Ruhe, Raum und Rhythmus [Niederlande]

UNTERWEGS IN ZUTPHEN

Einst „Hot Spots“ auf der Landkarte, pulsierend und überbordend von kulturellem Leben, stehen sie heute etwas im Schatten so beliebter Destina­tionen wie Rotterdam, Den Haag oder Maastricht: die niederländi­schen Hansestädte.

Völlig zu Unrecht und tatsächlich mehr als nur einen Hingucker wert. Denn die Metropolen eines goldenen Zeital­ters, als Kaufleute aus Nordeuropa vor allem aus den Niederlanden, Deutschland und des Ostseeraumes ein starkes Bündnis eingingen, stolze Koggen mit Bäuchen voller Salz und Hering, Wein, Bier und Pelz über ein strategisches Netz aus Wasserwegen segelten und Wohlstand in die Städte brachten, punkten zwar auch mit prächtiger Architektur, herausragenden Museen und angesagten Boutiquen, vor allem aber sind sie herrlich entspannt, überschaubar und gut zu Fuß zu erobern. Zutphen, Stadt der Türme und der malerischen Gassen, der Kirchen und Klöster, wo man heute nicht nur exzellente Küche genießt, sondern auch extravagant über­nachten kann, verbirgt noch einen ganz besonderen Schatz hinter seinen alten Mauern: die Hofjes.

AUF EINEN KAFFEE MIT DEM PELIKAN

Wo sich die wehrhafte Berkelpoort mit Schießscharten und Mordlöchern seit 1312 über den Fluss spannt, der so gemütlich aus dem Münsterland herüber mäandert, gleiten statt Schiffer in Zompen nun Besucher in schlan­ken Kanus übers Wasser, um die Stadt aus einer ungewöhnlichen Per­spektive zu erleben. Begleitet von Sonnenglitzern und Seerosen, die sich im Wasser wiegen, hindurch unter dem monumentalen Tor, das im Rahmen einer Führung auch zu besichtigen ist. Es markiert den Übergang von der Alt- in die Neustadt. Von hier ist das mittelalterliche Zentrum mit dem kopfsteingepflasterten Houtmarkt, seinen einladenden Cafés hinter backsteinroten Fassaden und prächtigen Giebeln in nur fünf Minuten erreicht. Den traditionsreichs­ten – und vielleicht besten – Kaffee gibt es im De Pelikaan in der gleichnamigen Gasse. Seit 1816 trinkt man hier „Koffie“, der vor Ort geröstet und seit einem Vierteljahrhundert auch in die Küche der kö­niglichen Familie geliefert wird. Dazu einen dick mit guter Butter bestrichenen „Krentenwegge“ – ein Rosinenbrot – oder Apfelkuchen. So werden aus einer Tasse Kaffee schnell einmal zwei. Eile kennt man in Zutphen nicht.

GRÜNE OASEN

Über Plätze und durch Gassen schlendern, im Takt der Stadt, die eine entspannte Geschäftigkeit ausstrahlt. „Good vibes“ würde man neu­deutsch sagen. Wer mag, wirft einen Blick in die historischen Gebäude, etwa den Burgerzaal oder das Oude Stadhuis, flaniert an Patrizierhäu­sern, Handelskontoren und an Mauergedichten vorbei. Fassadenpoesie. Spuren, die Maler, Architekten, Dichter und Philosophen hinterlassen haben. Und zwischen all den Großartigkeiten übersieht man beinahe die kleinen Durchgänge zu den grünen Oasen der Stadt. Aber eben nur beinahe. Hofjes, charmante kleine Innenhöfe, grün, blühend – je nach Jahreszeit – und duf­tend. Ruhezonen und Rückzugsorte zwischen Gassen und Gebäuden. Seit dem 14. Jahrhundert gibt es sie in den Niederlanden. In Zutphen wurden sie zum Wohle Bedürftiger angelegt. Besucher dürfen sich dort frei, aber leise bewegen, denn die umliegenden Häuser sind privat bewohnt. Etwa am hübschen Ruitershofje. Oder am Oude Bornhof. Dort kann man ganz und gar in schöne Stille eintauchen und an sonnigen Tagen Stunden auf der Gartenterrasse des kleinen Cafés verbringen. Für Kuchen, Sandwiches oder kleine Gerichte verwendet man dort übrigens nachhaltig überzeugend – und sehr geschmackvoll – Zutaten aus organischem Anbau.

