Streifzüge durch den Pott [2] – Alles altes Eisen

Aufstieg, Blüte, Niedergang. Am 4. April 1985 ist alles Geschichte. Nur die Landschaft ist nicht mehr wie sie war. 84 Jahre nach Gründung durch August Thyssen ist Schicht im Hüttenwerk in Duisburg-Meiderich. Auf 200 Hektar gammeln die mächtigen Industriebauten nun vor sich hin. Und die Natur schlägt zurück. 
Wer seinen Zenit überschritten hat, zählt zum alten Eisen. Vergessen sind Glanz und Ruhm vergangener Zeiten. Wenn die Fassade bröckelt, wenn der schöne Schein verblasst und Stillstand einsetzt, dann wird es schnell einsam. Bonjour tristesse! 
Ein Besuch im Landschaftspark Duisburg-Nord, eben jenem Gelände, auf dem sich die ehemals rauchenden, fauchenden Giganten aus Stahl heute ein stilles Stelldichein geben, ist alles andere als trist. Ich bin selbst überrascht. Alt und Jung mit Kissen unter dem Arm strömen auf das Gelände: Es gibt Sommerkino. Open-air und in luftiger Höhe. Ebenerdig ist feiner Sand aufgeschüttet, aus den Lautsprechern schallt Chris Reas „On the beach“. Ein bisschen angestaubt zwar, aber immer noch ein Ohrwurm. Die Atmosphäre stimmt. Frauen in schwingenden Sommerkleidern und Flip-Flops, Männer in Shorts. Auch jetzt, kurz vor 22 Uhr, ist es sommerlich warm. Bis auf 33 Grad ist das Thermometer im Laufe des Tages geklettert. Alle warten auf Abkühlung. Und den Sonnenuntergang. 
Denn mit einsetzender Dunkelheit steht das Areal in Flammen, in Szene gesetzt von unzähligen (inzwischen energiesparenden) Scheinwerfern. Eine Lichtinstallation des Briten Jonathan Park, der unter anderem durch grandiose Bühnenshows für Pink Floyd („The Wall“), Tina Turner („Private Dancer“) oder die Stones („Urban Jungle“ und „Voodoo Lounge“) bekannt wurde. Die Lichtspiele erwecken zu neuem Leben, was vor einhundert Jahren als Hochkultur der Industrialisierung galt: Kraftwerk und Gasometer, Hochofen, Gieß- und Gebläsehalle und die majestätischen Kamine. Ein faszinierendes Farbspiel aus Grün, Blau und Rot, das den abgewrackten Riesen neuen Glanz verleiht. Wenn auch nur für eine Nacht. 
Auf meiner nächtlichen Erkundungstour zwischen Beton und rostigem Stahl, die mich mehr als einmal in eine Sackgasse führt, in stockfinstere Winkel, wo jeder Schritt zum hohlen Echo wird, die eine schöne Gänsehaut hinterlässt, bekomme ich nur einen kleinen Einblick in das, was den Landschaftspark heute ausmacht. Gerade feiert er sein 20-jähriges Bestehen. Dem Engagement interessierter Bürger ist es zu verdanken, dass es ihn überhaupt gibt. Dass die Industriebauten erhalten und restauriert wurden. Dass die Natur einen Teil des Geländes zurückerobern durfte und sich wild gewachsene Vegetation zum Tête-à-Tête mit rauer Industriearchitektur trifft. 
Ich komme wieder. Bald. Mit meinem Rad, um den grünen Teil des Landschaftsparks zu erkunden. Sogar eine Tauchausrüstung würde ich mitbringen, wenn ich denn eine hätte. Schließlich wurde der riesige Gas-Speicher, der heute Nacht so unwirklich leuchtet, schon lange zum Tauchrevier umfunktioniert. Inklusive Schiffswrack, Flugzeug und künstlichem Riff. Gibt es nicht? Gibt es doch! Im Pott bleibt man eben kreativ. Wer mehr sehen möchte, folgt der Route der Industriekultur. Ganz einfach.

Wer? Wo? Was?
Wandern oder Radfahren, Kultur mit abendlicher Lichtinstallation, Tauchen im Gasometer oder Klettern im ehemaligen Erzlagerbunker im Landschaftspark zwischen den Stadtteilen Meiderich und Hamborn:

Landschaftspark Duisburg-Nord
Emscherstraße 71
47137 Duisburg
www.landschaftspark.de

Bequem per Bus, Stadtbahn oder Auto zu erreichen.

28 Gedanken zu “Streifzüge durch den Pott [2] – Alles altes Eisen

  1. Die Bilder sind richtig klasse und die Industrieanlagen im Ruhrgebiet laden doch immer wieder zu tollen Fototouren ein. Wir wohnen nur ca. 20 Minuten vom Landschaftspark entfernt und sind dort auch gerne unterwegs. Die Zeche Zollverein in Essen bietet auch super Motive bei Nacht.

  2. Wow, das sind richtig tolle Bilder. Der Landschaftspark ist großartig und eine so tolle Kulisse. Wir sind für Nacht-Fotos auch gerne auf der Zeche Zollverein unterwegs. Rund um die Kokerei findet man großartige Motive.
    Ich glaube wir schauen dort ganz bald noch einmal vorbei. (Ist von uns keine 20 Minuten mit dem Auto entfernt).

    • Lieben Dank! Ich muss gestehen, dass ich große Lust habe, häufiger nachts „auf Streife durch den Pott“ zu ziehen, aber so ganz allein ist mir manchmal ein wenig mulmig. Mein Mann hat sich hier einmal „geopfert“. Es wird natürlich schnell langweilig, wenn einer mit der Kamera herumhantiert und der andere schon drei Runden über das Gelände gedreht hat. Wo wohnt ihr denn?

