La vie est belle! [Straßburg]

Über Straßburg wurden ganz gewiss schon mehr Geschichten geschrieben, als die Stadt Einwohner hat: Geschichten über das Mittelalter und La Petite France mit ihren charmanten, schiefen Fachwerkhäusern, in denen einst Gerber ihrem Handwerk nachgingen. Über die Patrizierhäuser im Pariser Stil und das prächtige Palais Rohan, erbaut als fürstbischöfliche Residenz von einem der Versailler Architekten. Heute residieren drei bedeutende Museen im Palast. Dass Johannes Gutenberg hier am Buchdruck tüftelte, dass der Künstler Hans Arp – dessen Name nicht nur deutsch anmutet, sondern es auch ist – einer der prominenten Söhne der Stadt ist oder dass hier 1792 das Lied der französischen Rheinarmee komponiert wurde, seitdem zur Nationalhymne avancierte und besser bekannt ist als Marseillaise: All das gibt es mannigfach schwarz auf weiß. Nicht zu vergessen epische Berichte über die europäischen Institutionen und die Perle der Stadt, das Straßburger Münster.Palais Rohan
„Ein Wunder – so unermesslich und zierlich doch zugleich.“ Victor Hugo
Weltkulturerbe der UNESCO und bis 1874 das höchste Bauwerk der Christenheit. Ein Meisterwerk aus rosa Sandstein, asymmetrisch, denn der Südturm der Kathedrale – ganz offiziell Notre-Dame de Strasbourg – wurde nie vollendet. Sie ist das Wahrzeichen des Elsass und einfach alles überragend. Straßburger MünsterStraßenszene mit Blick auf das Münster
Wer sich vom Palais Rohan dem Straßburger Münster nähert, schafft es durchaus, das großartige Bauwerk als Ganzes auf Film zu bannen, kann auf einer weitläufigen Terrasse Platz nehmen, die filigranen Steinmetzarbeiten bewundern und dem Turm träumend in den Himmel folgen. 142 Meter sind es bis zur Spitze. Und natürlich möchte ich hinaufsteigen. Eine ausgetretene Wendeltreppe schraubt sich im Zwillingsturm – dem unvollendeten – empor. Hier und da eine schmale Öffnung in der Wand, durch die ich zuerst auf schmucke Häuserfassaden, dann auf bunte Schindeldächer und schließlich in den Himmel sehe. Straßburgs alte HäuserFenster und Fassaden
329 Stufen sind es bis zur Plattform, 329 Stufen zur grandiosen Aussicht über die elsässische Metropole. Dabei ist es nicht so sehr die Weite der Stadt, vielmehr das Wirrwarr der mittelalterlichen Gassen rund um die Kathedrale, das von oben betrachtet so faszinierend ist. Der Blick auf die Jll, die sich durch Straßburg schlängelt, bis hinunter zum Gerberviertel, das sich eng an ihre Ufer schmiegt.In den Gassen von Straßburg
Durch den Nordturm klettere ich zurück auf die Erde, besichtige das Innere der Kathedrale mit den wundervollen Buntglasfenstern, die – ganz im Gegensatz zu vielen mir bekannten – in hellen Farben gestaltet sind und das Kirchenschiff in ein unglaublich weiches Licht tauchen. Man muss nicht in Architekturgeschichte bewandert sein, um zu erahnen, welch ein Meisterwerk hier entstanden ist.Idyllische Innenhöfe hinter prächtigen PortalenWo die Zeit still steht
Der Tag ist sommerlich warm, viel zu schön, um ihn drinnen zu verbringen. Ich beschließe also, die Museen warten zu lassen und schlendere durch die alten Gassen, die mal schmaler, mal breiter werden, sich zu kleinen Plätzen öffnen und Einblicke in idyllische Innenhöfe bieten. Die Gebäude der Altstadt, der Grande Île, die als Einheit übrigens auch zum Welterbe der Unesco zählt, ragen so hoch empor, dass die Sonne das Kopfsteinpflaster kaum erreicht. Das Licht ist hier eigentümlich gedämpft.PastellfarbenIdylle vorm Fenster
