Das Tor zur Welt. Vom Kommen, Gehen und Bleiben* [Bremerhaven]

“The cure for anything is saltwater – sweat, tears, or the sea.” Isak Dinesen*

In der Nacht wird der Wind zum Sturm. Ungestüm zerrt er an den Segeln, tobt, heult, während der Regen im Takt gegen das Bullauge der Kajüte trommelt. Die Uhr zeigt elf. Ich hocke auf einem schmalen Sims, sehe hinaus. Die Beine angewinkelt, die Füße in gemütlichen Pampuschen, in den Händen einen wärmenden Tee mit süßem Honig. Durch den Regenschleier beobachte ich die Häuser im Hafen. Sie flackern wie Irrlichter im Moor. Ich warte. Darauf, dass der Regen sich legt, dass sich die letzten Wassertropfen an der Scheibe finden, eins werden, sich in Nichts auflösen. Darauf, dass der Sturm verstummt. Doch er verstummt nicht. Müde seinen Geschichten weiter zu lauschen, Geschichten, die er an fernen Orten einfängt und um den Erdball bis hierher in den Norden trägt, gehe ich zu Bett. Auf den Lippen den letzten Tropfen Tee. 

Am Strom
Am Morgen tobt der Sturm noch immer. Die Kajüte habe ich gegen die Kombüse getauscht. Vor mir herrlich duftender Kaffee, der das letzte bisschen Müdigkeit vertreibt. Ich habe Appetit. Auf Joghurt mit Früchten und Nüssen, auf Croissants. Und ja, auch auf eingelegten Hering! Neben dem Teller Lektüre: „Vom Kommen, Gehen und Bleiben“. Das Büchlein, ein literarischer Führer durch Bremerhaven, lag gestern Abend auf meinem Kopfkissen. Eine von diversen Nettigkeiten wie der handgeschriebene Willkommensgruß oder das Glas Honig aus dem Nektar der hauseigenen Bienen. Denn der „Segler“, auf dem ich angeheuert habe, liegt nicht etwa vor Anker in Bremerhaven. Er steht fest verwurzelt am Deich. Es ist das Atlantic Hotel Sail City. Meine Kajüte ein luxuriöses Zimmer mit Panoramablick auf die Weser. Die „Kombüse“, das von nordischer Klarheit geprägte Restaurant, heißt so passend „Strom“

Gegen den Wind
Drinnen sitze ich gemütlich. Draußen stemmen sich die Passanten gegen den Wind. In Öljacken und Gummistiefeln sind sie unterwegs, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, die Hände in den Taschen vergraben. Einem Herrn wird die Mütze von der Glatze geweht und über den Bürgersteig getrieben, bis sie in einer Pfütze ertrinkt. Ein krummbeiniger Dackel steckt seine Nase hinein. Am anderen Ende der Leine eine Dame, die mit dem Glatzköpfigen ein Gespräch anfängt. Die Mütze wird zur Nebensächlichkeit und bleibt liegen. 

Im Hafen
Sicher vertäut schaukeln kleine und große Segler im Hafenbecken. Jetzt, wo sich der Wind gelegt hat, herrscht hier geschäftiges Treiben. Es wird gewischt und gewienert, Leinen werden gezurrt, Pakete an Bord gehievt. Am Wasser ist Bewegung.

Ein pechschwarz gestrichenes Boot in zweiter Reihe hebt sich von den anderen ab. Glänzend vom Regen, mit roten Akzenten und einer einladenden Bank an Deck. Am Bug prangen ein goldener Stern und der Schriftzug „Stella Nova“ – „Neuer Stern“. Kein Segler, viel kompakter, kräftiger: ein Arbeiter.

Aus dem Steuerhaus lugt ein Kopf. Dann kommt ein Mann im blauen Overall zum Vorschein. Wir kommen schnell ins Gespräch. Und bald balanciere ich vom sicheren Steg über rutschige Planken hinüber zur „Stella Nova“, um sie mir aus der Nähe anzusehen. Der Mann im Overall hilft mir an Bord und stellt sich vor. 

