Gestatten: Mondriaan, mit zwei „a“ [Niederlande]

Unzählige Mal bin ich an der weißen Villa mit dem kleinen Schild „Mondriaan“ vorbeigefahren. Der Künstler Piet Mondriaan habe einmal dort gelebt. Der Meister der Abstraktion, der Herr über Gelb, Rot und Blau. „Ob man die Villa besichtigen könne?“ Niemand wusste Genaues und da das hübsche Gebäude zwar auf meinem Fahrweg, nicht aber auf meinem Fußweg lag, ist es bei Blicken geblieben und beim „Ach, bald muss ich aber doch einmal klingeln …“

Haus im Haus - Museums Café
Die Villa steht auch heute noch am Zonnebrink 4 im niederländischen Winterswijk. Inzwischen habe ich tatsächlich dort angehalten, geklingelt. Und inzwischen ist auch klar: Das hier ist ein Museum. Das Elternhaus von Piet Mondriaan – die Villa Mondriaan – wurde im vergangenen Jahr um- und ausgebaut, hat einen hübschen Anstrich bekommen und gibt Besuchern nun spannende Einblicke in das frühe Werk des Mannes, der uns zuallererst an flächiges Gelb, Rot und Blau denken lässt.

Klare Linien: Treppenhaus im Neubau
Was mich hier, in dem schön gestalteten Gebäudekomplex erwartet, verblüfft zunächst: Kreideskizzen und meist kleine Ölgemälde in realistischer Tradition und gedeckten Farben. Wohlbekannte Szenen aus den ländlichen Niederlanden, dem Achterhoek. Der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Es ist ein Spiegelbild der einfachen Wahrheit mit Landschaften, Bauernhöfen und Szenen der Feldarbeit. Immer wieder auch der Kirchturm der St. Jacobskirche, die ich aus frühester Kindheit kenne. Mondriaan konnte den Turm vom Elternhaus sehen. Ich stehe dort am Panoramafenster zum Garten und schaue ebenfalls auf den Turm. Die Aussicht ist seltsam berührend.

Frauen mit Kind vor Bauernhaus (1894-96)
Frauen mit Kind vor Bauernhaus (1894-96)
Doch wo ist das Abstrakte? Wo sind Gelb, Rot und Blau? In der Villa Mondriaan werden Werke gezeigt, die Mondriaan als junger Mann in Winterswijk, aber auch während seines frühen Studiums in Amsterdam malte. Vor seiner abstrakten Phase. Die meisten Stücke sind Leihgaben des Gemeentemuseum Den Haag und feiern Premiere in Winterswijk. Zum ersten Mal werden sie öffentlich gezeigt. Zu sehen sind aber auch private Leihgaben wie die hübsche Szene „Bauernhof am Kanal mit kleinem Boot“, die der Sammler einst in Noppenfolie verpackt und lässig unter den Arm geklemmt ins Museum trug.

Bauernhof am Kanal mit kleinem Boot (1900-01)Bauernhof am Kanal mit kleinem Boot (1900-01)
Eigentlich sollte Pieter Cornelis Mondriaan – so sein vollständiger Name – in die Fußstapfen seines Vaters Pieter Cornelis senior treten, erzählt mir der Audioguide auf Deutsch. Der war Lehrer, doch Piet junior liebäugelt mit der Malerei und schaut lieber seinem Onkel Frits, einem bekannten Landschafts- und Interieurmaler, über die Schulter.


Ich streife durchs Museum. Die original alten Treppenhäuser sind farbenfroh gestrichen. Diesen Teil des Museums kenne ich gut. Hier gab es früher das Antiquitätengeschäft „Les temps passés“ – vergangene Zeiten … Wie passend. Eine Familie kommt mir lachend entgegen. Der ältere Herr streicht sein Haar glatt: „Fertig fürs Foto!“ Ich bin verdutzt, sein Lachen ist ansteckend. Gerne rücke ich mein Stativ zurecht und mache Aufnahmen. Wir tauschen ein paar Nettigkeiten und eMail-Adressen aus. Die Fotos werde ich ihm zuschicken. Ja, ich mag die Holländer. Sie sind so herrlich unkompliziert.

Wandmalerei von Jan van der Ploeg
Treppenaufgang im Elternhaus Mondriaans
Während ich noch darüber rätsele, ob das Treppenhaus nicht besser in den „typischen“ Mondriaan-Farben leuchten sollte, entdecke ich ein Schild: „Jan van der Ploeg, ohne Titel“. Die Wandmalerei ist also auch Kunst. Beeindruckend. Wenig später lerne ich, dass auch die pastelligen Töne van der Ploegs durchaus Mondriaan-Farben waren.

Kunst ist die Abbildung universeller Harmonie
Oben im Saal spricht mich eine Dame mit attraktivem Kurzhaarschnitt und Designerbrille an. Ein Audioguide baumelt an ihrem Hals. Ich halte sie für eine Besucherin. Nein, seit gestern arbeite sie ehrenamtlich im Museum: „So ganz ohne Beschäftigung ist das Pensionsalter zu langweilig.“ Sie stellt sich vor: „Ik ben Mieke.“ Wieder typisch Holland, gleich per du, ganz ohne Allüren. Die einfache Wahrheit, so wie Mondriaan sie in seinen Bildern eingefangen hat.

