfreunde und durch das Sommerprogramm Radler, Musik-Liebhaber und und und. Ich mag es, wenn sich das Publikum mischt und ein Museum ein lebendiger Ort ist. Wie du schon sagst: Genau wie das Kröller-Müller! Hab einen schönen Sonntag, liebe Grüße, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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