No Exit – Guido van Heltens poetische Portraits [Reykjavík]

Reykjavík ist voller Häuser, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Das Wetter ist gnadenlos. Feuchtigkeit und Frost nagen an Fassaden, am Putz, an den Fensterrahmen. Wer es sich leisten kann, kämpft gegen die Zerstörungswut der Elemente und hübscht auf. Aber wer kann das heute in Island schon? 
„Ich mag verwitterte Oberflächen oder bröckelnde Wände wirklich. Es ist als würde ich mir die Textur ausleihen und nutzen, um meine Kunst besser zu machen. Ein Gemälde auf einer weißen Wand ist eben nur ein Gemälde. Ein Gemälde auf diesen beschissenen alten Wänden ist mehr als das“, sagt Guido van Helten

Guido van Helten hat Visual Art in Brisbane studiert. Aber das Arbeiten im Studio enge ihn ein. Er ist Street Artist: sein Atelier ist die Straße, Fassaden seine Leinwand. Früher habe man ihn wegen illegaler Sprayings verhaftet. Heute frage er, ob er eine Wand bemalen dürfe. Es geht nicht länger um Rebellion. Die Zeiten, in denen der Australier heimlich und vermummt Graffitis an Wänden und Bahnwaggons hinterlassen hat, sind vorbei. Auch Inhalte sind neu: Van Helten malt ausdrucksvolle, photorealistische Murals. Er trägt Kunst in die Öffentlichkeit. Dorthin, wo sie jedermann sieht. Und wo sie gnadenlos beurteilt wird. 

Das Westend von Reykjavík ist eines der weniger schönen Viertel der Stadt. Wo sich Seljavegur und Vesturgata treffen, blickt ein alter Mann von einer Häuserwand herab. Er hat früher einmal in diesem Haus gewohnt. Er hat es sogar gebaut. Jetzt lebt seine Enkelin hier.

Guido van Helten hatte das graffiti-verschmierte Gebäude auf der Suche nach einer neuen „Leinwand“ entdeckt und kurzerhand angeklopft. Die Besitzerin war sofort fasziniert von den Arbeiten, die er ihr zeigte – ausdrucksstarke, beinahe poetische Portraits – und von der Idee eines gigantischen Gemäldes an ihrem Haus. Sie bat van Helten, ihren Großvater zu malen. Nach einem alten Familienfoto. 
Das linke Augenlid hängt etwas, der Mund ist leicht geöffnet, die Lippen eingefallen. Aber das Gesicht ist vital und der alte Mann scheint zu lächeln. Wer nah herantritt, sieht, dass Risse im Putz gespachtelt wurden, dass die Wand uneben ist und dass gerade die Unregelmäßigkeiten dem Gesicht eine besondere Tiefe verleihen.

Gleich vis-à-vis vom „Großvater“ steht ein ehemaliges Theater, das heute als Kreativwerkstatt für Film und Design genutzt wird. Drei Wände sind mit Szenen aus Jean-Paul Satres Drama „No Exit“ bemalt. Van Heltens Arbeiten hatten eben nicht nur bei den Anwohnern des Westends schnell Aufsehen erregt, sondern auch beim Besitzer des „Loftkastillin“, so der Name des Gebäudes. 
Den Bezug zum Gebäude fand Guido van Helten im Reykjavik Museum of Photography Archive, wo er alte Fotografien von Andres Kolbeisson entdeckte. Der hatte die Satre-Inszenierung 1961 fotografisch dokumentiert. Die düstere Stimmung des Bühnenstücks verschwindet in van Heltens Interpretation der Bilder: Er zeigt zwei Frauen in sinnlicher Pose, Mann und Frau in enger Umarmung. Die Bilder machen vor Fenstern, Türen, Mauervorsprüngen nicht Halt, beziehen die Unebenheiten mit ein. 
„Ich merke, dass sich meine Arbeit hier richtig entfalten kann, weil ich eine Beziehung zu den Menschen aufbaue.“ Zu den Anwohnern, die die Ähnlichkeit zwischen dem „Großvater“ und der Frau entdecken, die sie als Nachbarin kennen. Zur Tochter von Helga Löve, einer der Schauspielerinnen von 1961, die rein zufällig das halbfertige Mural entdeckt und ihre Mutter darin erkennt. Guido van Heltens Kunst wird diskutiert. Auf der Straße. Und ganz nebenbei verleiht sie dem Westend ein neues Selbstbewusstsein. 
© Text und Fotos: Jutta M. Ingala