  3. Geniale Bilder. Ich habe bisher einen riesigen Bogen um den Pott gemacht. Man hört schließlich so viel: Smog, Staus, graue stinkende Fabriken…
    Sind das inzwischen nur noch Vorurteile oder muss man die schönen Ecken dort immer noch suchen?

    • Hallo Ernst, herzlichen Dank! Nun, der Pott ist natürlich immer noch eine riesige Industrieansammlung und wer dort werktags auf den Autobahnen unterwegs ist, kriegt früher oder später die Krise :) Sonntags ist es schön entspannt. Nach den interessanten Orten muss man im Ruhrgebiet sicher etwas suchen. Aber es gibt sie. Jede Menge sogar. Wenn du alte Industriestätten magst – wie den Landschaftsperk Duisburg hier – dann könntest du mal unter „Route der Industriekultur“ ( http://www.route-industriekultur.de ) nachschauen. Ich finde so etwas ja ziemlich spannend. Der Pott ist speziell: Er ist bunt und rotzfrech und liebenswürdig, mancherorts verfallen, woanders herausgeputzt. Es lohnt sich, dort auf Entdeckungsreise zu gehen. Ich tue das immer wieder gerne! Sonnige Grüße, Jutta

  4. Beeindruckende Bilder aus dem Landschaftspark! Ich habe schon öfters Bilder von dort gesehen, war aber noch nie selbst dort. Wird mal Zeit vorbei zu schauen, alte Industrieanlagen finde ich sehr spannend. :-)

    • Hallo Gerhard, vielen Dank! Für mich war es auch der erste Besuch und ich war mächtig überrascht: Das ganze Areal hat gewimmelt von Besuchern und nicht nur von mondsüchtigen (Hobby-)Fotografen wie mir, sondern von Kinogängern, Partymachern, Familien mit Kids beim abendlichen Picknick und und und. Ein wirklich gelungenes Beispiel für die kreative Nutzung eines alten Industriestandortes. Ich mag diese alten Anlagen übrigens auch sehr und der „Pott“ hat da ja tatsächlich einiges zu bieten. Also mal einplanen :) Sonnige Grüße, Jutta

  5. Wow, was für ein Farbspektakel. Ich fande die Blue Ports ja schon der Hammer, aber das ist krass. Tolle Inszenierungen und klasse geschrieben. Ich glaube, du hast einen neuen Fan. ;-)

    • Oh, das wäre natürlich fabelhaft! Der Park ist wirklich klasse und die Lichtshow beginnt jeden Abend mit Anbruch der Dunkelheit. Gerade befindet sich einiges im Umbau (Umstellung auf LED), so dass bei unserem Besuch nicht einmal alle Objekte beleuchtet waren. Wir müssen also wieder hin! Liebe Grüße, Jutta

    • Hallo Tanja, du bist hier natürlich immer herzlich willkommen! Und lieben Dank :) Warst du schon einmal im Landschaftspark? Für mich der erste Besuch, aber sicher nicht der letzte. Das Sommerkino hat mich auch neugierig gemacht. Vielleicht schaffe ich es noch zu einer Vorstellung bis Mitte August! Liebe Grüße, Jutta

  6. Hach ja…der Pott. Immer wieder toll. Die abendlichen Bilder sind grandios. Leider ist das einfach zu spät für uns mit den Kindern. Aber wenn ich mal wieder Ausgang habe, sollte ich dort unbedingt mal Abends hinfahren. GlG, Nadine

    • Hallo Nadine, vielleicht ist es im Herbst oder Winter (dick eingemummelt) mal toll mit den Kleinen? Das Lichtspektakel setzt ja mit Beginn der Dunkelheit ein und ich finde es toll, dass die Installation keine vorrübergehende Kunst, sondern etwas Dauerhaftes ist. Da kann man sich mit einem Besuch Zeit lassen. Hat doch auch was, oder? :) Mein Filius, der jetzt immer mal wieder müde abwinkt, wenn wir zu einer Spritztour starten, sah übrigens die Bilder und meinte: „Warum habt ihr denn MICH nicht mitgenommen?“ Immerhin kennen deine „Lütten“ den Park ja schon bei Tageslicht! Hab einen tollen Tag, Jutta

    • Hallo Simone, lieben Dank! Und „in echt“ viel schöner :) Ich muss das Gelände noch ein bisschen besser erkunden, damit ich bei der nächsten Tour Fotos von „außen“ machen kann. Am letzten Freitag habe ich mich nur zwischen den Gebäuden bewegt. Gerade las ich noch einmal über das Sommerkino dort im Landschaftspark: Ich schätze, das wäre auch ein tolles Erlebnis. Groetjes, Jutta

    • Danke, Sophia! Eine Erkundungstour bei Tag steht fest auf dem Programm: Vor allem weiß ich danach, wo ich beim nächsten nächtlichen Streifzug sicheren Fußes entlang spazieren kann :) Sonnige Grüße, Jutta

  7. Tauchen? Wirklich? Das klingt ja mal spannend. Schön, dass aus diesem ‚Relikt‘ noch Verwendung gefunden wurde und nachts sieht alles sehr einladend aus.

    • Hallo Christina, ja, tatsächlich! Auf der Website des Landschaftsparks gibt es unter dem Stichpunkt „Gasometer“ einige Fotos des Tauchreviers. Ich würde dort gerne einmal abtauchen! Ich bin ja überhaupt fasziniert von dem, was man aus den stillgelegten Industriegeländen im Pott so alles macht. An Einfallsreichtum fehlt es dort nicht. Und angenommen wird das Angebot ganz offensichtlich auch. Sonnige Grüße, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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