„Kauft Mistelzweige für die Liebste!“ [Niederlande]

Charles Dickens in den Gassen von Deventer

Anhaltende Sehnsucht nach England, ein Hang zur Nostalgie und zu Dramen mit Happy End, erklären meine Liebe zu Dickens schon hinlänglich. Als Teenager verbrachte ich einige Wochen in Broadstairs, Kent, um Englisch zu lernen und wohnte in einem dieser hübschen viktorianischen Häuser, die mich auch heute noch verzaubern. Meine Landlady war der Inbegriff einer Britin mit porzellanfarbenem Teint und rot geschminkten Lippen. Natürlich trug sie Perlen zum Kostüm. Im Wohnzimmer Blümchentapete, Sessel mit Hussen aus glänzendem Chintz und kitschige Porzellanhündchen. Der Blick durch die Erkerfenster – unbezahlbar! – auf das blaugraue Meer. 

Das Seebad mit seinen schönen Buchten und beeindruckenden Kreidefelsen war schon bei Queen Victoria zur Sommerfrische beliebt. Und eben bei Charles Dickens. Der war häufiger Gast im Bleak House, das ganz wagemutig auf einer Steilklippe balanciert (Heute beherbergt es übrigens ein romantisches Hotel.). Im Bleak House schrieb Dickens einen seiner bekanntesten Romane: David Copperfield

Merry Christmas!
Über der Stadt liegt der Duft von gerösteten Maronen und würzigem Punsch. Elegant gekleidete Damen mit gerüschten Hauben lassen sich von vornehmen Herren im pelzbesetzten Gehrock durch die Gassen geleiten. Man ruft einander „Merry Christmas!“ zu und lächelt wohlgefällig. Es ist Dezember.

Plötzlich ein Tumult. Ein Straßenjunge mit rußverschmiertem Gesicht hetzt übers Pflaster. Ihm dicht auf den Fersen eine Bande Größerer. Der Kleine rempelt einen der Vornehmen an. Der packt die Rotznase am Kragen und zieht ihm ein Ohr lang: „Ungezogener Bengel!“ Die Bande macht sich eiligst aus dem Staub und auch der Kleine – sein Ohr reibend, aber spitzbübisch lachend – sucht schnell das Weite.

Was aussieht wie eine Szene aus dem London Queen Victorias, spielt sich in Wahrheit im 21. Jahrhundert im niederländischen Deventer ab. Die feinen Damen and Herren, Betteljungen und Blumenmädchen sind festivalbegeisterte Bürger der Stadt. Alljährlich im Dezember schlüpfen sie für zwei Tage in die Rolle eines der Dickenschen Charaktere. 

Die Sache mit dem Sonntag
Aber war denn Dickens jemals in Deventer? Mitnichten! Zu Beginn der 90er Jahre dachten die Stadtväter recht laut über einen verkaufsoffenen Sonntag in der hübschen alten Hansestadt nach. Das ging einer Deventer Händlerin gewaltig gegen den Strich. Denn nach sechs anstrengenden Tagen hinter der Ladentheke wollte Emmy Strik nicht auch noch an einem Sonntag arbeiten. Wenn schon, dann sollte daraus zumindest ein Fest werden! Dickens-Enthusiastin und England-Liebhaberin wie ich, kam der rührigen Dame die Idee mit dem Festival. Händler sollten mit ihren Geschäften eine Reise ins Viktorianische Zeitalter machen, Bürger das Publikum wie auf einer großen Bühne unterhalten. Kostüme, Attitüde, und ja, sogar die Sprache sollten authentisch wirken. 

