Austern vor Vlieland [Niederlande]

Gemütliche Spaziergänge sind nicht sein Ding. Zu ihm passt ein schneller Schritt. Energisch, zielgerichtet. Und die Liebe zu Wind und Wolken. Wolken, die Geschichten in den Himmel schreiben. Und dazu Bilder von dramatischer Schönheit malen. Flüchtig, darum muss man eilen. Es ist Herbst. Hier fährt man Omafiets
„Uitwaaien“ im Watt

Vlieland liegt heute unter einer dicken Wolkendecke begraben. Von Dramatik und Schönheit jedoch keine Spur. Ein formloses Grau über unseren Köpfen, Feuchtigkeit hängt in der Luft, am Horizont verschmelzen die Elemente. Wo noch Himmel, wo schon Meer ist, bleibt der Fantasie überlassen. Kleine Meeresbewohner
Wir sind unterwegs im Watt. Ein Ziel vor Augen – die Austernbänke – und auch die Liebe zum Herbst eint uns. Mit dem Wind gibt es ein kleines Geplänkel … „Uitwaaien“ nennen die Holländer das. Es macht beinahe schon übermütig. Und so ist trotz trüben Wetters die Stimmung außerordentlich heiter. Ganz sicher liegt es auch an der netten Gesellschaft, vielleicht an der Vorfreude auf unser kleines Abenteuer: Austern sammeln.

„Sammeln“ und nicht „fischen“, denn Austern, die sich in den flachen Tidegewässern rund um den Erdball so wohl fühlen, sind fest mit ihrem Untergrund verbunden. Angewachsen am Fels, wo das Meer sie umspült, an ihnen zerrt, sie überflutet und wieder trocken legt. All das erträgt die Auster mit Gleichmut. Bis sie gepflückt wird. Von Leckermäulern wie uns. Vincent Kikstra, AusternfischerIm Watt nichts Neues ...
“He was a bold man that first ate an oyster.” Jonathan Swift

Vincent Kikstra, verwachsen mit der Insel wie die Auster mit dem Fels, legt ein ordentliches Tempo vor. Ich muss mich eilen. Schritt und gleichzeitig Balance halten, das ist auf dem glitschigen Grund gar nicht so einfach. Der Mann mit dem strohblonden Haar und den goldenen Stoppeln am Bart nickt hinüber zur Wattseite: „Dort drüben liegt ein Schiffswrack.“ Ein Stück vom Mast könne man gerade noch sehen. Sprenkel im GrünZwischen Watt und Weide
Wie viele Wracks auf dem Meeresgrund zwischen Festland und den Watteninseln liegen, weiß niemand so ganz genau. Im Goldenen Zeitalter, der wirtschaftlichen und kulturellen Blüte der Niederlande, ankerten hier die prächtigen Segler der Oostindischen Kompagnie, um auf günstigen Wind zu warten. Nicht selten aber kamen Sturm und Flut. Und mit ihnen das Unheil.

Ich spähe in die angezeigte Richtung, versuche im Grau etwas auszumachen. Statt Mast entdecke ich stelzenbeinige Wattvögel, die eilig durch den Schlick trippeln und mit ihren langen Schnäbeln nach Essbarem stochern. In der Weite der Landschaft wirken sie wie kleine Fregatten mit geblähten Segeln auf hoher See.

“If you go back in American history, oysters were the food of poor people. New York was filled with oyster saloons in the 1800s.” Ruth Reichl

Austern gibt es auf Vlieland wie den sprichwörtlichen Sand am Meer. Dicht an dicht drängen sie sich. Wer ernten möchte, greift einfach zu. Doch das war nicht immer so. In den 1960ern verschwand die heimische Auster. Denn trotz ihres archaischen Äußeren und ihrer massiven Schale ist die Königin der Meere höchst sensibel. Kurzerhand importierte man damals Austern aus dem fernen Japan. Die fühlten sich wohl und breiteten sich vor Vlieland ganz ungeniert aus. Archaisch: die AusterZitrone lässt fangfrische Austern zucken
Über einen Pfad schleust uns Vincent durch die Salzwiesen hin zu einem kleinen Flecken Land. Umgeben von einem bunt gestrichenen Staketenzaun. Dahinter ein mächtiger Smoker, aus dem Rauch aufsteigt. Und ein köstlicher Duft.

Im Rauch gart Roter Knurrhahn. Unser Gaumenkitzler. Gabeln gibt es nicht. Wozu auch? Mit den Fingern befördern wir kleine Stückchen vom Pappteller direkt in den Mund. Außen golden und knusprig, innen weiß und saftig. Lecker. Am Smoker wärmen wir uns, lachend, aufgeregt. Und schauen zu wie Vincent routiniert Auster für Auster öffnet. Konzentriert setzt er sein kleines, kräftiges Messer an, dreht die Spitze und öffnet die Muschelschale. Die Frage, ob er sich schon einmal geschnitten habe, quittiert er mit einem breiten Lachen. Nein, hat er nicht. Betörend oder ekelhaft?Taue
 „All art is autobiographical. The pearl is the oyster’s autobiography.” Federico Fellini

Austern schmecken nach Weite, Sehnsucht und Freiheit. Sie schmecken nach alldem, was das Meer verkörpert. Am besten genießt man sie draußen, an der frischen Luft, am Strand. Und in guter Gesellschaft. Ein Glas Champagner dazu? Perfekt!

