Das alte Boot und das Meer [Island]

„There is nothing more beautiful than the way the ocean refuses to stop kissing the shore line, no matter how many times it’s sent away.” Ramandeep Singh

Balto, das alte Boot und ich
© Foto: Runólfur Hauksson
Hätte mich vor 14 Tagen jemand nach meinem Lieblingsort am Meer gefragt, wäre die Antwort „Jökulsárlón, Island!“ gewesen. Ohne Zweifel. Die Gletscherlagune, in der große und kleine Eisberge treiben und in so wahnsinnig vielen Blautönen leuchten, ist (m)ein Traumfleckchen auf Erden. Jökulsárlón liegt am Arktischen Ozean – oder Nördlichen Eismeer, was es anschaulicher beschreibt. Schön kalt, gerade ganz nach meinem Geschmack. „Meer“ muss für mich nicht tropisch sein.

Skalatindar mit Vesturhorn im Hintergrund
Kirkjusandur mit Vesturhorn im Hintergrund
Heute, zwei Wochen und eine Island-Reise später, sieht es etwas anders aus. Da hat sich ein neuer Lieblingsplatz neben den alten gedrängelt. Er ist unzugänglich, einsam und rau. Er sieht unter bleischweren Wolken wahrscheinlich zigmal aufregender aus als unter strahlender Sonne. Und auch er liegt dort oben am Eismeer, noch einen Tick weiter Richtung Polarkreis. Es ist der schwarze Lavastrand bei Stokksnes im Osten Islands: Kirkjusandur. „Kirkju“ heißt „Kirche“, „sandur“ – leicht zu erraten – „Sand“. Eine Kirche gibt es dort nicht mehr, aber Sand(strand) soweit das Auge reicht.

Litla Horn - Reflektionen am Strand
Manchmal ist es gut, einen „Local“ zu kennen. Jemanden, der dir Orte zeigen kann, die für dich eigentlich unerreichbar sind. Privat, gesperrt oder einfach so versteckt, dass kein Fremder sie findet. Auch Kirkjusandur ist privat. Aber ich bin mit Ronni unterwegs, den ich von meiner letzten Island-Reise kenne und der so etwas wie einen Freifahrtschein zu den geheimsten Plätzen im Sudausturland hat.

Lavastrand mit dem markanten Brunnhorn
Die feinkörnige Lava ist so fest, dass selbst unser „Tank“, der zweieinhalb Tonnen schwere Ford Explorer, kaum einsinkt. Wir fahren über den nassen Strand, in dem sich die Zackenkrone des Vesturhorns zu unserer Linken spiegelt. Durch die Scheiben beobachte ich den Ozean, schaue zu, wie sich die Wellen gewaltig gegen die Küste werfen. Mannshohe Schaumkronen. Es ist stürmisch an diesem Tag.

An einem Fleckchen Grün stellen wir den Wagen ab. In Island ist es verboten off-road zu fahren. Und off-road heißt hier: auf Vegetation. Die ist empfindlich, wächst nur langsam nach. Auch wer zu Fuß unterwegs ist, sollte aufpassen wohin er tritt.

Kavú und geborstene Steine am Lavastrand
Der Wind hat weiter aufgefrischt, ist so stark geworden, dass ich mich hineinlegen kann. Ein kleines Kräftemessen mit der Natur das Spaß macht. Vom Winde verweht. Ich fühl mich wie ein sorgloses Kind. Wir suchen den Strand ab und finden eine große Schneckenmuschel, die ich für meinen Sohn mitnehme. Aus dem Sand ragen immer wieder flache Steine auf: Mürbe vom Meerwasser und dem Wechsel von Sonnenhitze und Frost, sind sie irgendwann zerborsten. Kann man sich das vorstellen: Steine, die zerspringen?

Das alte Boot am Hafnartangi
Das alte Boot und ich
Unser Ziel ist ein kleines, hölzernes Ruderboot. Seit 100 Jahren soll es hier liegen. War nicht im vergangenen Jahr noch etwas vom Anstrich zu sehen? Ronni meint, es sei die Nässe gewesen, die das Boot leuchten ließ. Eigentlich ist nur noch der Bug halbwegs erhalten. Der Rest ist verwittert. Eine besondere Geschichte gibt es dazu nicht. Fischer haben das Boot einmal zurückgelassen. Hafnartangi – Hafen – heißt die Stelle, an der es liegt. Der Hafen ist schon lange keiner mehr. Ich freu mich über das Wrack: Mit dem Brunnhorn im Hintergrund, dem Berg, der wegen seiner markanten Hörner auch „Batman Mountain“ genannt wird, ist es ein klasse Fotomotiv.