Wer? Wo? Was?
Wer sich für die vier Murals von Guido van Helten interessiert, findet sie an der Ecke Seljavegur und Vesturgata. In ca. 10 bis 15 Minuten zu Fuß erreichbar ab Harpa in Richtung alter Hafen, dann über die Vesturgata.

Mehr Bilder aus Island gibt es auf Instagram unter meinem Hashtag #InLoveWithIceland

Diese Reise wurde unterstützt von Icelandair. Herzlichen Dank dafür!

32 Gedanken zu “No Exit – Guido van Heltens poetische Portraits [Reykjavík]

  1. Pingback: Angry Child [Curaçao] | 6 Grad Ost

    • Hallo Winfried, herzlichen Dank! Ich lese zwar ab und zu quer bei Auður, aber diesen Post kannte ich nicht nicht. Lieben Dank für den Tipp und ganz viele Grüße! JUtta

      • Hallo Jutta, ich sehe gerade, auf der FB-Seite des Hotel Holt in Reykjabvík, wo ich fast immer absteige, wird fast ganz oben auch auf „Wall Poetry“ in einem anderen Artikel fast direkt dadrunter verwiesen.

        https://www.facebook.com/hotelholt

        Dir schöne Weihnachten,
        Winfried

      • Auch dir ein frohes Fest Winfried! Herzlicben Dank für den Hinweis: Einige der neuen Murals habe ich mir unlängst in Reykjavík angesehen. Ronni hatte mir erzählt, dass sie im Rahmen der Icelandairwaves entstanden sind. Leider habe ich diesmal keine Fotos gemacht, da wir auf dem Weg zu einem Treffen waren und nur mehr oder weniger an den bunten Werken vorbeigefahren sind. Ein Grund, eine neue Reise zu planen! Ich hoffe dir geht es in zwischen wieder besser? Sonnige Grüße und einen fabelhaften Start ins neue Jahr, Jutta

  2. Wow, das sind ja faszinierende Gemälde! Ich finde es total stark, was manche Sprayer auf die Wand bringen. Wobei man Guido van Helten wahrlich nicht mehr als Sprayer sondern als Künstler bezeichnen sollte!

    Hast du dich in Deutschland auch schon mal auf die Suche nach solch riesigen Motiven begeben?

    Liebe Grüße
    Christian

    • Guten Morgen Christian, je, er ist wirklich genial! Soweit ich weiß arbeitet er mit Spray und Pinsel, mixt also verschiedene Techniken. Vor der Haustür habe ich bisher weniger danach gesucht, aber Köln steht gerade auf meiner „Besuchsliste“: In Köln-Ehrenfeld muss es wahnsinnig viel Streetart geben, unter anderem auch einen ROA. Und dann sammle ich gerade Tipps kreuz & quer. Wenn du spannende Orte / Motive kennst: Immer her damit! Herzliche Grüße, Jutta

    • Hallo Ute, ja, Guido van Helten hat einen tollen Stil! Ich finde seine Werke sehr eindrucksvoll. Vor meinen Island-Reisen kannte ich ihn übrigen auch nicht :) Wünsche dir ein schönes Wochenende, Jutta

    • Ja, Guido van Helten ist gerade mein Favorit unter den Streetartists und ich hoffe, dass ich auch einmal einige seiner anderen „Wonderwalls“ (Fabelhaftes Wort!) in natura sehen werde! Sonnige Grüße, Jutta

  3. Vielen Dank für den tollen und informativen Beitrag. Das nächste Mal, wenn ich in Reykjavik bin, werde ich mir diese Street Art auf jeden Fall ansehen. Liebe Grüße! ;)

