Wiesen und Schafe wie Sand am Meer [Texel]

„Die Niederlande im Kleinen“, so sagt man über Texel. Die Insel besitzt Nordseeküste und Wattenmeer, Salzwiesen und Polder, Wald und Dünen. Außerdem einen Leuchtturm und hübsche Backsteinarchitektur, 14.000 Schafe und und nicht ganz so viele Einwohner … Ach ja, und Strandräuber – aber die lassen sich nicht gerne zählen …
Ob Texel noch zu Friesland gehört oder eher zu Nordholland, darüber wird unnötigerweise gestritten. Tatsächlich war das Eiland früher mit dem Norden verbunden. Bis zum Jahr 1170 als eine gewaltige Sturmflut gegen die Küste rollte, Land ins Meer riss und aus Festland Inseln machte. In den folgenden Jahrhunderten schützten Deiche die Insel, deren höchste Erhebung gerade einmal 15 Meter über den Meeresspiegel hinausragt. Dass aber auch Deiche brechen können, wissen wir nicht erst seit Storms „Schimmelreiter“. Auch auf Texel durchbrach 1851 eine weitere starke Sturmflut die Schutzdeiche im Westen und überschwemmte das Binnenland. Übrig blieben die Salzwiesen des Slufter und die Dünenlandschaften wie De Muy.

Wolleweiß und struppig braun
Auf Texel lässt man sich am besten treiben. Wozu Plänen folgen, wenn die Landschaft den Weg weist? Und die ist hier gerade bunt gesprenkelt: von Wildblumen und Klatschmohn, vor allem aber setzen Mutterschafe und Lämmer wollige Akzente, dunkelbraune und weiße. Zottelige Gesellen auf dürren Beinen beäugen Radler und Spaziergänger, traben los, blöken, halten dann aber doch Abstand. Die weißen sind echte Texelaars, die braunen „zugezogen“. Schafe werden hier des Fleisches wegen gehalten. Die Texelaars bringen mehr auf die Rippen, die Braunen sind hübscher anzuschauen. Ende Juni beginnt die Schur. Die Wolle wird verkauft und zu Garn versponnen oder verfilzt.
Kanäle zwischen den Poldern, dem neu gewonnenen Land, halten die Schafe auf Texel im Zaum. Ein breiter Dünengürtel das Meer. Das Naturreservat De Muy trennt das Binnenland von der Nordsee. Hier wechseln sich Dünen-, Heide- und Grasflächen ab, kleine Gruppen vom Wind gebeugter Bäume und flache Tümpel. Irgendwo ertönt ein Froschkonzert, aber die Sänger lassen sich nicht blicken. Hübsche Vögel ohne Namen und elegante Reiher, die durchs Wasser waten, sind weniger scheu. Und dann steht dort ein Hochlandrind. Knietief im Wasser. Eine ganze Herde gibt es hier. Haarige, braunschwarze Tiere, mit gutmütigem, aber wachsamem Blick. Einige grasen, andere dösen und teilen sich den Platz mit den Sumpfvögeln. Ich spaziere bis an Meer. Und möchte hinaus.

Flüchtiges Land
Zu einer der Sandbänke, auf denen Kegelrobben und Seehunde ihren Nachwuchs großziehen. Zur „Rasenden Kugel“ etwa, „De Razende Bol“ auf Niederländisch, die sich scheinbar unberührt vor der Südspitze Texels erstreckt. Im Westen die Nordsee, im Osten die Meerenge Marsdiep, südlich davon Festland. Entstanden ist das Fleckchen durch die Gezeitenströme zwischen Meer und Insel: Prallen die steigende Flut und das aus dem Marsdiep zurückfließende Wasser aufeinander, sinkt aufgewühlter Meeressand ab, schichtet sich langsam und unregelmäßig auf. Hier entsteht kein neues Land, vielmehr ein flüchtiger Ort. Als Spielball in der Strömung bewegt er sich nämlich mit einer Geschwindigkeit von ganzen 100 Metern pro Jahr auf Texel zu. Das rückt „rasend“ in die richtige Perspektive.

Eine halbe Stunde brauchen wir bis zur Sandbank. Unser Steuermann drosselt den Motor früh, schaltet ihn schließlich aus. Wir treiben mit der Strömung – so stören wir die Seehunde nicht. Weil das Boot nur wenig Tiefgang hat, kommen wir der Sandbank ganz nah. Dort liegen sie lässig in der Sonne: auf der Seite, auf dem Bauch, auf dem Rücken. Manche richten sich neugierig auf. Andere Tiere wälzen sich träge, wedeln mit den Flossen, recken sich. Liebenswert mit ihren fetten Leibern, dem glänzenden Fell und den großen Augen.

Wir treiben am Wassersaum entlang. Es ist wie ein Defilee, nur mit umgekehrten Rollen. An Bord wird nur gewispert. Zu groß ist die Faszination über das Schauspiel am Strand. Dabei tut sich dort drüben nicht viel. Wer einzig unaufhörlich in Bewegung ist, sind dünnbeinige Küstenvögel: Zwergseeschwalbe, Sandregenpfeifer und Seeregenpfeifer. Hektisch trippeln sie umher, stochern mit ihren Schnäbeln im Schlick auf der Suche nach Würmern und kleinen Krebsen.

