Liebe auf den ersten Blick [Heidelberg]

Mit Heidelberg und mir war es Liebe auf den ersten Blick. Kein heißer Flirt, sondern eine dauerhafte Beziehung. Wir hatten eine tolle Zeit. Dabei bin ich damals ziemlich blauäugig in die Neckarstadt gefahren, habe mich eingeschrieben – Am besten irgendetwas mit Sprachen und Literatur?! – und mich erst dann gefragt, wie es wohl um den Wohnungsmarkt bestellt ist. Ganz nach dem Motto: Hier bin ich, hier bleib ich, ein Bett wird sich finden. Tatsächlich hielt ich nur wenig später einen Zettel mit einer viel versprechenden Adresse in der Hand: fußläufig zur Uni, Nähe Philosophenweg. Leider gänzlich in 70er-Jahre-Braun und -Orange gewandet. Ich habe mir selbst versichert, dass man mit Pinsel, Farbe und Fantasie durchaus etwas gegen „Retro ohne Charme“ ausrichten kann und bin abends mit einem gewichtigen Mietvertrag in der Tasche heimgefahren. 
Seit meinem letzten Besuch sind sicher zehn, zwölf Jahre vergangen und auch heute bin ich eher ungeplant hier. Ein kleines Malheur mit dem Sicherheitsgurt, eine Autobahnauffahrt, die mich in einen zähen Stau gespült hat und ein ganz und gar verkorkster Zeitplan sind schuld. Das Was-hätte-sein-sollen schiebe ich aber schnell beiseite, denn auf dem Bildschirm blitzt es verheißungsvoll auf: Heidelberg! Wenn es schon nicht voran geht, muss ich eben einen anderen Weg einschlagen. Bei nächster Gelegenheit sage ich der Autobahn also Lebewohl und tippe mein neues Ziel in den Bordcomputer. 
Auf den ersten Blick hat sich in Heidelberg nichts verändert. Ich kurve durch mein altes Viertel, halte Ausschau nach dem Lieblingscafé von einst. Es ist nicht mehr da. Aber das kleine Kino auf der anderen Straßenseite gibt es noch. Ein wenig mitgenommen sieht es aus, aber immer noch überaus charmant wie ich finde. Vor mir die Straßenbahn. Die hatte ich vergessen, fühle mich zwischen Linie 4 und 13 eingeklemmt ein wenig unwohl und bin erleichtert, dass ich mich bald aus der Affäre ziehen kann. Von der Theodor-Heuss-Brücke ein erster Blick auf das Schloss, ein kleiner Schlenker noch und eine kurze Fahrt am Neckar entlang. 
Inzwischen bin ich zu Fuß unterwegs und mitten in der Altstadt. Es nieselt, der Himmel ist farblos, aber das typische Rot der Fassaden leuchtet wunderschön. Das Semester hat noch nicht begonnen und wohl darum ist die Stadt nur mäßig belebt. Unterwegs sind Reisende, Touristen, Besucher wie ich mit einer Kamera um den Hals. Gesprächsfetzen in den Sprachen der Welt dringen zu mir durch. Buntes Stimmengewirr habe ich schon immer geliebt. 
Ich sehe das Spiegelbild meiner gelben Regenjacke in einem Schaufenster und halte inne: Es ist wohl doch nicht mehr wie es einmal war. In den Auslagen geifern Kitsch & Co., Mode, die keine ist, schrilles Rot auf gelben Plakaten. Die üblichen Schnellrestaurants internationaler Couleur reihen sich ein. Alte Gebäude sind zu Prostituierten geworden, die ihren Körper an den Meistbietenden verkaufen. Einige Fassaden wurden ihren Freiern gewaltsam gefügig gemacht. Andere, wie die des Altstadt-Kinos, in dem ich manch guten Filmabend verbracht habe, sind mit Brettern verrammelt. Szenen aus einer beliebigen Stadt. Austauschbar. Heidelberg hat sein Gesicht verloren.
Hat die Welt denn nicht verstanden, dass wir Individualität suchen? Dass Einheitsallerlei garniert mit Schloss nicht funktioniert? 
Auf der Hauptstraße mag ich nicht bleiben, lieber schlendere ich die Seitengassen hinunter. Das regennasse Kopfsteinpflaster ist mit leuchtend gelbem Laub gesprenkelt. Ich passiere winzige Geschäfte, darunter das der „Blumenfrau“. Sie erzählt mir, sie habe früher einen Stand am Zimmertheater gehabt. Ja, daran kann ich mich sogar erinnern. Das Originelle, das Schöne scheint ganz und gar aus dem Zentrum verdrängt. Aber hier am Rande gedeiht es weiter. Bei der Heiliggeistkirche kaufe ich Studentenküsse als Souvenir für meine Lieben zuhause und einen für mich selbst. Das muss sein. Immerhin ist die Kalorienbombe ein echtes Stück Heidelberg. 
In der Nähe finde ich ein Café, das zum Verweilen gerade richtig scheint. Auch ein wenig aufwärmen kann ich mich hier, denn ich bin trotz Regenjacke reichlich durchnässt. Auf das gemütlich aussehende Sofa verzichte ich, stattdessen setze ich mich ans Fenster, um die Passanten zu beobachten. Ich bestelle einen großen Milchkaffee und überlege, ob ich wiederkommen werde. Sicher. Denn schöne Konstanten gibt es hier noch und trotz Veränderungen hat Heidelberg unglaublich viel Flair. Das wird hoffentlich so bleiben.