Hätte ich nicht schon längst ein Faible für bunte Häuserfassaden, für Türen und Fenster, spätestens jetzt hätte ich mich unsterblich verliebt. Bunt heißt in Straßburg pastellfarben: bleu, rosa und hellgelb. Vereinzelt leuchtet es erdbeerrot oder pistaziengrün. Kunstvoll geschnitzte, schwere Holzportale wehren neugierige Blicke ab, einige jedoch stehen einladend offen. Fenster mit hübschen Läden – manche hängen schief in den Angeln – wirken wie die Augen der Stadt. Überhaupt ist hier fast nichts gerade, aber eben darum so reizvoll.Portal in der Rue de l'Epine
In der Rue de l’Epine entdecke ich das Atelier von Laurence Labbé, die hauchzarte Keramik herstellt. Ich bewundere solche Talente. Etwas weiter, versteckt in einem Innenhof, gibt es handgefertigte Seifen, die nach nichts anderem duften als herrlicher Natur. Farben und Düfte, die Gesichter der Passanten, die gedämpften Geräusche verdichten sich zu einem Gefühl: Das ist Straßburg! In einer Papeterie kaufe ich drei Ansichtskarten und dann kann ich einer Auslage nicht widerstehen: Macarons. Das Geschäft ist winzig, ebenso die Auswahl des von Hand gefertigten Konfekts. Ich wähle Pistazie und Blaubeere, Cocos und Café. Monsieur erklärt mir, wie seine Macarons ihr Aroma am besten entfalten, während er meine Auswahl liebevoll verpackt. Ich verabschiede mich mit einem Lächeln auf den Lippen.La Tinta Café
Inzwischen habe ich La Petite France erreicht, ein Macaron auf der Zunge zergehen lassen und suche nach dem La Tinta, einer Empfehlung von Géraldine. Untergebracht ist der Teesalon in einem der schief-schönen Häuser. Eine Literaturwerkstatt mit dem Charme der 30er Jahre und genau der richtige Ort, um meine Ansichtskarten zu schreiben. Es ist ruhig, nur am Nebentisch plaudert die Verkörperung von Coco Chanel im Bleistiftrock und Cardigan, mit weich gelocktem Bob und rotem Kussmund lebhaft mit einer ebenso koketten jungen Dame. Ich nippe an meinem Kaffee, beobachte durch das offene Fenster Frauen und Männer, die durch die Gasse flanieren. Das schöne Wetter ist zu verführerisch und so reihe ich mich bald selbst wieder ein in die Schar der Spaziergänger.An den Ufern der JllMehr als nur schöne Fassade
Über die Jll hinunter zum Musée d’Art Moderne mit seiner atemberaubenden Fassade aus bunten Glasquadraten in XL. Wie die Fenster einer modernen Kathedrale. Auf dem Dach ein Pferd. Wieder lockt das Museum, wieder verschiebe ich den Besuch auf später.
Mein Spaziergang führt mich auf die Barrage Vauban, ein Wehr aus dem 18. Jahrhundert mit einer schönen Panoramaterrasse, vorbei an den Ponts Couverts – den Gedeckten Brücken – und zurück in die Stadt.Die Jll
Auf einem Markt werden Flammkuchen und andere lokale Spezialitäten angeboten. Der Duft ist verführerisch. Plötzlich habe ich Appetit auf Herzhaftes und beschließe den beginnenden Abend in einer der einladenden Winstubs zu verbringen. Was wäre geselliger, als an einem langen Tisch voller Fremder Platz zu nehmen? Ich wähle Tartines grillées – eine Art Toast von dick geschnittenem, dunklem Brot – mit Auberginenmus. Dazu einen Riesling. La vie est belle… und die Gesellschaft an diesem Abend ausgezeichnet!
Und morgen, morgen werde ich ins Museum gehen. Office de Tourisme