VON KIRCHEN, KLÖSTERN UND MUSCHELKALK

Einen kleinen Abstecher zur Kunst bietet Interessierten Dat Bolwerck mit Ausstellungen, Konzerten und Workshops. Dann dem maleri­schen Proostdijsteeg folgen. An dessen Ende greift der 75 m hohe Turm der Sint Walburgiskerk in den Himmel. Die Kirche, die eine der weltweit selte­nen Kettenbibliotheken beherbergt, ist sowohl Gotteshaus als auch Ausstellungsort. Etwa für die jährliche „World Press Photo“. Einen kurzen Spaziergang weiter liegt der mit abertausenden Muscheln besetzte Eingang zum Hof van Heeckeren. Einst von Seefahrern aus aller Herren Län­der heimwärts getragen. Heute stammen die meisten aus der Nordsee. Im Hof van Heeckeren be­finden sich das charmante Stedelijk Museum, das sich mit der Ge­schichte Zutphens befasst, eine „gläserne“ archäologische Abteilung und das Museum Henriette Polak für zeitgenössische niederländische Kunst. In zeitgenössischer Gestaltung und neuer Funktion präsentiert sich auch das Innere der eindrucksvollen Broederenkirche: Die öffentliche Biblio­thek Zutphens ist nicht nur Bibliophilen zu empfehlen. Das benachbarte Broederenkloster lockt mit exzellenter, regionaler Küche und guten Weinen. Im angeschlossenen Boutiquehotel können Ruhesuchende hinter Klostermauern nächtigen.

IM KÜHLHAUS

Wer nach einem aktiven Tag in der Stadt chillen möchte, nimmt Platz im Het Koelhuis. Das ehemalige Kühlhaus bietet rauen Charme, einen sensatio­nellen Blick auf die Ijssel und eine überzeugende Auswahl Bier. Dazu wird typisch niederländisch eine herzhafte „Bor­relplank“ bestellt. Was es damit auf sich hat, findet man an einem war­men Sommerabend am besten selbst heraus!

© Texte und Bilder: Jutta M. Ingala

Nicht verpassen sollte man …

HUIS MET DE LUIKEN: Groenmarkt 5 ist eine besondere Adresse und unbedingt einen Besuch wert. Aus zweierlei Gründen: Das Backsteingebäude mit dem Treppengiebel und den namensgebenden Fensterläden – „luiken“ – stammt aus dem Jahr 1629. Heute beherbergt es ein Geschäft für gut gestaltete Möbel, Lampen und Textilien. Hier finden Interessierte Unikate oder Objekte, die es nur in kleinen Serien gibt. Die Namen der Designer (meist) noch unbekannt.

NELEMAN: Wenige Häuser weiter – am Groenmarkt 10 – der Flagship Store von Neleman. Der niederländische Winzer bewirtschaftet Hänge im dünn besiedelten Hinterland von Valencia, Spanien. Am Rande des Naturschutzgebiets Las Hoces de Cabriel liegt auf 900 Metern Höhe in der winzigen Ortschaft Casas del Rey das Weingut, das sich dem organischen Weinbau und dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben hat. Für jede 173. Flasche Wein, die hier abgefüllt wird, pflanzt Neleman einen Baum in Las Hoces. Viel beachtet und mehrfach ausgezeichnet wurde ein Marselan mit dem provokanten Namen „Just fucking good wine“. Nothing to add!

De Librije Eine von weltweit wenigen erhaltenen Kettenbibliotheken befindet sich im Chor der Sint Walburgiskerk, Kerkhof 3. De Librije war eine öffentliche Bibliothek der Renaissance, die heute noch 741 Bücher umfassen soll, davon 7 Handschriften. „In Ketten gelegt“ wurden die Bücher aus praktischem Grund: Selbst gedruckte Buchausgaben waren im 16. Jahrhundert, im Zeitalter der Entdecker und Reformatoren, extrem kostbar. Die Librije wurde zwischen 1561 und 1564 errichtet und hat noch mittelalterlichen Charakter. Auf den Bodenfliesen gibt es an einer Stelle Abdrücke von Hundepfoten. Der Legende nach stammen sie jedoch vom Teufel. Die außergewöhnliche Bibliothek ist im Rahmen einer Führung zu besichtigen.

Horta. Ein Florist, eine Galerie, ein Ort für Liebhaber schöner Gewächse und allem, was damit zu tun hat. „Sich spiegeln an der Natur,“ sagt man dort, wo Fettpflanzen schöner glänzen als Orchideen, wo filigrane Glasgefäße auf zierliche Rispen warten und die zeitgenössische Interpretation der Tulpenvase in Delft Blauw alle Herzen höher schlagen lassen. Ein Ort zum Träumen, der wie ein Labyrinth durch zwei prächtige Gebäude in der Lange Hofstraat 13 mäandert.

Tipps für einen entspannten Aufenthalt in der charmanten Stadt an der Ijssel auf www.inzutphen.nl. Die Seite www.holland-hanse.de informiert über weitere Hansestädte im Osten der Niederlande. Tolle Idee für aktive Tage: Hanse Hopping entlang der Ijssel auf der 135 km langen Hanserad­route. Karte über die VVVs. Übrigens auch eine von „52 kleinen & großen Eskapaden im Osten der Niederlande“, meinem Buch über „das andere Holland“ innerhalb der Eskapaden-Reihe für Dumont.