Halunken, Waschweiber und ein Geizkragen
Damit auch jeder wusste, was zu tun war, wurden kurzerhand die Figuren aus Dickens Geschichten zum Leben erweckt: Der Waisenjunge Oliver Twist, der in die Fänge des Gauners Fagin gerät und als Taschendieb verdingt wird; der betrügerische Uriah Heep, Gegenspieler von David Copperfield und ebendieser mit seiner hübschen Verlobten Dora Spenlow. Und natürlich der notorisch schlecht gelaunte Ebenezer Scrooge, den wir als Geizkragen aus „A Christmas Carol“ kennen. Seinetwegen dreht sich auf dem Festival alles um die Weihnacht. Dazu namenlose Männer, Frauen und Kinder, von denen nur wenige auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

In seinen Romanen thematisierte Dickens die Not der Armen, Kinderarbeit und soziale Missstände in der englischen Gesellschaft. Darum sehen wir Wäscherinnen, die sich an dampfenden Bottichen die Hände auf den Waschbrettern wund reiben. Zerlumpte Waisenkinder, die sich zitternd vor Kälte in Häuserecken kauern. Schornsteinfeger, die in die Schlote kriechen, um Teer und Ruß herauszukratzen und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen.

„Kauft Mistelzweige!“
Zum Glück ist tatsächlich alles nur ein Spiel. Doch wer sich unter die Akteure mischt – anfangs waren es 70, heute sind es rund 750 –, und auf ihre Geschichten einlässt, der währt sich bald in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort. Das „Dickens Festijn“ ist kein Klamauk. Vielmehr großes Theater. 

Ich probiere vom ofenfrischen Rosinenbrot, das Frauen lachend auf ihren Schultern balancieren und den Passanten anbieten, weiche Männern auf Hochrädern aus, die sich ihren Weg durch die Menge bahnen und stöbere in den Auslagen eines Buchhändlers, der Nickelbrille und Zylinder trägt. In seinem Geschäft glänzt ein prächtiger Kronleuchter. Aus der Ferne dringen die glockenhellen Klänge eines Chors zu mir herüber und junge rotbackige Mädchen mit leuchtenden Augen verkaufen Mistelzweige für die Liebenden: „Buy mistletoe, buy mistletoe. All you need is love!“ 

Wer? Wo? Was?
Einmal jährlich zur Weihnachtszeit verwandelt sich das pittoreske Bergkwartier im holländischen Deventer für zwei Tage in eine viktorianische Kulisse. Hunderte Charaktere aus den wunderbaren Romanen von Charles Dickens, bevölkern dann die historischen Gassen der Stadt. Das „Dickens Festijn“ ist kein Humbug. Es sind gelebte Geschichten. So authentisch, dass nach wenigen Stunden Raum und Zeit vergessen ist. Der Eintritt zum beliebten Festival ist frei. Wartezeiten kann vermeiden, wer bereits am Vormittag nach Deventer kommt.

Ein schönes Souvenir aus Deventer ist übrigens der würzige Honigkuchen „Deventer Koek“, der noch immer nach Original-Rezept von 1593 gebacken wird.

VVV Deventer
Brink 89 (Penninckshuis)
7411 BV Deventer
Niederlande
www.deventer.info

Mein Besuch in Deventer wurde von Das andere Holland unterstützt. Herzlichen Dank dafür!

 

15 Gedanken zu “„Kauft Mistelzweige für die Liebste!“ [Niederlande]

  1. Liebe Jutta, da möchte man ja gern lieber weiter westwärts wohnen. Tolle Sache; ich bin auch totaler Dickens-Fan. Die Holländer sind irgendwie so schön schräg. Frei könnte man auch sagen. Das gefällt mir sehr.

    • Mir auch Stefanie! Und darum bin ich auch ganz froh, hier an der Grenze zu wohnen. Wenn ich schon nicht das Meeresrauschen höre … dann ist die Nähe zu meinen Lieblingsnachbarn immerhin das Zweitbeste! Liebe Grüße, Jutta

  2. Deventer kenne ich zwar auch, aber von diesem Dickens-Festival habe ich bisher auch noch nie gehört. Überhaupt sind Deventer und die anderen Hansestädte entlang der IJssel (Doesburg, Zutphen, Zwolle usw.) einen Besuch wert und anscheinend unterschätzt oder zumindest in Deutschland weniger bekannt.