Schon gewusst …
… dass kulinarische Austern keine Perlen produzieren? Und dass der Spritzer Zitrone dem Genießer anzeigt, ob die Auster frisch ist? Dann zuckt sie nämlich. Gewappnet fürs Watt
Wer? Wo? Was?

Vlieland erreicht man per Fähre ab Harlingen (Friesland). Besucher lassen ihren Pkw am Hafen zurück, denn auf der Watteninsel bewegt man sich bequem per Fahrrad oder zu Fuß. Mit nur einer einzigen Ortschaft und einer maximalen Ausdehnung von drei mal zwölf Kilometern ist alles andere überflüssig.

Wer mit Vincent Kikstra hinaus ins Watt, Austern sammeln und fangfrisch am Strand verspeisen möchte, schreibt ihm am besten per Mail unter devlielandsejutter@gmail.com Touren mit ihm lassen sich individuell vereinbaren.

Mein Besuch auf Vlieland wurde vom VVV Vlieland und Wad to do unterstützt. Herzlichen Dank dafür!

14 Gedanken zu “Austern vor Vlieland [Niederlande]

  1. Hallo Jutta, Austern bzw. alles „fischige“ sind überhaupt nicht mein Ding. Aber dein Besuch bei den Austerbänken ist wieder lebendig geschrieben inkl. der Fotos. Man spürt förmlich den Herbsttag. Wahrscheinlich machen solche Besuche inkl. dem Essen am Smoker auch nur in den kühleren Jahreszeiten Spaß.

    Viele Grüße Winfried

    • Hallo, lieber Winfried, herzlichen Dank für deine netten Worte! Ja, das höre ich häufig, dass man Fisch und Meeresfrüchte nicht so gern mag. Ich bin ganz verrückt danach! Der Knurrhahn war an diesem Tag mein Favorit. Ich hatte in Holland immer mal wieder „Rode Poon“ auf dem Markt gesehen, aber keine Ahnung, welcher Fisch das wohl sein könnte, geschweige denn wie er schmeckt. Und ja, da bin ich ganz bei dir: Der Herbst ist die perfekte Jahreszeit für so eine kleine Eskapade! Liebe Grüße, Jutta

    • Liebe Sabine, so ruhig, so unaufgeregt. Das färbt gleich ab! Am liebsten möchte man bleiben. Es gab auf der Insel ja auch (kulinarisch betrachtet) ganz Feines, aber dieses schöne Beisammensein mit Vincent, den „Rode Poon“ direkt vom Smoker zu essen, die Austern draußen im Wind zu schlürfen, all das hatte schon eine ganz besondere Qualität. Rückbesinnung auf die einfachen Dinge. Das Wesentliche. Genau das hat diese Tag ausgemacht! Liebe Grüße über die Grenze, Jutta

  2. Als wär ich mittendrin, liebe Jutta! Ich hoffe, ihr wart warm angezogen? Sieht kühl aus! War aber bestimmt schön, das ‚Uitwaaien‘! Austern sind ja nicht so meins, aber der Fisch sieht richtig lecker aus.
    Grüße,
    Karin

    • An Austern scheiden sich die Geister! Für mich stand das Erlebnis im Vordergrund. Wie du sagst: Sich vom Wind durchpusten lassen (gut für die Seele), dem Experten bei seinen Geschichten übers Watt zuhören, in netter Gesellschaft plaudern … oder einfach zuhören. Das Draußen-sein genießen, Appetit bekommen und den Hunger mit leckerem Fisch (und lecker war er) stillen. On top die Austern schlürfen, dazu ein prickelndes Getränk. Zutaten für einen gelungenen Tag! Lieben Danks fürs Mitlesen Karin, sonnige Grüße, Jutta

    • Dankeschön! Ja, ich weiß auch nicht Andreas … : ) Freut mich, dass es da einen Leser gibt, der ungeduldig auf neue Geschichten wartet! Ganz liebe Grüße, Jutta

  3. Hallo Jutta,
    bei Holland denke ich immer an Miesmuscheln. Dass es dort auch Austern gibt, habe ich nicht gewusst. Und dann quasi gratis. Wie praktisch! Da braucht man ja eigentlich nur ein scharfes Messer oder? Von Vlieland habe ich auch noch nie so richtig viel gehört oder gelesen. Bin jetzt neugierig geworden!
    LG, Gabi!

  4. Ich liebe Deine Geschichten <3
    Wie immer: In Text und Bild die besondere Atmosphäre eingefangen. Ich spüre den beschriebenen Moment, als ob ich selbst da gewesen wäre. Danke

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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