Was man auf Texel gemacht haben sollte

5 LIEBLINGSSACHEN

DEN „OESTERMANN“, DEN AUSTERN-MANN, bei einer Wanderung durchs Watt begleiten, sich die besten Plätze zum Sammeln von Austern zeigen lassen, viel über die edlen Muscheln lernen und selbst welche sammeln. Noch am Strand werden sie unter fachmännischer Anleitung geknackt und verzehrt.

EINEN ABSTECHER IN DIE MUSEEN KAAP SKIL ODER FLORA unternehmen, so sich alles ums Meer dreht und das, was die See wieder ausspuckt. Nacht Strandgut jagen, ist auf Texel populär. Jutten nennt man es hier. Mit etwas Glück trifft man auch einen waschechten Jutter, der von seinen Funden berichtet. Und vielleicht ein bisschen Seemansgarn dazu spinnt.

EINMAL ROBINSON SPIELEN und mit einem kleinen Boot auf die Sandbank De Razende Bol hinausfahren. Picknicken unter Seevögeln und Robben, über den feinkörnigen Strand spazieren und vergessen, dass man eigentlich in Europa ist.

EIN BAD IN SCHAFWOLLE NEHMEN. 14.000 Schafe gibt es auf der Insel. Die liefern jede Menge wärmende Wolle. Darin baden, das gibt es nur auf Texel.

SICH EINE „FIETS“ AUSLEIHEN und die Insel per Rad erkunden. Das Kräftemessen mit dem Wind ist nicht immer einfach, aber grandios. Das Radwegnetz auf der Insel führt bis in den letzten Winkel.

© Texte und Bilder: Jutta M. Ingala
[Zuerst erschienen in „Meeresrauschen. Vom Glück, am Wasser zu sein.“, DuMont Reiseverlag]

WER? WO? WAS?
Die westfriesische Nordseeinsel Texel gehört zu den beliebtesten Reisezielen der nördlichen Niederlande. Nur einen Katzensprung von der Küste Nordhollands entfernt und per Fähre in knapp 20 Minuten ab Den Helder erreicht. Lust auf die Insel? Zum 20. Mai hat der VVV Texel die innovative „TexelMap“ [zum Download in deutscher Sprache via Play Store und App Store] lanciert. Vor dem Hintergrund der aktuellen Pandemie lassen sich mit Hilfe der App Besucherströme großräumig verteilen. Nutzern zeigt sie die Frequentierung populärer Locations an, bietet eine Reservierungsmöglichkeit und schlägt Alternativen vor. Damit Abstandsregeln auch im öffentlichen Raum umgesetzt und Inselgäste ihren Aufenthalt unbeschwert genießen können!

… ein Glück, am Wasser zu sein.

 

14 Gedanken zu “Wiesen und Schafe wie Sand am Meer [Texel]

  1. Guten Morgen, liebe Jutta,
    ganz große Texel-Liebe! Aber mehr als 5 Lieblingssachen könnte ich dir schon aufzählen: zum Beispiel auf den Leuchtturm bei De Cocksdorp steigen, Seehunde auch im Ecomare beobachten, so etwas wie Queller probieren, Muscheln sammeln bei einem langen Strandspaziergang, am Abend ein leckeres, auf Texel gebrautes Bier trinken und noch ganz viel mehr. Deine Lieblingssachen sind natürlich auch unbedingte Empfehlungen : )
    LG, Gaby

    • Na klar gibt es die und ja, alles dick unterstrichen, Gaby! Das Ecomare habe ich selbst tatsächlich noch nicht besucht. Es gibt halt einfach zuuuuuuu viel zu sehen und zu tun auf Texel! Sonnige Grüße, Jutta

  2. Hallo Jutta,

    ein schöner Update auf Deinen Artikel. Und ein Wollbad würde ich jetzt sofort nehmen. Windmühlen, Schafe, eine Insel …. es gibt wohl wenig mehr entspannenderes. Letztes Jahr war ich erstmals in den Niederlanden, aber immer noch nicht auf Texel. Etwas für 2021?

    Viele Grüße
    Winfried

    • Guten Morgen, lieber Winfried, schau an: Der erste Besuch in den Niederlanden? Wo warst du denn? Ich dürfte das ja jetzt nicht schreiben, aber schöne Orte gibt es ja überall (in NL)! Als Island-Erprobter könnte dir Texel auch im Herbst oder Winter gefallen. Ich finde ja diese Off-Seasons sehr entspannt und – die kennst mich – ich mag, wenn es kühler ist und der Wind schön kräftig weht. Das hat auf jeden Fall eine besondere Qualität. Außer im Meer baden kannst du dann auch alles andere auf Texel unternehmen. Und so ein Wollbad ist doch für die kühlere Jahreszeit ein tolles Vorhaben : ) Hoffe, dir geht es gut!? Liebe Grüße, Jutta

      • Hallo Jutta,

        danke, mir geht es soweit gut. Ich hoffe Dir auch! Aber ich würde -wie die meisten- gerne mal wieder verreisen. Immerhin habe ich es dieses Jahr auf einen Tag in Heidelberg gebracht. Letztes Jahr habe ich 5 Tage Belgien mit 7 Tagen Niederlande verbunden. Meine „Basis“ in den Niederlanden war Den Haag und von dort aus war ich in Amsterdam, Utrecht, Leiden, Scheveningen, Gouda, Delft und natürlich Den Haag selbst. Es hat mir extrem gut gefallen.