Opduwer
Manfred zeigt mir seinen „Stern“, einen Schlepper, den er vor zwei Jahren in der Nähe von Amsterdam entdeckt hat. Diese Art Boot, im niederländischen „Opduwer“ genannt, kam zum Schieben von Lastkähnen zum Einsatz. Zwischen 1910 und 1940 in großer Zahl gebaut und auf den Binnenwasserstraßen unterwegs, sind die alten Schlepper heute selten geworden. „Es war gar nicht so einfach, das richtige Boot zu finden. Da muss man schon viele Wochenenden investieren und manchen Hafen in Holland absuchen.“ Warum gerade so ein „Opduwer“, will ich wissen? 

Mit seinen rund 8 Metern Länge hätte er ein gutes Maß und ließe sich auch in überschaubarer Zeit restaurieren. Drei Jahre wird er insgesamt brauchen, schätzt mein Gegenüber. Ich darf einen Blick unter Deck werfen. Eine schmale, steile Stiege führt hinunter in die Kajüte. Lieber bleibe ich jedoch oben an der Luke und spähe nach unten: Hier riecht alles nach frisch gehobeltem Holz und Leim. Möbel, wie die hübsche alte Kommode aus Schleswig, sind clever eingebaut. Raum ist schließlich knapp. Die Zimmerarbeiten erledigt Manfred selbst. Das Handwerk scheint er gut zu verstehen. Alles ist passgenau und auf Gehrung gearbeitet, Oberflächen so schön glatt geschliffen. Echte Handschmeichler. Es ist bereits das vierte Boot, das der Mann, der selbst nie zur See gefahren ist, restauriert. Und die Liebe zur Meer? Die wird einem wohl mitgegeben, wenn man an der Küste aufwächst. 

Palaver
Im Alltag arbeitet Manfred beim Magistrat.* Doch Schiffe sind seine wahre Leidenschaft. Was nicht direkt an Bord erledigt wird, repariert oder baut er in der „Gläsernen Werft“, die gleich gegenüber in einem Backsteingebäude mit Sprossenfenstern, dem ehemaligen Proviantlager für Auswandererschiffe, untergebracht ist. Dort stehen auf den Fenstersimsen schöne Modelle von Großseglern. Es ist warm und duftet nach Holz und nach Lack. Überall Planken, Segel, Taue, Anker, Werkzeug. Für jedes Boot – nicht für dessen Besitzer – gibt es ein nostalgisches Postfach. 

Mitten in der Werkstatt ein großer Tisch, an dem sich Manfred mit anderen Schifffahrtsenthusiasten zum monatlichen Palaver trifft. „Man spricht über dies und das“, bemerkt einer mit einem großem Pott Kaffee in der Hand: „Vor allem über das Meer und die Boote.“ Und deren Restaurierung. Begonnen hat alles Ende der 70er Jahre, als einige Bremerhavener Holzschiff-Liebhaber den Finkenwerder Kutter „Astarte“ kaufte. Aus der kleinen Gruppe sind heute 180 Privatleute geworden, die sich zur „Schiffergilde Bremerhaven e.V.“ zusammengeschlossen haben und dem Erhalt historischer Schiffe widmen. 20 Frachtsegler, Yachten, Arbeits- und Fischerboote gehören der Gilde heute. Die „Astarte“ ist ihr Flagschiff. 

Der mit dem Kaffee-Pott – früher fuhr er auf einem Frachter über die Weltmeere, erst der Liebe wegen wurde er sesshaft – zeigt auf Taue, die von der Decke baumeln: „Für die „Astarte“ … ganze 1000 Meter.“ 1903 wurde sie in Hamburg gebaut. Und segelt immer noch.

© Text und Fotos: Jutta M. Ingala 

Wer? Wo? Was?
Das Atlantic Hotel Sail City liegt in prominenter Lage direkt am Weserdeich vis-à-vis des Neuen Hafens. Rund um das Hafenbecken findet man das besonders sehenswerte Deutsche Auswandererhaus, das Klimahaus 8° Ost oder den Simon-Loschen-Leuchtturm (Fotos oben) von 1853. Ältestes Festland-Leuchtfeuer an der Nordseeküste in gediegener Backsteinarchitektur und auch heute noch in Betrieb.