    • Guten Morgen und herzlichen Dank! Freue mich, dass Guido van Haltens Bilder auch andere begeistern. Wenn du dort bist, vergiss nicht einmal um die Gebäude herumzuwandern, da sich die Murals auf drei Wände verteilen. Plus „Großvater“ vis-à-vis. Sonnige Grüße, Jutta

  4. Wow, die Graffitis sind der Hammer. Wundervoll. Aber der Artikel macht auch nachdenklich. Ich habe Reykiavik als wunderschöne Stadt mit Häusern ohne Schäden oder Witterungseinflüüse in Erinnerung. Aber vielleicht hat sich das in den letzten 10 Jahren auch verändert oder aber die eigene Erinnerung verändert sich einfach und man blendet solche Dinge irgendwann einfach aus.

    • Guten Morgen Michael, ja, die sind super gut, nicht wahr? So eindringlich. Ich mag die Arbeiten von Guido van Helten sehr und hoffe, dass ich irgendwann auch an anderen Orten etwas von ihm sehen kann. In Reykjavík gibt es natürlich auch super moderne oder alte, aber gepflegte Häuser. Aber nach der Finanzkrise von 2008 herrscht Ebbe in vielen privaten Kassen. Viele Häuser sind ja verputzt oder aber mit Wellblech/-pappe verkleidet und gestrichen. Selbst in Deutschland bedeutet das: regelmäßiges Spachteln und Streichen. Im wechselhaften isländischen Klima fallen Reparaturarbeiten an solchen Fassaden bestimmt sehr viel schneller an. Und dafür fehlt vielen auch heute immer noch das Geld. Auf der anderen Seite herrscht aufgrund der ungemeinen Popularität, die Island seit geraumer Zeit als Reiseziel genießt, auch eine gewissen Aufbruchstimmung (die sich durchaus auch in der Bauwirtschaft bemerkbar macht), aber davon profitieren meist nur wenige, vor allem natürlich diejenigen aus dem Tourismussektor. Ich finde so ein „schrabbeliges“ Äußeres ja ganz charmant und durch die riesigen Gemälde erfahren die Häuser eine Aufwertung, was jedoch nichts daran ändert, dass die Bausubstanz weiter vor sich hin bröckelt, wenn nicht irgendwann eingegriffen wird. Bleibt zu hoffen, dass die „Kunst im öffentlichen Raum“ auch für die Menschen im Viertel ganz konkrete Verbesserungen bringt. Welcher Art auch immer : ) Und ja: Reykjavík ist eine wunderschöne Stadt, wenn man sich darauf einlässt! Herzliche Grüße, Jutta

      • Ui, du bist ja auch schon so früh online unterwegs :-) .. Vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Ich glaube, Island muss ich auch noch einmal auf meine Reiseziel-Liste setzen. Wäre sicher spannend zu sehen, wie sich gerade Reykiavik in den letzten 10 Jahren verändert hat. Und außerdem würden mich die Graffitis als Motiv sehr reizen. Tolle Fotos!

      • Bin ein Frühaufsteher und wenn das Haus schon „klar Schiff“ ist, Sohnemann noch im Badezimmer beschäftigt, bevor er zur Schule abdüst, surfe ich ein wenig in der weiten, virtuellen Welt. Ja, das ist bestimmt lohnend! Und vielen Dank : ) So, nun ist aber Arbeit angesagt, auf bald, Jutta

    • Hallo Nina, ja, nicht verpassen! Übrigens gibt es jede Menge interessanter Statuen über die ganze Stadt verteilt. Sólfar – oder Sun Voyager – an der Hafenpromenade ist sicher die eindrucksvollste! Liebe Grüße, Jutta

      • Ja, die hatte ich mir schon notiert! Ist ja auch hier unter den Bildern : ) Danke!

