Eismeer [Island]

“And when the day arrives I’ll become the sky and I’ll become the sea and the sea will come to kiss me for I am going home. Nothing can stop me now.” Trent Reznor

Kein Meer, nur ein See. Immerhin Islands tiefster. Mit rund 250 Metern rangiert er diesbezüglich aber auch nur irgendwo im Mittelfeld. Interessanter sind da schon die Eisschollen, die mal dicht an dicht, mal weit verstreut auf dem stillen Wasser treiben. Einige haben sogar den Namen EisBERG verdient

Jökulsárlón ist einer von vier Gletscherseen im Osten Islands. Er wird vom Breiðamerjökull, dessen Zunge noch zu Beginn der 1930er Jahre bis an den tiefschwarzen Lavastrand reichte, gespeist. Heute liegen einige Hundert Meter zwischen Meeressaum und Lagune. Bis zur Gletscherzunge sind es beinahe zwei Kilometer.

Das eisige Spektakel auf der Lagune lässt sich bestens vom Ufer beobachten. Gegen Norden flach und perfekt für einen ausgedehnten Spaziergang. Im Süden gesäumt von einer kleinen Anhöhe, die eine schöne Aussicht verspricht. Mutige krempeln die Hosenbeine hoch und waten ins Wasser.

Ein Gefühl für die tatsächliche Größe des Sees, für die Farben und Strukturen des Eises, dafür, wie es unter wärmenden Sonnenstrahlen knirscht und bricht, bekommt allerdings nur, wer auf die Lagune hinausfährt. Im Amphibienfahrzeug zwischen Eisbergen kreuzen
Die Abgehärteten unter uns schwingen sich in eines der ehemaligen Army-Schlauchboote, nehmen auf dem Rand Platz und halten sich so gut es eben geht fest. Was im Film unglaublich einfach aussieht und Spaß zu machen scheint, ist nichts für eingefleischte Landgänger. Das Boot nimmt Fahrt auf und immer, wenn der Bug aufs Wasser klatscht, hüpfen wir im Takt auf und ab. Eine Hand umklammert fest den Griff, die zweite sichert die wild schwingende Kamera. Ich bin seekrank. Dabei sind wir nicht einmal auf dem Meer.

Es geht ziemlich nah an die Gletscherbruchkante. Und selbst wenn dies nicht der Perito-Moreno- oder der Pine-Island-Gletscher ist, auch hier am Breiðamerjökull ist das dumpfe Grollen des Eises zu hören. Das Knirschen und Rollen der Massen, die sich in die Lagune schieben. Ich meine sogar ein Vibrieren in der Luft zu spüren.

Auf Eisschollen dösen Seehunde, die den Weg vom Meer in die Lagune gefunden haben. Das Zodiac bringt uns nah heran, aber die flinken Schwimmer haben keine Lust zu posieren und tauchen ab.

Im flacheren Teil des Sees, dort wo das Eis langsam auf den Zugang zum Meer treibt, kreuzen die Amphibienfahrzeuge. Sie sind komfortabler als die Schlauchboote, dafür muss man sie sich mit 10 bis 15 anderen Passagieren teilen. Es ist eine gut gelaunte Gesellschaft in dicken, grell leuchtenden Rettungswesten, die den Geschichten über die Entstehung der Lagune aber nur halbherzig lauscht, während das Boot an den viel interessanteren Eisbergen vorbei gleitet. Ein glasklarer Brocken Eis, den ein Beiboot heranschafft, bringt Leben in die Gruppe. Er wird prüfend in der Hand gewogen und von Mann zu Mann gereicht. Kleine Bruchstücke landen im Mund einiger Neugieriger. Rund 1000 Jahre alt soll das Eis sein. Ein Passagier will wissen, ob es „safe“ sei, daran zu lutschen. Ein anderer möchte den Rest als Souvenir mitnehmen. Ein vergängliches Vergnügen.


Vergänglich ist auch die Schönheit der Eisberge, die von der Lagune ins Meer gespült werden. Nur kurz währt ihr Tanz auf den Wellen, die Brandung wirft sie zurück an Land. Jede neue Woge nagt an ihnen. Salzwasser ist unbarmherzig. In der untergehenden Sonne leuchtet das Eis violett.