Atlantic Hotel Sail City
Am Strom 1
27568 Bremerhaven
T 0471 309900
www.atlantic-hotels.de

Wissenswertes rund um die Geschichte der Stadt, kulturelle Angebote oder Freizeitaktivitäten sind nachzulesen auf Bremerhaven.de

* „Vom Kommen, Gehen und Bleiben“ ist der Titel eines originellen, kleinen Reisebegleiters durch Bremen. Mit Texten von Laura Pia Samide und Bernd Schüler und Radierungen von Bogdan Hoffmann.

Isak Dinesen ist übrigens niemand anderes als Karen oder Tania Blixen … „Jenseits von Afrika“ kennen wir alle. Oder „Babettes Fest“.

Und für die Nicht-Eingeweihten unter uns: Der Magistrat ist die Verwaltungsbehörde von Bremerhaven. Ja, im Norden gibt es sie noch, die schönen Worte wie Magistrat, Kontor und Gilde. Oder Palaver …

Mein Besuch in Bremerhaven wurde vom Atlantic Hotel Sail City unterstützt. Herzlichen Dank dafür!

 

 

29 Gedanken zu “Das Tor zur Welt. Vom Kommen, Gehen und Bleiben* [Bremerhaven]

  1. Moin Jutta,

    oh man, da bist du ja wieder bei typisch norddeutschem Schmuddelwedda an die Küste gereist. Hoffentlich konntest du trotzdem die Zeit für dich genießen.

    Schön fand ich die Story mit der „Stella Nova“. Wir finden das immer total spannend, wenn Menschen keine Zeit und Mühe scheuen, um solche alten Schiffe wieder neues Leben einzuhauchen. Erinnert mit irgendwie an die Jungs, die wir im Museumshafen Oevelgönne kennengelernt haben.

    Liebe Grüße,
    Claudia

    • Hallo, liebe Claudia, ja, ich habe Talent, mir Schmuddelwettertage auszusuchen! Weiß gar nicht wieso … :* Mit Regenjacke und Gummistiefel ausgestattet und zwischendurch einen Abstecher ins Café lässt sich das aber ganz gut aushalten! Dass jemand tatsächlich über so lange Zeit, so beharrlich und mit soviel Liebe zum Detail an einer Sache arbeitet, ist so bewundernswert! Ich war einige Wochen nach meiner Begegnung mit Manfred noch einmal in Bremerhaven und habe nach der „Stella Nova“ geschaut. Es ist ein echtes Schmuckstück dort im Hafen. Das sieht man gleich! Eure Geschichte aus Oevelgönne kenne ich gar nicht. Magst du den Link schicken? Wünsche euch einen schönen Sonntagabend! Liebe Grüße, Jutta

  2. Das erinnert mich daran, wie ich das letzte Mal zur See gefahren bin. Jede Nacht an Deck geschlafen, mit Blick auf eine karibische Insel :-)

  3. Hallo Jutta,

    schön mal wieder etwas in Deinem Blog zu hören. Vor ungefähr zwanzig Jahren war ich auch mal in Bremerhaven, habe aber wenig Erinnerungen mehr an die Stadt. Auch wenn das Wetter bei Dir nicht so toll war, ein schönes Hotel und die richtigen Menschen machen jeden Tag passend. Und die Fotos sprechen für sich.

    Viele Grüße
    Winfried

    • Guten Morgen Winfried, schön, auch wieder von dir zu lesen! Ich hatte Bremerhaven auch nur ganz diffus aus Kindertagen in Erinnerung. Die Havenwelten entwickeln sich gerade sehr schön. Was mir – außer meiner tollen Begegnung mit Manfred – auch sehr gefallen hat, waren die kleinen Geschichten, die ich in dem erwähnten Büchlein gelesen habe, und die man als Besucher so wunderbar in Bezug setzen kann, zu dem, was man vor Ort gerade erkundet. Also nicht nur von außen betrachten, sondern gleich eine Biographie Personen, Gebäuden, Straßen zur Hand zu haben. Ich bin mir nicht sicher, ob man das Büchlein außerhalb Bremerhavens erwerben kann. Für einen nächsten Besuch in der Stadt wäre es die ideale Ergänzung! Herzliche Grüße, wünsche dir einen schönen Sonntag, Jutta