  5. Hallo Jutta,

    was es nicht alles im hohen Norden so gibt. Ich war letztes Jahr im Vikin Maritime Museum. Wie ich gerade in Google Maps sehe liegt es nach nur ein paar Meter von den Wandmalereien entfernt. Ich hoffe, wenn ich das nächste Mal dort oben bin, daß ich dann an Deinen Blogartikel denke und den Bildern einen Besuch abstatte.

    Viele Grüße aus dem sonnigen Bonn
    Winfried

    • Hallo Winfried, ja, mehr als man vermutet! Schön, nicht wahr? Übrigens gibt es auch ein Mural von Guido van Helten in Akureyri. Du hast das nicht zufällig im Dezember gesehen? Sonnige Grüße zurück aus dem Münsterland, wo heute fünf Flamingos durchs Venn gestackst sind und meinen (Spazier)Weg gekreuzt haben : ) Jutta

      • Hallo Jutta, ich habe eben mal nach dem Mural in Akureyri gegooglet. Hier http://www.streetartnews.net/2014/09/guido-van-helten-new-mural-akureyri.html ist es bspw. zu finden. Klar habe ich es gesehen. Wenn ich es sehe fällt es mir wieder ein! Es ist auf der Haupteinkaufstraße im Zentrum zu finden. Ich habe eben mal meine Fotos vom letzten Jahr durchstöbert, aber ich muß zu meiner Schande gestehen, ich habe es nicht fotografiert :( Dabei bin ich ein paar Mal die Straße entlanggegangen. Ich denke, als Bestrafung muß ich es mir dieses Jahr nochmals ansehen :) Übrigens …. auf dem ersten Foto links vorne …. das blaue Gebäude mit den beiden spitzen Türmen … das ist das Bláa Kannan. Hier kann man gemütlich sitzen und total leckeren Kuchen essen.

      • Hallo Winfried, ja, eine schöne Bestrafung ist das! Es gibt wohl immer so ein „erstes Mal“, wenn man Dinge bewusst wahrnimmt. Ich schätze, demnächst wirst du an allen Häuserfassaden nach Murals Ausschau halten! Den Tipp mit dem Café merke ich mir für die nächste Reise – herzlichen Dank dafür und genieße das sonnige Wochenende, Jutta

  6. Hallo Jutta, ich habe Island bisher immer mit ungezähmter Natur verbunden. Aber Streetart mag ich unheimlich gerne und diese hier finde ich ganz toll. Interessant, was das kleine Land so alles zu bieten hat. Viele Grüße, Frieda

    • Hallo Frieda, ja, Island hat viele überraschende Seiten! Natur ist natürlich DAS Ding, aber in Reykjavik gibt es eine tolle Kunstszene und seit einiger Zeit eben auch diese wundervollen Wandgemälde von Guido van Helten. Und dann natürlich noch mein Lieblingsgebäude: das preisgekrönte Opernhaus Harpa! Dazu folgt in Kürze ein Bericht hier auf dem Blog : ) Wünsche dir ein schönes Wochenende, Jutta

    • Hallo Mandy, ja, Island hat noch mehr zu bieten als Vulkane und Eis : ) Übrigens gibt es Murals von Guido van Helten auch noch in anderen Städten auf der Insel: auf den Westmännern Inseln, in Akureyri im Norden und im 500-Seele-Nest Skagaströnd, ebenfalls in Nordisland. Und ich finde, die passen so richtig gut in die Landschaft! Sonnige Grüße, Jutta

  7. Echt klasse. Da können sich so manch andere Künstler eine Scheibe abschneiden. Mir gefällt diese Art von „Freiluftmuseum für Kunst“ zunehmend mehr.

    • „Freiluftmuseum für Kunst“ finde ich gut! Ja, und der Ansatz ist schön. Wenn du einmal auf Van Heltens Website gehst, siehst du viele andere Portraits, auch von Aborigines in Australien, van Heltens Heimat. Sie wirken so sanft und trotzdem voller Leben, durch den Verzicht auf Farbe für mich absolut poetisch. Schön, dass dir die Murals auch gefallen! Herzliche Grüße, Jutta

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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