Wie geht gutes Leben?* [Steiermark]

Zimmer frei!
Gutes Leben … Ja, wie geht das eigentlich? Während mancher für (s)ein „gutes Leben“ Überfluss braucht und von einem Superlativ zum nächsten rauscht, sind es für andere die kleinen Dinge. Das Unscheinbare, Leise. Ich gehöre zu Letzteren. Ich mag das Unaufdringliche, Schönheit im Detail, die sich vielleicht erst auf den zweiten oder dritten Blick erschließt. Ob von der Natur geschaffen oder von Menschenhand ist dabei ganz gleich: Die Umgebung muss mir ein gutes Gefühl geben. Das ist wichtig und auf jeden Fall ein guter Einstieg in „gutes Leben“. Glaube ich. In China heißt es übrigens, das Leise habe eine starke Stimme.

Steiermark? Wo liegt das denn?
Ob er Lust habe, für eine Woche mit mir in die Steiermark zu fahren, möchte ich von meinem Sohn wissen. 19 Jahre ist er, eigenwillig, mit Herz. In vielerlei Hinsicht viel erwachsener als ich. Seit einigen Monaten mit eigener Bude – oder sagen wir mal Mitbewohner einer Zweier-WG – in Aachen.

„Steiermark? Wo liegt das denn? Und was wollen wir da machen?“ Auch ich wusste die Steiermark nur vage zu verorten, als vor geraumer Zeit die Einladung ins Haus flatterte. Eine Einladung ins künstler.ZIMMER nach Straden. Geschuldet ist sie einer jener zufälligen Bekanntschaften aus der virtuellen Welt, die zuerst ganz flach dahinplätschern und plötzlich Tiefe entwickeln.
Schlagworte wie Berge, Natur, Wandern, ein Häuschen für uns – im Gegensatz zu „Hotel“ – überzeugen meinen Sohn ganz schnell von der Qualität der geplanten Reise. Städte und Museen stehen bei ihm gerade nicht so hoch im Kurs. In Hotels muss früh aus dem Bett hüpfen, wer ein ordentliches Frühstück auf dem Teller haben möchte. Und meist gibt es da einen Dresscode. Auch wenn der „nur“ von der Mutter aufgezwungen wird. „Zwanglos“ und „outdoors“ sind da eher sein Ding.

30 qm Glückseligkeit
Eintausendeinhundertundvier Kilometer sind es von Haustür zu Haustür. Laut Google zu Fuß in neun Tagen zu schaffen. Mit dem Auto in elf Stunden. Ohne Pausen. Viel Zeit zum Quatschen, Lachen und Musik hören. Und wie schön, dass das Kind einen Führerschein hat, wir uns hinterm Steuer also abwechseln können. Die Fahrt ist kurzweilig, wir stimmen uns auf die Tage zu zweit ein, tauschen Neuigkeiten aus, die eigentlich schon Schnee von gestern sind und stellen irgendwann erstaunt fest, dass uns die Landschaft inzwischen Berge vors Auge schiebt. Es folgen Tunnel auf Tunnel. Kurze, lange. Immer bin ich froh, wenn uns so eine Röhre wieder ausspuckt. Dann ist es draußen finster. Graz und die letzten Lichter der Stadt haben wir schon lange hinter uns gelassen. Die Dunkelheit wird absolut.
Verspätet – und mich begleitet ein schlechtes Gewissen – treffen wir nachts am künstler.ZIMMER ein. Denn während Lu und ich mit der Aussicht auf Ausschlafen zu Bett gehen können, beginnt für unseren Gastgeber Rupert schon morgens um sechs der neue Tag.

Die Begrüßung fällt trotzdem herzlich und gänzlich entspannt aus, als Rupert seinem Mitbewohner Rudi – Rhodesian Ridgeback und Empfangskommitee mit nasser Schnauze – auf dem Fuß folgt (nicht umgekehrt!) und die Tür zu unserem Zuhause auf Zeit einladend öffnet: In einer umgebauten Scheune mit dicken Mauern und Tunnelgewölbe, mit ausgetretenem Steinboden und winzigen Fenstern finden wir auf 30 Quadratmetern Glückseligkeit.