  4. Ich bewundere Menschen, die leidenschaftlich einem Hobby nachgehen. Hier ist es ja nicht das „Turnschuhe an- und wieder ausziehen“-Hobby. Puh, hier arbeitet jemand jahrelang an ein und demselben Projekt. Klasse! Eine schöne Begegnung, die du da hattest. Gruß, Sylvia

    • Nicht wahr? Ich finde das auch ganz erstaunlich! Bin selbst einigermaßen geduldig, aber über so viele Jahre? Das ist schon außergewöhnlich. Bin froh, dass ich „Herrn Manfred“ getroffen habe. Bremerhaven ohne diese Begegnung wäre nur halb so schön gewesen. Liebe Grüße, Jutta

  5. Hallo Jutta,
    wieder so eine schöne Geschichte „aus dem Leben“ und so nett aufgeschrieben für uns (habe lange darauf gewartet)!
    Ganz liebe Grüße,
    Karin

  6. Ach, ich mag ja Bremerhaven! Obwohl das Wetter bei meinem Besuch vielleicht noch ein bisschen schlechter war als bei Dir. Schlechtwetter-Berichte lassen sich aber so schön lesen. Jedenfalls dieser. Hast Du sehr weit oben logiert im Hotel? Stell ich mir ja toll vor – den Blick. Schönes Wochenende, Stefanie

    • Hallo Stefanie, ich habe leider auch nur Schlecht-Wetter-Erfahrung mit meinen Bremerhaven-Besuchen. Aber das ist ja egal, wenn man so nette Bekanntschaften macht! Hat alles aufgewogen : ) Im Hotel habe ich „nur“ im 5. Stock logiert, aber es war trotzdem super schön. Gefühlt ganz oben! Von der Aussichtsplattform ist der Blick dann aber unschlagbar gut. Liebe Grüße und ein schönes Wochenende auch für euch, Jutta

  7. Ich war erst letzte Woche in Bremerhaven und vermisse noch immer die salzige Luft. Meer haben wir Österreicher zwar keines mehr, dafür können wir beim Magistrat mithalten…

    • Hallo Gudrun, ja, dass ihr auch einen Magistrat habt, habe ich beim Recherchieren herausgefunden! Ich mag das Wort ja sehr. Hört sich so viel eleganter an als „Stadtverwaltung“! Und hier im Münsterland vermisse ich die salzige Luft auch … sehr! Liebe Grüße, Jutta

  8. Mir gefallen deine „Begegnungen“ so gut Jutta!
    Die Menschen, die an den Orten, die du besuchst leben. Das ist so anders. Ich freue mich schon auf die nächste Geschichte! Noch einmal Bremerhaven? Oder das Meer?
    LG, Inge

    • Herzlichen Dank Inge! Ganz ehrlich: Die Begegnungen mit Menschen sind eigentlich das Schönste an einer Reise. Sie rücken Orte in eine ganz besondere Perspektive. Natürlich ergibt es sich nicht immer, dass du mit interessanten Menschen ins Gespräch kommst. Aber doch ziemlich häufig. Ich mag das sehr. Ich mag auch gerne den Geschichten anderer lauschen. Das ist ungemein bereichernd – wie damals in Bremerhaven! Die nächste Geschichte? Weiß ich noch nicht! Jutta

  9. Moin Jutta, hatte dich schon vermisst!
    Zum Restaurieren gehört tatsächlich eine Menge Leidenschaft. Denn das geht ja nicht von jetzt auf gleich: Original-Ersatzteile suchen und finden, die ganzen Tischlerarbeiten. Das zieht sich hin. Vor allem, wenn es so „ganz nebenbei“ gemacht wird. Das Boot sieht so schön sorgfältig lackiert aus. Toll, dass ihr beide euch dort im Hafen begegnet seid und ich nun diese schöne Geschichte lesen kann!
    Viele Grüße, Andreas

    • Ich war an anderer Stelle beschäftigt, lieber Andreas : ) Ja, das erzählte Manfred auch: Er sucht mitunter sehr lange nach Ersatzteilen. Mal online, mal stöbert er an den unterschiedlichsten Orten. Das mit der Lackierung ist mir erst aufgefallen, nachdem ich mir die Fotos angesehen haben. Stimmt! Hat er super sorgfältig gemacht. Die Leidenschaft für die Sache eben! Herzlichen Dank fürs Mitlesen und ein schönes Wochenende für dich, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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