„Alt Heidelberg du feine, drei Dinge nenn ich deine: das alte Schloss, den Neckarfluss und den Heidelberger Studentenkuss.“

Wer? Wo? Was?
Die Hauptstraße sollte man heute – wirklich schade! – links liegen lassen. Die Seitengassen hingegen haben viel Charme. Hier findet man so originelle Cafés wie das Yilliy. Chocolaterie Yilliy | Haspelgasse 7 | 69117 Heidelberg | T (06221) 6599364 | www.chocolaterie-heidelberg.de

Romantik pur an der berühmtesten Ruine der Welt: Das Heidelberger Schloss ist ein Muss. Entweder nimmt man den pittoresken, aber steilen Fußweg oder fährt mit der Bergbahn (HeidelbergCARD) hinauf. Die Aussicht vom Schlossgarten ist grandios. Schloss Heidelberg | Schlosshof 1 | 69117 Heidelberg | T (06221) 538472 | www.schloss-heidelberg.de

Klassiker: Wer Süßes mag probiert die Studentenküsse und bringt gleich ein paar als Souvenir mit heim. Gibt es seit 1863 bei Knösel. Chocoladenmanufaktur Knösel | Haspelgasse 16 | 69117 Heidelberg | T (06221) 22345 | www.studentenkuss.com

Nach Alkoholexzessen, Pöbeleien oder nächtlichem Säbelrasseln wurden Studierende in den Karzer geworfen. Erstmalig 1545, letztmalig 1914. Die Wände des winzigen Gefängnisses sind mit Silhouetten der Einsitzenden und anderen Kritzeleien aus Kerzenruß verziert. Studentenkarzer | Augustinergasse 2 | 69177 Heidelberg | T (06221) 543554 | www.uni-heidelberg.de

Heidelberg, die Stadt der Philosophen. Einmal den gleichnamigen Weg erwandern und mit der besten Aussicht über die Stadt, das Schloss und die wunderschöne Alte Brücke belohnt werden. Letztere sollte man auf jeden Fall auch einmal zu Fuß überquert haben. Vom Philosophenweg führt der schöne Schlangenweg direkt hinunter zur Brücke.

Für alle, die länger in Heidelberg verweilen lohnt sich die HeidelbergCARD. Erhältlich für einen bis vier Tage.

23 Gedanken zu “Liebe auf den ersten Blick [Heidelberg]

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    • Hallo Maike, lieben Dank! Ja, die Stadt und die Region haben viel Charme. Auch, wenn sich Heidelbergs „Herz“ doch sehr verändert hat. Aber wie an so vielen Orten liegt das Schöne oft links und rechts vom Kern der Stadt. Sonnige Grüße, Jutta

  3. Ist nur 40 Minuten von uns entfernt und ich war schon einige Male dort. Aber eben nicht als ‚Tourist‘. Wieder ein Ziel, das ich mal strukturiert angehen mag… Merci für die Eindrücke!

    • Hallo Katja, mir geht es mit vielen Zielen, die quasi vor der Haustür liegen, ganz genauso! Aber gerade dann, wenn ich wenig Zeit habe und doch den Kopf frei bekommen muss, picke ich mir ein unbekanntes Ziel in unmittelbarer Nähe heraus. Das ist immer wieder überraschend. Heidelberg ist wirklich charmant, nur in der Hauptstraße muss man heute ein wenig die Scheuklappen aufsetzen : ) Sonnige Grüße, Jutta

  4. „Alte Gebäude sind zu Prostituierten geworden, die ihren Körper an den Meistbietenden verkaufen. Einige Fassaden wurden ihren Freiern gewaltsam gefügig gemacht.“ – Ach, ganz wunderbar. Bei solchen Sätzen tanzt mir doch das Herz! Und wie immer hervorragende Bilder!

  5. „Man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen“. Wie die verehrte Kommentatoren vorher bereits schilderten, es bringt oft Enttäuschung, wenn man zurück kehrt. Die Erinnerungen sollten Erinnerungen bleiben.

    Dennoch: Heidelberg ist eine wunderbare Stadt und die Bilder sind großartig!