Herzlichen Dank an den VVV Zutphen und an Hanzesteden Marketing, die zum Besuch in der charmanten Hansestadt eingeladen hatten, für die Gastfreundschaft!

 

8 Gedanken zu “Ruhe, Raum und Rhythmus [Niederlande]

  1. Hallo Jutta,

    stimmt. Den 2.Band von Katja Just habe ich auch schon gelesen. Auf einer Hallig im Oktober/November bei etwas rauherem Wetter sein … ich denke, daß ich das irgendwann mal machen werde. „Land unter“ muß dabei aber nicht unbedingt sein. Oder nurein bißchen.

    Viele Grüße
    Winfried

    • Land unter … ja, puh, da bekomme ich eine Gänsehaut. Aber eine Hallig – oder eben genau diese Hallig – würde ich tatsächlich auch gerne einmal besuchen. Und dort ein paar Tage in dem Haus von Katja Just wohnen. „Die Grüne“ und „Die Blaue“ klingen so gemütlich schön! Herzlich, Jutta

  2. Zutphen kenne ich und auch dein Buch, liebe Jutta!
    Aber bis in die Kettenbibliothek habe ich es noch nicht geschafft. Auch das Kühlhaus und das Klosterrestaurant hören sich spannend an. Da freue ich ich schon auf den nächsten Besuch. Hoffentlich geht es bald wieder!
    LG, Gabriele

    • Ja, guten Morgen, so eine schöne Überraschung! Du schmökerst in den Eskapaden!? Freue mich sehr! Auch, dass es im dir bekannten Zutphen doch noch unbekannte Orte zu entdecken gibt! Wenn also Reisen dorthin wieder entspannter möglich ist, dann erzähl doch bitte einmal, wie dir Bibliothek und Kloster gefallen haben. Bin sehr gespannt und sende sonnige Grüße, Jutta

  3. Hallo Jutta,

    ein interessanter Bericht. Letztes Jahr war ich in den Niederlanden in etlichen Städten, aber leider nicht in Zutphen. Es scheint ja eine interessante und sehenswerte Stadt zu sein. Wenn Corona hoffentlich bald weitestgehend Geschichte sein wird werde ich beim nächsten Besuch bei unseren Nachbarn Zutphen sicher einen Besuch abstatten. Interessant fand ich die Kettenbibliothek De Librije. Die Begriffe Kettenbibliothek und Kettenbuch hatte ich bis heute nicht gehört. Und wer weiß …. vielleicht werden in hundert Jahren Deine Bücher dort auch an der Kette hängen 😊.

    Und man sieht auch … Städte in der „zweiten Reihe“ haben auch ihren Charme und sind garantiert auch meist einen Besuch wert. Und sind oft auch nicht so überlaufen wie die bekannten.

    Veel groeten
    Winfried

    • Guten Morgen, lieber Winfried, ah, das ist charmant: „Städte in der zweiten Reihe“! Unbedingt! Oft haben sich doch die in der ersten Reihe vorgedrängelt und gehören da gar nicht hin … Ich mag kleinere Städte, solche, die sich gut zu Fuß erkunden lassen, tatsächlich sehr gern. Vorausgesetzt, die Sinne haben etwas zum Festhalten, aber das ist in Zutphen auf jeden Fall gegeben. Dort liegen Alt und Neu so dicht beieinander, Tradition und Moderne – ungemein inspirierend. Mir gefällt, wenn Städte eine gewisse Ruhe auf Besucher ausstrahlen. Die Kettenbibliothek bitte gleich notieren. Wunderschön, mit Gänsehautgarantie. Schön, wenn ich dich etwas inspirieren konnte! Fijne dag, Jutta

      • Hallo Jutta,
        soooo …. heute nachmittag habe ich mir bei Thalia Dein „Eskapaden“-Buch über den Osten der Niederlande erworben. Ich habe es heute nur durchgeblättert. Es sieht sehr abwechslungsreich aus. In den nächsten Wochen werde ich das Buch sicher in die Hand nehmen und lesen. Nach Corona werde ich hoffentlich auch die ein oder andere Stelle besuchen. So ein Buch zu schreiben war sicher ein großes Stück Arbeit!! Man sieht dem Buch an, daß darin garantiert sehr sehr viele Besuche und Kurzurlaube in den Niederlanden stecken. Dann Dir weiter viel Erfolg und Spaß bei der „Schriftstellerei“!

        Viele Grüße
        Winfried

      • Guten Morgen, lieber Winfried, ich bin begeistert und gespannt auf dein späteres Urteil zum Buch! Freu mich sehr, dass du es liest und hoffentlich bald die ein oder andere Eskapade unternimmst! Übrigens: Du hattest mir doch die Bücher von Katja Just empfohlen? Hallig Hooge? Den ersten Band habe ich ausgelesen : ) Sonnige Grüße nach Bonn, Jutta

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