Vesturhorn
Eine echte, wenn auch traurige Geschichte, hat ein anderes Schiffswrack, das in entgegengesetzter Richtung am Austurfjara, dem Oststrand, liegt. Etwas abseits vom Meer, dort wo die Lava längst unter Geröll verschwunden ist, liegen die Überreste der Borgey SF 57. Kieloben, auch hier ist nur noch ein Teil des Bugs übrig. Der kleine Frachter sank am 5. November 1946 direkt vor der Küste. Mit Mann und Maus. Von den acht Besatzungsmitgliedern überlebten nur drei. Ein schneller Blick auf die Wellen lässt auch das an ein Wunder grenzen.

Schiffswrack Borgey am Austurfjara
Treibholz am Austurfjara
Was war passiert? Die Ladung der Borgey – Schafwolle – hatte sich bei Unwetter mit Wasser voll gesogen. Wie ein Schwamm. Mit der viel zu schweren Fracht bekam das Boot bei hohem Seegang Schlagseite und sank. So einfach, so trist und damals beinahe Alltag für die Menschen am Meer.

Wolken über Sudausturland
Wer die schönen Lopapeysas, die handgestrickten Islandpullis kennt, weiß, dass sie nicht nur warm, sondern auch trocken halten. Denn bis zur Haut lassen sie die Feuchtigkeit nicht so schnell durch. In Island könnten die rund 500.000 Schafe darum eigentlich auch im Freien überwintern. Tun sie aber nicht. Genau wie für die Borgey ist Nässe für sie ein heimtückischer Feind: Schafwolle saugt das Wasser langsam auf, wird bleischwer. Das nasse Fell haut die Wiederkäuer irgendwann sprichwörtlich um. Nach langem Unwetter findet man sie manchmal hilflos auf dem Rücken liegend und mit steif ausgestreckten Beinen. Raben fallen über die wehrlosen Tiere her, picken ihnen zuerst die Augen aus. Was dann folgt, möchte man lieber nicht wissen …

Ein riesengroßes Dankeschön an Ronni, der mir diese schönen Plätze gezeigt hat. Von ihm stammt auch das Foto von Balto und mir vor dem alten Boot (ganz oben), das ich hier netterweise veröffentlichen darf.

35 Gedanken zu “Das alte Boot und das Meer [Island]

  1. Hallo Jutta,
    wow, habe den Beitrag heute erst gesehen und bin überwältigt. Was für tolle Aufnahmen von einer fast unwirklichen Landschaft. Macht mich irgendwie neugierig, dabei bin ich doch so eine Frostbeule. Einfach irre!
    Ganz liebe Grüße,
    Claudia

    • Tausend Dank, Claudia! Das kleine alte Boot an diesem dunklen Strand ist mein (bisheriger) absoluter Lieblingsplatz in Island! Und weißt du was? Thermounterwäsche an, Wollsocken, Daunenjacken – voila! Gegen Kälte kann man sich meist ganz gut wappnen. Ich habe nur einmal gefroren: In der ersten Nordlicht-Nacht. Da habe ich die falschen Schuhe und Handschuhe getragen. In der zweiten Nacht wusste ich es besser! Ich glaube, wer einmal in Island war, der möchte immer wieder hin. Ich hoffe aber, dass der augenblickliche Hype nachlässt und Island nicht von Besuchern überschwemmt wird, die nur einmal schnell die „Top Ten“ abgrasen wollen. Nimm es mal als Ziel auf deine Bucket List : ) Liebe Grüße, Jutta

    • Hallo Bernd, vielen Dank, dies ist mein Lieblingsplatz in Island! Bin gespannt auf deine Bilder! Wie geht eure Reise weiter? Genießt es, schöne Grüße, Jutta

