Die tätowierte Stadt [Leiden]

Monsieur hat unlängst die Branche gewechselt: von Heavy Metal zu Samt und Seide. Himmel! Pulsbeschleuniger für jedes Frauenherz. Ich träume heimlich, dass wir nach 14 Ehejahren nun endlich gemeinsam durch die Edelboutiquen dieser Welt streifen oder – ungleich besser – durch schicke Vintage-Läden. Während ich meinen Gedanken nachhänge, balanciere ich am Kanal entlang, zwischen parkenden Autos hindurch, um das ein oder andere Haus am gegenüberliegen Kai abzulichten. Das will nicht so recht gelingen: Es ist diesig und am Horizont ziehen dunkle Wolken auf. Über Leiden färbt sich der Himmel grau. An Leidens Grachten
Meine Kamera stelle ich vorsichtshalber auf Schwarz-Weiß-Modus. Farbe ist heute wohl nicht angesagt. Zumindest nicht für mich. Ich bahne mir meinen Weg zurück und finde Monsieur in eine lebhafte Diskussion mit einem distinguierten Herrn verwickelt: über Farbspiele in Stoffen, Strukturen, über den Sinn und die Sinnlichkeit des haptischen Erlebnisses textiler Kunst. Ausgerechnet! Wie sich die beiden hier und jetzt gefunden haben, bleibt ein Rätsel. Ich geselle mich dazu. Der nette Unbekannte ist entzückt, dass wir die Unterhaltung auf Niederländisch fortsetzen können, aber gleich darauf irritiert von meinem Gähnen. Pardon! Ob er uns einen Tipp für ein Café geben könne, will er wissen. Ich nicke beschämt, höre seiner Wegbeschreibung höchst pflichtschuldig zu. When in Holland: Go cycling!
Wir nehmen freundschaftlich Abschied, spazieren die Gracht am Alten Rhein entlang. Heute ist Samstag. Markttag. Die Luft ist schwer von Gerüchen aller Art: Gewürze und Käse natürlich, Süßes und Salziges, in Fett Gebackenes, Blumen. Unverkennbar auch Fisch, den ich gerne mag, aber nicht, wenn er schon anfängt zu stinken. Die Händler können nichts dafür. Das Wetter ist schuld, denn es ist schwül. Charmantes Leiden
Leiden ist eine charmante Stadt. Durchzogen von Grachten, die von hübschen, zuweilen herrschaftlichen Häusern gesäumt werden. Manche sind gebeugt von der Last der Jahrhunderte, viele haben eine kleine Terrasse, die gleichzeitig Bootsanleger ist. Darauf ein, zwei Sonnenstühle, ein Tisch, Blumenkübel. Für mehr ist kein Platz. Aber für ein kleines Paradies am Wasser reicht es vollkommen aus.

Wer hier auch die schmalen Gassen erkundet, einen Blick um die Ecke riskiert und den Blick schweifen lässt, wird vielerorts poetische Graffiti entdecken. Mauergedichte berühmter oder dem Laien weniger bekannter Literaten. Der Chilene Pablo Neruda ist dort verewigt und Hans Lodeizen, ein niederländischer Dichter, der gerade einmal 26 Jahre alt wurde. Lyrik von Marina Zwetajewa und Anna Achmatowa in russischer Sprache, französische Verse von Paul Verlaine, deutsche von Paul Celan. Es sind Hingucker, Stopper, es ist Kunst für alle. Selbst, wenn wir nicht alles verstehen. Chanson d'automne - Herbstlied
Verse von Paul VerlaineMir gefällt die Idee, Poesie auf diese Weise in die Öffentlichkeit zu tragen. Ganz unaufdringlich wie hier in Leiden, wo es inzwischen 101 Mauergedichte gibt. In Islands Hauptstadt Reykjavík habe ich übrigens wundervolle Gedichte auf dem Gehsteig entdeckt. Und im norwegischen Oslo kann der Besucher auf Henrik Ibsens Spuren wandeln: Zitate des Schriftstellers – aus Edelstahl, eingelassen in Granit – markieren den allmorgendlichen Weg seiner letzten Jahre über die Karl Johans Gate bis zum Grand Café. Fensterplatz
Nach einem wirklich guten Kaffee im „Vooraf en Toe“, der Empfehlung unserer morgendlichen Bekanntschaft, verlassen wir Leiden in Richtung Küste. In Katwijk aan Zee ist der Himmel blau. Wir gehen am Strand spazieren und suchen Muscheln, setzen uns mit einem Eis in den Sand und beobachten die wenigen Schwimmer im Meer. In meinem Blickfeld tauchen zwei tätowierte Beine auf. „Mein Körper ist mein Tagebuch und meine Tattoos sind meine Geschichte“, soll Johnny Depp einmal gesagt haben. Ja, auch Tattoos erzählen Geschichten. Und auch sie sind Poesie.