Das künstler.ZIMMER
Künstlerisch gestaltet, aber nicht nur für Künstler gemacht. Wer zur Tür hereinkommt, weiß, dass die Mauern Geschichten erzählen. Eine niedrige Decke, gedämpftes Licht. Möbel in einem munteren Mix aus Alt und Neu, handwerklich, nüchtern, verspielt. Die kleinen Webteppiche vorm Bett – der 19jährige hat übrigens kein Problem damit, im Doppelbett zu schlafen: „Mach dich aber bitte nicht so breit“ – leuchten (auch) rot, genau wie die Bettwäsche. Signalfarbe. Und eine, die ich immer bei mir trage.
Ein Holzstuhl mit romantischem Herz in der Lehne steht schüchtern in der Ecke. Dabei muss er sich gar nicht verstecken. Wer genau hinsieht, erkennt den unregelmäßig gefertigten Sitz. Ein Typ mit Charakter. Über dem Bett ein Sims mit Büchern. Gleich daneben drehen zwei Tänzerinnen anmutig Pirouetten. Mehr Bücher türmen sich in den Regalen an der Wand, auf dem alten Kleiderschrank stapeln sich noch ältere Reisekoffer. Überall Fundstücke in neuer Funktion, selbst, wenn sie nur dekorativer Natur ist. Die kleine Küche mit ihrem betagten Holzherd – ein Elektrokochfeld gibt es auch – ist das Herzstück vom künstler.Zimmer. Hier nimmt ein Tisch, der sich unter einer bestickten Decke versteckt, fast den ganzen Raum ein. Drumherum eine Eckbank, darauf Kissen und noch mehr Lesestoff verteilt. Ein ausgezeichneter Ort, um bei einer Tasse Kaffee zu schreiben.

Der Duft des Einfachen
Am nächsten Morgen knistern Holzscheite im Herd – Lu war bereits im Pyjama an der frischen Luft, um Brennbares ins Haus zu holen –, in der Pfanne brutzeln Spiegeleier. Wir frühstücken in der Küche von Tellern mit bunten Blumen: knuspriges Brot mit saftiger Krume, dick mit Butter bestrichen, mit Käse und frischem Bärlauch belegt. Dazu Filterkaffee. Wir haben Zeit.

Streifzüge
Später machen wir uns mit der Umgebung vertraut. Spüren den schönen Dingen nach. Draußen Naturstein und Holzlamellen, eine kleine Terrasse und Wege aus Granit. Zur Straße hin grüßt eine metallene Kuh aus Milchkannen. Sie gehört Roland, der sich das Büro über unserer Bleibe mit Rupert teilt. Beide schaffen Räume. Lebensräume.
Ein Zaun aus schwankenden Staketen, deren Enden von rostigen Konservendosen hübsch behütet sind, begrenzt das Grundstück zum Wald hin. In dessen Schatten fühlen sich Pilze sichtlich wohl und wippen auf dem Holz wie Rüschen auf einem Rock. Ein Rad lehnt lässig an der Garage. Es scheint seine besten Zeiten hinter sich zu haben, macht dort aber eine ausnehmend gute Figur. Auch der Schlitten mit der zerbrochenen Kufe, die daran erinnert wie viel Arbeit in Bugholz steckt. Wurde das Biegen von Holz unter Wasserdampf nicht von Michael Thonet in seinen Wiener Werkstätten erfunden und ermöglichte die serielle Fertigung von Stühlen? Details und Geschichten überall.

Steirische Schmankerln
In den kommenden Tagen lernen wir, was steirische Gastfreundschaft bedeutet. Und Genuss. Rupert steht als Koch am Herd seines großartigen Hauses und lädt uns an seine Tafel. Abends kehren wir in einem Buschenschank ein. Eine ganz famose Einrichtung, die ich aus meiner Heimat nicht kenne: was der Hof hergibt, kommt auf den Tisch. Es gibt also rustikale Brote mit Schmalz, eingelegte Gurken, Käse und Wurst, später himmlisches Hefegebäck mit Mohn, dessen Name ich leider vergessen habe.