      • Wir sind von Höfn aus weiter Richtung Osten, dann gegen den Uhrzeigersinn um die Insel. Es gab‘ sehr viel zu sehen, wir haben einige schöne Wanderungen gemacht und die Zeit und Natur sehr genossem. Ein Highlight am Schluß war dann das Schnorcheln in Silfra – dort kann man zwischen den Eurasischen- und Amerikanischen Platten tauchen bzw. schnorcheln. Natürlich gibt es auch Bilder von unserer Reise: http://www.flickr.com/roomman Viele Grüße – Bernd PS: kleiner Kommentar zu der obengenannten Stelle bei Höfn: es ist natürlich etwas komisch, dass der lokale Bauer eine Art „Eintrittsgeld“ für die Gegend erhebt, auch wenn nicht alles Privatgrundstück ist. Das hat das Erlebnis trotz wunderschöner Landschaft etwas gelindert..

      • Hallo Bernd, ich habe mich gerade durch deine Bilder geklickt: Grandios! Womit hast du denn beim Schnorcheln (das steht übrigens noch auf meiner To-do-Liste) fotografiert? Ja, die Sache mit dem Eintrittsgeld bei Stokksnes ist ein Ding. Mein letzter Wissensstand ist, dass es dem Landbesitzer wieder untersagt wurde. Ich kann verstehen, dass er sich die Schönheit der Landschaft zunutze machen möchte, wenn so viele Besucher kommen. Immerhin nimmt die Natur ja auch schaden, wenn die Touristenströme anschwellen. Aber ich denke, da ist vor allem der Staat gefragt, um ein Konzept zu erstellen, von dem alle profitieren und bei dem der Erhalt der Natur (inklusive Verzicht auf Umzäunungen und dergleichen) an oberster Stelle steht. Keine leichte Aufgabe. Hast du übrigens gehört, dass der Osten in den vergangenen 48 Stunden von mehr als 700 Erdbeben erschüttert wurde? Ich hoffe, die Lage beruhigt sich wieder! Sonnige Grüße, Jutta

    • Lieben Dank! Ja, absolut. Ich kann eigentlich nur jedem empfehlen, der dort im Osten unterwegs ist und ein paar geheime Winkel erkunden möchte, Kontakt mit Ronni (The Aurora Photo Guide) aufzunehmen. Ronni ist super nett, kennt seine Heimat – natürlich – wie seine Westentasche und gibt tolle Fototipps! Herzliche Grüße,
      Jutta

    • Hallo Mandy, lieben Dank, das ist eine tolle Motivation für mich! Ich kann Island jedem empfehlen, der viel für Natur übrig hat und den auch ein (manchmal) raues Klima nicht abschreckt. Wer einmal dort war, will immer wieder hin. Liebe Grüße,
      Jutta

  2. Hammerbilder, liebe Jutta! Und so einen Islandpulli hätte ich ja supergerne, aber die Wolle soll so wahnsinnig kratzig sein. Urx und dazu noch nass und schwer. Was für ein gruseliges Bild, das die Schafe dann hilflos auf der Erde liegen und….will ich mir auch nicht vorstellen. Auf jeden Fall nicht sehr sinnvoll von der Natur konzipiert. GlG, Nadine

    • Hallo Nadine, ja, die Natur kann ganz schön grausam sein :) Lu und ich haben einmal so ein Schaf gesehen und uns gefragt, warum es da so komisch liegt – jetzt wissen wir mehr. Aber ich schwör dir: Die (richtigen) Pullis sind super weich. Habe zwar keinen Pulli, dafür aber ein Paar grandiose Socken, die mich nach der Begegnung mit einer Mörderwelle vor Eisfüßen bewahrt haben. Handgestrickt und garantiert kratzfrei. In „seventies colours“. Wenn das nichts ist? Freu mich, dass dir die Bilder gefallen, sonnige Grüße,
      Jutta

    • Oh, lieben Dank Manu! Ja, war schon gut, dass ich Ronni im vergangenen Jahr kennengelernt habe. Es gibt so viele „Iceland Secrets“ zu entdecken, die man alleine nicht unbedingt findet.
      Nepal steht auf wackeligen Füßen: Zwei Wochen während der Schulzeit … Die eine Woche Island war schon grenzwertig. Mal schauen, wie die Stimmung meiner beiden Männer in den nächsten Wochen ist! Sonnige Grüße
      Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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