Wer? Wo? Was?
In Leiden auf den Spuren großer Dichter wandeln: 25 der 101 Mauergedichte wurden zu einem literarischen Spaziergang zusammengefasst. Ein pdf der Tour gibt es hier: „Gedichten op Muren“ (Gedichte auf Mauern)

Direkt an einer der Grachten von Leiden gelegen, mit Kunst, toller Atmosphäre und schnörkellos gutem Kaffee:
Vooraf en Toe
Botermarkt 9
2311 EM Leiden
Niederlande
T 0031 (0) 71 5126633
www.voorafentoe.nl

Lässig und gut, mit hausgemachten Sandwiches und Kuchen, außerdem der perfekte Ort für ein Rendezvous in Katwijk aan Zee:
Espressobar Werner’s
Voorstraat 36c
2225 ER Katwijk aan Zee
Niederlande
T 0031 (0) 71 4015169
www.espressobarwerners.nl

20 Gedanken zu “Die tätowierte Stadt [Leiden]

  1. Hallo Jutta,
    wußte gar nicht, dass es einen Ort gibt der Leiden heißt. So leidvoll sieht er gar nicht aus, jedenfalls nicht auf deinen Bildern. ;-)
    Liebe Grüße
    Claudia

    • Hallo Claudia, ja, ein höchst irreführender Name! Ein wenig gelitten hat Leidens Bevölkerung schon, im Achtzigjährigen Krieg gegen die Spanier nämlich. Aber das ist ja lange her. In Leiden wurde übrigens Rembrandt geboren und dort befindet sich auch die älteste Universität der Niederlande. Und überhaupt gibt es die schönsten Häuser in Leiden :) Klar, denn wer könnte schon so viele Gebäude mit Gedichten an der Fassade aufweisen?! Leiden ist definitiv einen Besuch wert: ganz schmerzfrei! Sonnige Grüße, Jutta

    • Da musst du dir unbedingt die Hofjes ansehen, die kleinen, privaten Innenhöfe. Wie Beginenhöfe en miniature. Ich kann nur vom Hörensagen & Lesen berichten, denn auch bei Besuch No. 2 habe ich kein einziges Hofje zu Gesicht bekommen. Also ist auch bei mir Besuch No. 3 fest eingeplant! Sonnige Grüße, Jutta

  2. Prachtige gedichten inderdaad Jutta! Dit zou Amsterdam ook moeten doen met Nescio (pseudoniem van J.H.F. Grönloh), geniale schrijver… Leuk leesbaar stuk, dank daarvoor.
    Excuses voor mijn Nederlands, de Duitse taal beheers ik nog niet voldoende.