Fotografien aus Mondriaans Zeit in Frankreich
Zeugnis von Mondriaans Zeit in Frankreich
Mieke stammt aus Amsterdam und verbringt nur ihre Wochenenden in Winterswijk. Früher habe sie Französische Sprache und Literaturwissenschaft an der Uni gelehrt. Literatur, Sprachen, Kunst … hier liegt der Gesprächsstoff in der Luft. Ein Museum lebt eben nicht allein von der Kunst an der Wand, sondern auch von der Kunst, Atmosphäre zu schaffen.

Übrigens signierte Piet Mondriaan ab April 1912 seine Werke mit Mondrian, mit einfachem „a“ also. Warum? Dazu bald mehr hier im Blog.

Info:
Villa Mondriaan | Zonnebrink 4 | 7101 NC Winterswijk | Niederlande | T 0031 (0) 543 515 400 | www.villamondriaan.nl | info@villamondriaan.nl

Nicht verpassen:
High Tea oder High Wine im Museums Café (mit Reservierung).

In leicht geänderter Fassung erschienen im Münsterland Magazin 04/2014.

19 Gedanken zu “Gestatten: Mondriaan, mit zwei „a“ [Niederlande]

  1. Pingback: 7 andere Reiseblogger als die üblichen Verdächtigen | Social Media im Tourismus

    • Guten Morgen liebe Sabine, ja, die Holländer, meine wunderbaren Nachbarn! Mit der Renovierung der Villa Mondriaan hat man in Winterswijk etwas richtig Gutes auf die Beine gestellt: ein kleines, feines, dabei sehr dynamisches Museum, das hoffentlich auch zunehmend mehr jüngere Besucher für sich entdecken. Lass mich wissen, wann du kommst! Liebe Grüße, Jutta

  2. Wunderbar, da möchte ich hin! Jan van der Ploeg ist uns letztes Jahr im MOTI, im Museum of the Image, in Breda begegnet. Auch so ein Museum, für das man die Holländer mag: am Puls der Zeit, kreativ wie weniges hierzulande, und braucht nicht mal eine Metropole als Standort.
    Herzlich,
    Maria

    • Hallo Maria,
      dank dir! Mir ist schon aufgefallen, dass du auch ein „Museumsgänger“ bist! Das MOTI kenne ich noch nicht – kommt gleich einmal auf einen großen Notizzettel! Gestern Abend auf der Vernissage sprach auch Wim Van Krimpen, früherer Direktor des Gemeentemuseum in Den Haag, und witzelte, Winterswijk sei die kleinste Gemeinde in den Niederlanden mit einem richtig großen Museum. Ja, mit kreativen Ideen, einem guten Netzwerk und helfenden Händen – und natürlich dem ein oder anderen Sponsor – kann man ganz fantastische Projekte auf die Beine stellen. Dafür braucht es tatsächlich keine Metropole. Der Achterhoek – also die Region hier um Winterswijk – hat übrigens einige hübsche Winkel, die es zu entdecken lohnt! Danke fürs Vorbeischauen, sonnige Grüße, Jutta

    • Freut mich, dass du hier ein neues Ausflugsziel entdeckt hast, Tanja! Mitte/Ende Mai wird es einen kleinen Ausstellungs-Wechsel in der Villa geben. Es tut sich also immer etwas in dem kleinen Museum. Und ich kann dir versichern, dass die Mondriaan-Küchlein und der High Tea im Café echte Gaumenkitzler sind. Sonnige Grüße,
      Jutta

  3. Ich muss doch gleich mal schauen, wie weit das Museum von meinen Eltern in Bonn weg ist – der Post macht definitiv Lust, das kleine und feine Museum zu besuchen! Und ich schliesse mich an: tolle Fotos!

    • Freue mich, Nina, dass der Bericht Lust auf mehr macht! Von Bonn sind es rund 170 km bis nach Winterswijk. Schon ein Stück, aber vielleicht lässt sich ein Museumsbesuch mal mit ein paar anderen Stopps in der Region verbinden! Herzliche Grüße,
      Jutta

    • Danke dir Christina! Freue mich sehr, dass dir auch die Bilder gefallen. Es ist so ein schönes Museum und in jedem Winkel steckt Kunst. Durchdacht und mit viel Potential. Die Geschichte mit dem Seegras und den Marshmallows kennst du ja schon : ) Sonnige Grüße,
      Jutta

  4. Oh wie schön! Schöner Bericht und hervorragende Fotos! Die Ecke der Niederlande kenne ich eigentlich noch gar nicht. Da wird es aber mal Zeit ;-)
    LG Simone

    • Guten Morgen Simone, danke dir! Es gibt hier im Achterhoek allerhand zu entdecken : ) Merke dir doch den 7. März mal vor: Da gibt es eine „Geburtstagsfeier“ für Piet Mondriaan in der Villa. Das Niederländische Symphonie Orchester wird ein Konzert geben und „hapjes“ gibt es natürlich auch! Liebe Grüße
      Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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