An einem der anderen Abende geht es mit Rupert und Roland – Rudi muss daheim bleiben – in eine örtliche Institution: zum Bulldogwirt. Der Name malt mir ein wenig schmeichelhaftes Bild in den Kopf, das ich aber schnell gerade rücke, leitet er sich doch von einer Traktorenmarke ab. Das namensgebende Vehikel und allerlei Kuriositäten füllen dann auch die Räumlichkeiten der Gastwirtschaft, klettern die Wände empor und wuchern durch den Garten. Das Essen ist vorzüglich und diesmal merke ich mir, was auf den Teller kommt: Breinwurst mit Sauerkraut. Roland und Rupert verkosten Weine. Auf dem Gebiet kann ich leider nicht mit Expertise glänzen. Ich mache mir eine Notiz im Geiste …
Immerhin weiß ich nach einer Woche, dass Brot in der Steiermark gerne mit Kümmel gebacken wird, dass das unglaublich gute, nussige Kernöl in keiner Küche fehlen darf und sich dessen grüne Flecken ganz leicht aus der Wäsche entfernen lassen, indem man Hemd, Bluse oder Serviette in die Sonne legt. Auch Käferbohnen, von denen ich bis dato noch nie gehört hatte, sind typisch steirisch und echte Schmankerl.

Und die Landschaft? Ja, auch die ist eine Wucht!
„Erst wenn deine Sinne aufmachen, spürst du dich wieder. Erst wenn du dich wieder spürst, weißt du wieder, was du willst. Wer du bist. Und wenn du wieder DU bist, weißt, was du willst, fängt LEBEN an.“ Rupert Rauch

© Texte und Bilder: Jutta M. Ingala

WER? WO? WAS
Das künstler.ZIMMER von Rupert Rauch ist der perfekte Ort für all diejenigen, die einen Ort inmitten der Natur suchen, an dem sie alles unternehmen können, aber gar nichts müssen. Wandern, Radfahren, eine Spritztour nach Graz – „UNESCO City of Design“ – unternehmen oder über die Grenze ins nahe Slowenien. Vielleicht bis an den Bleder See? Oder einfach auf einen der Aussichtstürme in der Nähe klettern und die Vulkanlandschaft Steiermark aus der Vogelperspektive betrachten.

Gäste können sich in der Umgebung von Straden von Buschenschank zu Buschenschank probieren oder in der kleinen (künstler.)Küche selbst versorgen. Auf Wunsch stellt der Gastgeber einen üppig gefüllten Frühstückskorb mit lokalen Leckereien vor die Tür. Bei schönem Wetter wird auf der kleinen Terrasse gefrühstückt. Hinterm Haus, am Waldrand, hat Rupert Rauch noch ein Baumhaus für Erwachsene gebaut. Im Sommer ist auch das eine ganz fabelhafte Unterkunft!

künstler.ZIMMER
Rupert Rauch
Schwabau 19
8345 Straden
Österreich
www.kuenstlerzimmer.at

Rupert hatte mich schon lange in sein „künstler.ZIMMER“ eingeladen. Dass mein Sohn dann auch in den Genuss seiner Gastfreundschaft kam, hat mich besonders gefreut. Lieben Dank für die schönen Tage!

 

16 Gedanken zu “Wie geht gutes Leben?* [Steiermark]

  1. Das Leise hat eine starke Stimme. Was für ein tolles Sprichwort. Und so fulminant untermalt – ich habe schon in Deinen Eskapden bewundert, wie es Dir gelingt blattlose Waldgebiete so zu fotografieren, dass sie dennoch heiter wirken. Das ist ja gar nicht einfach. Echt klasse.

    • Hallo, liebe Stefanie, aw, das freut mich jetzt aber sehr! Liebsten Dank! Weißt du, ich glaube, es liegt einfach daran, dass ich sie so selbst schön finde. Ich mag ja das raue, karge, den Herbst, die pudrigen, fast blassen Farben, das Reduzierte. Und wenn die Blätter am Baum fehlen, hast du freie Sicht auf als das, was sonst zu klein und unscheinbar ist und unterm großen, rauschenden Blätterdach verborgen bleibt. Und kahle Äste habe auch eine besondere Ästhetik. Ich mag das sehr. Das bin ich : ) Herzlichen Dank fürs Mitlesen, ahoi in den Norden, Jutta