        Ich kann mir gut vorstellen, daß mir Texel außerhalb des Sommers gut gefallen würde. Irgendwann schaffe ich es sicher, Texel zu besuchen. Kennst Du übrigens die beiden Bücher von Katja Just über die Hallig Hooge? Das klingt auch spannend. Eine andere abgeschlossene Welt. Und in der Nebensaison sicher noch besser!

        Und … hast Du schon Reisepläne für dieses Jahr? Ich derzeit null.

        Viele liebe Grüße
        Winfried

      • Lieber Winfried, da hast du eine tolle Basis gewählt und ganz wunderbare Orte besucht! Utrecht und Leiden mag ich besonders gern. Freue mich, dass es dir bei meinen Lieblingsnachbarn gut gefallen hat und danke dir für den Büchertipp: Autorin und Werke kenne ich noch nicht! Kommt auf die Liste, denn Halligen finde ich faszinierend! Ich frage mich immerzu, ob ich gerade eine große Reiselust verspüre oder etwas vermisse und ich darf ganz ehrlich sagen: nein. Zwar müsste ich beruflich ins Ausland – Norwegen und Island – aber es gibt da noch einen zeitlichen Puffer und ich hoffe, dass ich in absehbarer Zeit zumindest für meine Arbeit reisen darf. Ich bin ganz viel mit dem Rad in der Heimat unterwegs und finde das sehr (ent)spannend. Ich freue mich natürlich auch auf eine Art Urlaub, aber ich sehne ihn tatsächlich nicht herbei. Und das ist eigentlich ein gutes Gefühl. Trotzdem wünsche ich dir, dass du in diesem Jahr noch ausreichend Gelegenheit für kleine oder große Reisen und schöne Entdeckungen hast. Lass mich einmal wissen, ob es klappt! Ganz herzlich, Jutta

  3. Herrlich die Schafe!
    Ich dachte ein ‚Texelaar‘ sei ein Bier :) Die Niederländer sind wirklich sehr schnell: die App klingt interessant. Wobei ich denke, dass die Verantwortung immer bei den Besuchern liegt. Trotzdem lassen sich so übervolle Orte (gibt es die auf Texel?) natürlich direkt meiden.
    Macht Lust auf die Insel :)
    Grüße
    Karin

    • Ich glaube, es gibt tatsächlich auch ein Bier, das nach der Insel benannt ist, bin mir aber gerade nicht sicher … ! Also so richtig überfüllt habe och dort tatsächlich noch keinen Ort erlebt, wobei ich mir das an einem Wochenende schon vorstellen kann. Das Nadelöhr ist sicher die Fähre und das hast vollkommen recht: Die Verantwortung liegt bei uns. Lieben Dank für deinen „Besuch“ Karin, herzlich, Jutta

    • Auf Fall ein Sehnsuchtsort, liebe Anke und ja, ich denke, dass man die Insel besuchen kann und drücke euch die Daumen dafür. Die App ist eine gute Idee. Und ich denke – ob auf Texel oder anderswo – es ist auch eine gute Idee, die weniger bekannten Ecken zu erkunden. Da kommt sich niemand so schnell in die Quere! Sonnige Grüße, Jutta

      • Ich bin ganz begeistert von der Idee mit der App. Würde ich mir für Schleswig-Holstein auch wünschen. (Andererseits müsste man dann die weniger bekannten Ecken mit mehr Leuten teilen. Aber irgendwas ist ja immer). Liebe Grüße, Stefanie

      • Liebe Stefanie, ja, im Grunde mag man die geheimen Ecken am liebsten für sich behalten! Vielleicht wäre es ein Ansporn tatsächlich auf ENTDECKUNGSREISE zu gehen: ein schönes Bild zeigen, eine tolle Geschichte dazu erzählen, aber nur vage Koordinaten angeben …? Der Gedanke gefällt mir : ) Aber die Idee der App gefällt mir tatsächlich auch! Hoffe, Besucher drängeln sich in der Zeit der „wiedergewonnenen Freiheit“ nicht zu sehr in Schleswig-Holstein!? Sende eine Portion Sonne in den Norden, herzlich, Jutta

      • Wahnsinns-Idee, Jutta. Das wäre super als App oder Buch! Musst Du eigentlich direkt einem Verlag präsentieren. :-)

      • Moin Stefanie, was meint du mit der Wahnsinns-Idee: die Hallingen, den Winter oder Rad-Auszeiten bei mir vor der Haustür? Jetzt bin ich aber mega neugierig! Ganz liebe Grüße, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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