Wer? Wo? Was?
Straßburg komplett erkunden an nur einem einzigen Wochenende? Das ist ganz und gar unmöglich. Andererseits verlocken elsässische Küche und Weine, die zahlreichen Museen und überhaupt das Flair der pulsierenden Stadt definitiv zu mehr als nur EINEM Besuch.

Für ein erstes Rendezvous mit der elsässischen Metropole empfiehlt sich der Strasbourg Pass: Er ist drei Tage gültig, beinhaltet verschiedene Gratis-Angebote – u. a. Eintritt in ein Museum nach Wahl, ein Leihfahrrad für individuelle Stadtrundfahrten oder eine Bootstour auf der Jll – und zahlreiche Ermäßigungen. Erhältlich ist der Pass am Fremdenverkehrsamt gleich vis-à-vis dem Straßburger Münster.

Schon gewusst, dass das französische Baiser-Mandelgebäck Macarons bereits im Mittelalter hergestellt wurde? Sein Ursprung wird mal in Frankreich selbst, aber auch in Persien vermutet.

Mein Besuch in Straßburg wurde freundlicherweise vom Office de Tourisme de Strasbourg et sa Région unterstützt. Herzlichen Dank dafür!

32 Gedanken zu “La vie est belle! [Straßburg]

  1. Hach – wunderbar! Das scheint eine tolle Stadt zu sein. Beim Anblick Deiner Bilder möchte ich gleich losfahren :-)
    Deinen Artikel habe ich gleich auf Bookmark gesetzt und dieses schöne Fleckchen Erde auf meine Bucketlist gesetzt :-)

    • Hallo Tanja, das freut mich! Und das Wochenende – oder Ostern! – steht ja schon vor der Tür! Besorg dir unbedingt den Straßburg-Pass (an der Touristen-Info gleich gegenüber der Kathedrale). Ganz allein schon wegen der gratis Bootsfahrt über die Jll, einen Museumsbesuch und vieles mehr. Sonnige Grüße, Jutta

  2. Hallo Jutta.

    Dieser Beitrag macht wirklich Lust auf Strassburg. Ich würde mich am liebsten sofort in mein Auto setzen und los fahren. Danke für die schöne Stadtvorstellung.
    Ich wünsche Dir alles Gute für 2015 – mach weiter so mit dem tollen Blog.

    Viele Grüße
    Tanja

    • Hallo Tanja, lieben Dank für die guten Wünsche! Auch dir ein grandioses 2015! Straßburg ist soooo charmant. Mir haben es vor allem die schönen Fassaden angetan. Daran konnte ich mich gar nicht sattsehen! Sonnige Grüße, Jutta

  3. Klasse geschrieben und Bilder die Lust machen sofort die Koffer zu packen und zu verreisen. Sollte tatsächlich auf einer To-Do Liste für Städtereisen stehen, neben Wien, Paris und anderen Metropolen.

    • Hallo Ulrich, vielen Dank! Ja, unbedingt. Mich stressen die ganz großen Städte sehr schnell, obschon sie natürlich auch auf meiner „Must see“-Liste stehen. Aber es gibt eben so viele wunderschöne Orte, die wahnsinnig viel bieten, eben nicht ständig im Rampenlicht stehen und darum einen ganz entspannten Besuch zulassen. Na ja, Straßburg vielleicht nicht im Ferienmonat August. Danke für deinen Besuch hier, sonnige Grüße, Jutta

  4. Hach wie wunderschön. Da hast Du aber echt tolle Fotos mitgebracht. Nachdem ich letzten Monat das erste Mal im Elsass war, muss ich auf jeden Fall nochmal hin. Straßburg…I´m coming! LG, Nadine

    • Hallo Nadine, danke dir! Ich war früher schon im Elsass und auch in Straßburg, aber das ist wirklich lange her und auf der letzten Reise habe ich alles mit ganz anderen Augen wahrgenommen. Die alten Gebäude und die pastelligen Farben, die Lebensart und auch die kleinen Boutiquen, oft versteckt in den Innenhöfen der schönen Häuser: Das hat mir alles sehr gut gefallen! Herzliche Grüße, Jutta

    • Hallo Christina, vorweihnachtliche Stimmung in Straßburg stelle ich mir wunderschön vor! Lichter, Düfte, Musik – die ganze Atmosphäre ist dann sicher traumhaft (aber traumhaft war sie tatsächlich auch bei meinem Besuch)! Wünsche dir eine tolle Zeit in der Stadt, sonnige Grüße, Jutta

  5. Danke, Jutta, fürs Entführen und Wecken der Erinnerungen. Hätte ich mal intensiver nach einer Wohnung dort gesucht, damals. Dann müsste ich mich jetzt auch nicht fragen, ob die Macarons in Paris oder Straßburg besser sind…. ;-)