  2. Hallo Jutta,

    schöner Artikel. Und Deine Fotos passen wie immer perfekt zu dem Artikel, daß man sich das geschriebene viel besser vorstellen kann. Der Artikel paßt gut zu dem Motto „Weniger ist mehr.“. Und …. Österreich ist immer eine Reise wert 😊

    Viele Grüße
    Winfried

    • Hallo, lieber Winfried, lieben Dank! Auf jeden Fall ist weniger mehr. Dafür intensiver genießen und den guten Dingen nachspüren! Ich muss gestehen, dass ich Österreich nur vom Hindurchfahren kannte. So ein Versäumnis! Herzliche Grüße, Jutta

  3. Liebe Jutta,
    gutes Leben, das sind für mich die Momente ohne Stress. Ohne eben jene Superlative, ohne „mehr“ und ohne „besser“ und ohne „schöner“. Ich glaube, so fühlen heute mehr Menschen als jemals zuvor. Das „Künstlerzimmer“ scheint mir ein Ort zu sein, an dem man sich ganz stressfrei ein paar Tage aufhalten kann. Gefällt mir.
    LG, Karin

    • Liebe Karin, genau so! Wir stressen uns viel zu oft selbst. Weil wir mehr, besser oder schöner sein wollen. Vielleicht gar nicht wollen, aber glauben, dass andere es von uns erwarten. Dabei müssen wir gar keine Erwartungen erfüllen, nicht wahr? Ja, das künstler.ZIMMER ist ein Ort, an dem man sich weider erden kann. Alles darf, nichts muss! Lieben Dank für deine Worte, sonnige Grüße, Jutta

    • Aw … guten Morgen, liebe Ulrike! Wie wunderbar, freue mich über die gute-Laune-Botschaft am Morgen! Ja, gutes Leben geht ganz einfach und man braucht nicht einmal viele Zutaten dafür. Das ich das Allerbeste daran! Sonnige Grüße aus dem Münsterland, Jutta

    • Hallo, liebe Issi, und ich glaube, das Bett war auch von IKEA, aber – ja, genau! – was soll’s? Das Kissen fand ich soooo schön, dass ich es extra auf den „Stuhl mit Herz“ gelegt habe, um beide auf ein Foto zu bekommen! Ich danke dir ganz herzlich … fürs Mitlesen … und fürs Kompliment! Hab einen wunderbaren Abend, lieben Gruß, Jutta

  4. Hallo Jutta,
    wie schön, dass dein Sohn in dem Alter noch mit dir in den Urlaub fährt! Ich meine, London oder New York wären ja irgendwie „cooler“, aber ganz offensichtlich mögt ihr beide Natur und etwas Ruhe. Und der Ort sieh auch wirklich schön aus, sehr speziell. Ich könnte mir vorstellen, dort ein paar Tage zu verbringen, um am großen Tisch in der Küche Filterkaffee zu trinken und von dem leckeren Brot zu essen. Klingt sehr gemütlich!
    LG, Anna

    • Hallo Anna, nicht wahr? Ich hab mich auch sehr gefreut, dass Lu gleich Feuer und Flamme war. Wir haben tatsächlich schon manche Reise zu zweit unternomen. Outdoors und ein wenig wild sind eine gute Kombi für uns beide. Und die Abgeschiedenheit. Das stimmt. Wenn du das auch magst und außerdem nach einer hübschen Küchenbank für ein paar Ferientage suchst, dann kann ich das künstler.ZIMMER wärmstens empfehlen : ) Ganz liebe Grüße, Jutta

  5. Was für eine tolle Geschichte! Das sieht so urig aus und hört sich total entspannt an! Würde gerne noch mehr vom Zimmer sehen und von der Küche. Solche Orte sind wirklich die besten. Toll erzählt, liebe Jutta!
    Herzliche, Heike

    • Hallo Heike, leider bin ich immer so auf Details fokussiert, dass ich das „Gesamtbild“ oft aus den Augen verliere. Darum gibt es hier nicht mehr Fotos. Aber unter dem Link http://www.kuenstlerzimmer.at findest du mehr Impressionen. Es ist wirklich ein besonderer Ort! Und: vielen Dank! Sonnige Grüße, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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