    • Hallo Johannes, dann bitte schnell im Kalender notieren: 16./17. Dezember 2017! Ich muss gestehen, dass ich das Festival bis letzten Winter auch nicht kannte. Ebenso wenig wie viele Hansestädte auf niederländischer Seite, obschon die so nah und so schön sind! Mein Heimatstädtchen ist bspw. auch eine frühere Hansestadt und über die Berkel mit Zutphen verbunden. Und auch dorthin habe ich es erst 2016 geschafft. Beschämt mich ein wenig … Ich kann nur jedem empfehlen, öfter einmal über die Grenze zu hüpfen: Bei unseren Nachbarn ist es so gemütlich, so entspannt und viele historische Stadtkerne sind so gut erhalten! Kennst du übrigens den Film „Die Berkel“ von der Filmwerkstatt Münster? Zutphen spielt darin eine hübsche Rolle! Vielleicht sehen wir uns beim nächsten Dickens Festijn? Sonnige Grüße, Jutta

  3. Herrlich, ein Kostümfest : ) Sieht toll aus, nicht unbedingt mein Geschmack, aber das scheint ja eine richtige Institution zu sein, wenn heute schon 750 Laien zwei Tage lang ganz auf Dickens machen. Wenn ich in der Nähe bin, schaue ich vielleicht doch mal vorbei. Gruß, Andreas

    • Ja, vor allem ein Fest Andreas! Es wirkt so wahnsinnig „echt“. Klar ist es nicht jedermanns Geschmack. Aber wer weiß, vielleicht gefällt es dir ja!? Lieben Dank fürs Mitlesen, Jutta

  4. Wie schön Jutta! Bin Dickens-Fan und Weihnachten mag ich sowieso. Wenn es nur nicht so weit weg wäre von hier! Trotzdem ein toller Tipp, viele Grüße, Hanne

    • Hallo Hanne, wie weit ist es denn von dir? Vielleicht lassen sich auf einem vorweihnachtlichen Kurz-Trip ein paar hübsche holländische Städte verbinden? Zum Beispiel die alten Hansestädte Zutphen, Deventer und Kampen: In allen dreien gibt es Weihnachtsmärkte oder eben Festivals wie das „Dickens Festijn“. Holland ist immer eine Reise wert! Sonnige Grüße, Jutta

  5. Hallo Jutta,
    ein toller Blogartikel! Den mag man immer wieder lesen so interessant und spannend ist er. Eine tolle und insbesondere auch außergewöhnliche Geschichte, wie die Einwohner von Deventer durch die Deventer Händlerin motiviert wurden, hierbei mitzuziehen. Und Dir hat es anscheinend auch -D.B. würde sagen- mega gut gefallen. Klingt wie ein Muß das mal das zu erleben. Ich denke irgendwann werde ich auch mal dort vorbeischauen. Warst Du schon öfters dabei?

    Viele Grüße
    Winfried

    • Lieber Winfried, ja, es hat mir ganz ausgezeichnet gefallen! Nun bin ich ja auch ausgesprochener Dickens-Fan, liebe England, liebe Holland, liebe Weihnachten – insofern stimmte einfach alles! Was ich nämlich gar nicht mag, das ist Kitsch und den hatte ich tatsächlich befürchtet, als ich zum ersten Mal vom „Dickens Festijn“ hörte. Aber nein! Es war übrigens im vergangenen Dezember meine Premiere dort. Wenn es zeitlich passt, werde ich auch in diesem Winter wieder hinfahren. Ist ja quasi um die Ecke! Sonnige Grüße, Jutta

  6. Hallo, liebe Jutta,
    da wohne ich gleich um die Ecke, habe aber noch nie von diesem Festival gehört! Das sieht ja ziemlich edel aus und kommt gleich mal auf meine Liste. Danke für den Tipp!
    LG, Ruth

    • Hallo Ruth, freut mich! Ja, es ist ein wirklich tolles Festival, kein „Karneval“, sehr schön inszeniert. Überall wird Englisch gesprochen, du fühlst dich tatsächlich wie im England von Charles Dickens. Ich fand es grandios! Lieben Gruß, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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