    • Leider habe ich keinen Vergleich Elke: Stell dir vor, in Straßburg habe ich meine ersten Macarons überhaupt genascht. Aber ich glaube, ich kann ohne rot zu werden behaupten, dass sie Weltklasse waren! Kann ich dir schon eine gute Reise wünschen? Ecuador ruft!? Hab eine tolle Zeit dort! Jutta

  6. Pingback: Der Reiseblogger Wochenrückblick KW 42 - pixelschmitts Reiseblogpixelschmitts Reiseblog

  7. Hallo Jutta,
    wieder einmal ein sehr schön geschriebener und bebilderte Bericht über Straßburg. Straßburg kennt sicher jeder, aber irgendwie „verdrängt“ man es. Es kommt direkt auf meine Liste für nächsten Frühling auf ein verlängertes Wochenende.

    Übrigens …. von 6 Jahren war ich mal in Malaga. Dort gibt es auch eine Kathedrale, wo nur ein von zwei Türmen wg. Geldmangels vollendet wurde (http://goo.gl/gMpPk)

    Viele Grüße
    Winfried

    • Hallo Winfried, danke dir! Ja, es ist halt nicht Paris, Rom oder London und rutscht vielleicht deswegen oft auf die hinteren Plätze der Reisewunschliste. Dabei ist es durch und durch sehenswert. Fast ein Gesamtkunstwerk. Ich mag auch Städte gerne, die man bequem erlaufen (oder per Rad erkunden) kann und in Straßburg geht das ganz vorzüglich. Übrigens vielen Dank für den Link: Wusste ich noch nicht! Da werde ich gleich einmal schnuppern. Sonnige Grüße, Jutta

  8. Ganz großartig. Ich bin durch Deine bildhafte Sprache und die wunderbaren Fotos gleich ganz tief mit eingetaucht in die Szenerie. Diese Architektur, das alte Fachwerk sind einfach nur beeindruckend. Die lukullischen Köstlichkeiten würde ich nur allzugerne einmal vor Ort probieren. Liebe Grüße. ;)

    • Guten Morgen und – ah! – lieben Dank! Ich freue mich total, wenn meine Geschichten beim Lesen tatsächlich Form annehmen! Die Stadt ist schon eine Augenweide! Und es gibt dort und vor allem im Elsass ganz hervorragende Küche. Was ich besonders mag sind die ganz einfachen, guten Dinge wie die Tartines, die ich an dem einen Abend gegessen habe. Dazu einen Wein. Herrlich! Das ist Lebensart, die – auch ein wichtiger Aspekt – die Reisekasse gar nicht so sehr belastet. Auch die Geselligkeit in den kleinen Lokalen: einfach toll! Sonnige Grüße, Jutta

    • Fabelhaft! Bring mir doch bitte ein paar Macarons mit oder lieber etwas Herzhaftes? Ach, lass uns gleich zusammen hinfahren! Und lieben Dank für das Kompliment. Hab einen schönen Abend, Jutta

  9. Wie immer ein sehr schöner Beitrag mit tollen Bildern. Du verstehst es die Leute mit auf eine Reise zu nehmen. Straßburg selber habe ich nur kurz gesehen und erinnere mich nicht mehr an allzu viel. Was mir allerdings von unserer Elsass-Tour im Gedächtnis geblieben ist, dass sind die vielen Gassen mit ihren bunten charmanten Häusern. Eins schiefer als das andere, geschützt von imposanten Holztoren und geheimnisvollen Fensterladen. Wer es dennoch schafft einen Blick in einen dieser Innenhöfe zu erhaschen ist sofort verliebt.

    • Claudia, das ist so ein schönes Kompliment! Danke dir! Ja, genau das ist es: Farbe, Fenster, schwere Türen, Neugierde auf das Dahinter … Ich kam auch nur langsam durch die Gassen (aber ich hatte ja viel Zeit), weil ich überall stehen bleiben musste, um mir die vielen hübschen Details, die Schnitzereien an den Türen und und und ansehen musste. Wie gut, dass es überall Cafés und „Winstubs“ gab – für die kleinen Pausen! Sonnige Grüße, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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