    • Haartelijk dank, Ruud! Ik vindt het gewoon prachtig, als literatuur (of kunst in het algemeen) op deze manier voor iedereen toegankelijk wordt. Niet exklusief is, maar openbaar. Nescio / Grönloh kende ik tot nu toe niet. Bedankt voor de tip. Ben heel benieuwd! Prettig weekend, groetjes, Jutta

  3. Boh, wie schön! Nun war ich vor zwei Wochen gerade in Leiden und hab nur durch Zufall ein paar Gedichte gesehen. Hättest Du den Artikel schon ein paar Wochen früher geschrieben, hätte ich mir sofort die Gedichte Liste unter den Arm geklemmt und wäre auf Entdeckungstour gegangen. Na für’s nächste Mal weiß ich jetzt Bescheid! :-)

    • Hallo Nicole, ganz ehrlich: Bis vergangenen Samstag war ich auch ahnungslos! Ich hatte zwar einige der Wandgedichte schon bei einem früheren Besuch entdeckt, aber erst am letzten Wochenende so richtig nachgeforscht. Ein schönes Projekt, nicht wahr? Und so hübsch! Passt richtig gut in die Stadt. Übrigens haben wir auch das „Francobolli“ entdeckt! Sonnige Grüße, Jutta

  4. Wunderschön. Ich wohne ja nun seit einem Jahr in Aachen und habe bisher Holland direkt um die Ecke eher sträflich vernachlässigt. Wenn ich Deinen Bericht so lese, muss das ganz dringend geändert werden!

    • Vielen Dank, Beatrice! Ich bin ja nun ein „Holland Lover“ durch und durch, aber ohne zu übertreiben: Das Land bietet so wahnsinnig viel! Geschichte, Kunst und Kultur, Design und Mode, Architektur – neu und alt – und eine fabelhafte Landschaft. Alles ist nur ein Katzensprung entfernt, aber die Uhren ticken bei unseren Nachbarn doch ein wenig anders. Lässiger! Liebe Grüße, Jutta

  5. Danke für diesen (literarischen) Rundgang durch Leiden. Auch in schwarz-weißen Bildern wirkt das Städtchen ganz besonders hübsch. Die Gedichte in Reykjavík fand ich auch ganz wunderbar.
    Liebe Grüße. :)

    • Lieben Dank, freue mich, dass dir der Spaziergang gefallen hat! Ehrlich gesagt wäre mir ein wenig Farbe für die Fotos lieber gewesen, aber zuerst war es so diesig und später hat mich der Fischgeruch vom Markt schier erschlagen: In der drückenden Luft vom Samstag war das einfach zuviel! Ja, unvermittelt ein paar schöne Zeilen auf dem Gehsteig oder an einer Hauswand zu entdecken, hat definitiv Charme! Ich glaube, dass viele Menschen, die vielleicht nie oder selten Bücher – geschweige denn Gedichte – lesen, sich davon angesprochen fühlen. Davon sollte es mehr geben! Sonnige Grüße, Jutta

  6. Oh, wie schön! Die Gedichte habe ich gar nicht gesehen oder zumindest nicht bewusst wahrgenommen. Wir waren auch viel zu sehr damit beschäftigt der Musik zu folgen und die Eingänge zu den Innenhöfen zu finden ;-)
    LG Simone

    • Und siehst du: Die „Hofjes“ habe ICH immer noch nicht besucht! Die Mauergedichte sind mir zwar früher schon aufgefallen, aber ich habe erst später herausgefunden, dass es so viele sind und dass ein ganzes Projekt dahinter steht. Mir gefallen solche Sachen ja sehr: Kunst ohne Hemmschwelle. Wenn jemand darüber stolpert: gut. Wenn nicht: auch gut. Unaufdringlich, jeder kann sich eigene Gedanken machen. Oder einfach nur die schöne Schrift bewundern! Danke fürs Vorbeischauen, Jutta

    • Thanks Ronni! Could you read it? By the way: They started painting the poems on the walls back in 1992. It took them about 15 years to complete the now 101 poems in Leiden. Have you ever noticed the poems on the pavement in Reykjavík? Cheers, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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