  6. Liebe Jutta,

    Heidelberg stand auch schon lange auf unserer Liste und irgendwie haben wir es nie geschafft. Eine schöne Beschreibung für einen Wandel in der Stadt, auch wenn sie ein wenig bedrückt macht. Traurig aber wahr, dass so vieles dem Mainstream, dem schnellen Geld und dem Nullachtfünfzehn-Stil zum Opfer fällt. Schön, wenn wenigstens ein paar überleben.

    Ganz liebe Grüße,
    Claudia

    • Guten Morgen, liebe Claudia, jetzt, eine Woche später, überlege ich ob ich zu hart geurteilt habe. Aber nein, es ist schon wie beschrieben. Immerhin hält sich das Individuelle, das Besondere in den Seitengassen. Und die sind ja überall auf der Welt besonders reizvoll! Sende sonnige Grüße in den Norden, Jutta

  7. Du hast die Fotos alle bei Regen gemacht? Sehen stark aus! Orte verändern sich. Manchmal findet man es gut. Manchmal eben nicht. Immerhin scheint dir Heidelberg ja trotzdem noch gefallen zu haben! Grüße, Sophia

    • Es hat tatsächlich den ganzen Tag geregnet Sophia, aber nicht in Strömen. Also ja. Und ja, meine „alte Liebe“ hat mir natürlich noch gefallen : ) Danke fürs Vorbeischauen und das Kompliment, schöne Grüße, Jutta

    • Vielen Dank Winfried! Zu Heidelberg hatte ich eine ganz innige Beziehung, darum war ich am vergangenen Wochenende wohl auch etwas desillusioniert. Aber das heißt nicht, dass die Stadt nicht viel Schönes zu bieten hätte. Und zur Zeit der Weinfeste muss man Heidelberg und das Umland vielleicht auch einmal erlebt haben : ) Sonnige Grüße, Jutta

    • Hallo Regina, vielen Dank für das Kompliment! Ja, Heidelberg hat viel zu bieten, vor allem für diejenigen, die einen Hauch Romantik mögen. Aber ich war ein wenig enttäuscht vom veränderten Bild der „Hauptstraße“. Eine Entwicklung, die ja leider in vielen Städten zu beobachten ist. Aber es war ja auch schon immer so, dass man tunlichst auch nach links und rechts schauen und abseits der ausgetretenen Pfade wandeln sollte! Wünsche dir ein schönes Wochenende, Jutta

  8. Hmm, es ist wohl immer so, dass man, wenn man nach Jahren an einen geliebten Ort zurückkehrt, vergleicht und meistens enttäuscht ist. Es ist nichts mehr wie früher. Und dieser Blick auf die Dinge scheint einem zu suggerieren, dass es schlechter ist als früher. Ich kenne dies Gefühl. Als ich vor wenigen Jahren in Heidelberg war, hat mir die Stadt, auch die Hauptfußgängerzone, sehr gut gefallen.
    Danke für Deinen Artikel,d er mich sehr nachdenklich gemacht hat. Und die superschönen Fotos!
    LG
    Ulrike

    • Guten Morgen, liebe Ulrike, danke für deine Meinung und ja, ich bin da ganz bei dir: Manchmal verklärt man die Dinge oder aber man hat den eigenen Blickwinkel einfach geändert. Und ja, Heidelberg ist charmant, im Prinzip ist sogar die Hauptstraße ziemlich einzigartig. Was frappant war: Die schönen kleinen, inhabergeführten Boutiquen (und damit meine ich keine Läden, die Volkstümliches verkauft haben), Buchhandlungen oder originelle Cafés sind fast gänzlich verschwunden. Stattdessen haben Franchise-Läden & Co. Einzug gehalten. „Marken“, die es in jeder x-beliebigen Stadt gibt und die keineswegs dazu beiragen, einer Stadt ein individuelles Gesicht zu verleihen. Wenn man dann noch hingeht und die schöne alte Fassade im Erdgeschoss aufreißt, um die Front den Vorgaben des Unternehmens anzupassen statt umgekehrt, dann schmerzt das. Auch der Verfall des Altstadt-Kinos beispielsweise war traurig. Kino muss heute wahrscheinlich groß, groß, groß und vor allem „Erlebnis“ sein (vor allem aus wirtschaftlichen Gründen). Nein, das Neue ist nicht per se schlechter. Aber die grandiosen Gebäude in Heidelberg täuschen schon ein wenig darüber hinweg, dass die Stadt ein großes Stück Individualität verloren hat. Mal sehen, wie ich Heidelberg beim nächsten Besuch wahrnehme. Mann und Filius kennen die Neckarstadt nämlich noch nicht. Und der Filius war verdammt verliebt in die Studentenküsse! Liebe Grüße, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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