Reflexionen vom Himmel, der heute ein eigentümliches Farbspiel aus Violett und leuchtendem Orange zeigt. Natürlich ist das nicht, aber der Schuldige ist schnell ausgemacht. Verantwortlich für die ungewöhnliche Färbung ist eine Gaswolke, die der Bárðarbunga* seit August stetig über Ostisland pustet. Inzwischen ist sein Feuer erloschen. Nur tief im Inneren grollt er noch.

*Nach dem Ausbruch des Laki (1783-1784), der weltweit das Klima beeinflusste, war der des Bárðarbunga (August 2014 bis Februar 2015) der größte Vulkanausbruch in Island seit rund 200 Jahren.Gase der Bárðarbunga-Eruption färben den Himmel
© Text und Fotos: Jutta M. Ingala

Wer? Wo? Was?
Jökulsárlón ist einer von vier Gletscherseen im Osten Islands. Als einziger verfügt er über eine Verbindung zum Meer. Durch diesen Kanal werden Eisschollen auf die offene See gespült. Jökulsárlón liegt direkt an der Ringstraße, rund 200 km nordöstlich von Vík í Mýrdal und 80 km südlich von Höfn. www.jokulsarlon.is

Mehr Bilder aus Island gibt es auf Instagram unter meinem Hashtag #InLoveWithIceland

Zur Tour auf der Lagune – und einem netten Plausch bei Kaffee und Kuchen – wurde ich eingeladen von Jökulsárlón.is Diese Reise wurde außerdem unterstützt von Icelandair und Visit Vatnajökull. Herzlichen Dank dafür!

49 Gedanken zu “Eismeer [Island]

  1. Bin bei meinen Recherchen für meinen bevorstehenden Island Roadtrip auf diesen Blog gestossen. Ich habe zwar kein festes Programm und werde mich auf meinem Roadtrip leiten lassen aber ein paar Ziele möchte ich schon im Hinterkopf haben und bei dir habe ich einiges entdeckt. Danke dafür :)

    • Hallo Christoph, oh, das freut mich! Wirst du denn die Insel umrunden oder dich auf eine bestimmte Region konzentrieren? Wie lange wirst du bleiben und wann geht es los? Ich werde im Oktober endlich wieder auf meiner Lieblingsinsel sein und freue mich gewaltig! Herzliche Grüße, Jutta

  2. Wow! Trotz Seekrankheit und kalten Fingern solche Bilder! Island ist einfach der Hammer! LG Simone

    • Ja, für Island gibt es immer den vollen Einsatz : ) Warst du schon einmal auf der Insel? Es ist mein „Lieblingsflecken Erde“. Ich bin schwer verliebt in die Insel. Danke fürs Mitlesen, sonnige Grüße, Jutta

      • Island steht für mich als Naturfotografin gleich neben Schottland schwer an erster Stelle. Feuer und Eis. Das fasziniert mich ungemein. Vielleicht komme ich nächstes Jahr hin. Dir noch einen schönen Sonntag! LG Simone

      • Ja, Schottland ist auch irre attraktiv! Viel Spaß beim virtuellen Vorbereiten. Wenn du Tipps brauchst: Lass es mich wissen! Dir auch einen schönen Sonntag, Jutta

      • Danke Jutta, das ist nett. Wenn es soweit ist, komme ich gerne darauf zurück. Der Wanderführer ist ja schon gekauft :-) Schöne Woche! Simone

  3. Pingback: Unsere schönsten Bilder aus Island - Reiseblog Travelography

  4. Wahnsinnig schöne Fotos! Das Violett ist wirklich irre. Sah der Himmel tatsächlich so aus oder sind die Bilder stark bearbeitet? Grüße, Andreas

    • Smile : ) Ja, Andreas, der Himmel sah tatsächlich so aus und ja, die Fotos sind natürlich auch bearbeitet: für mehr Kontrast. Du kennst die Glücksmomente wenn auch zuhause der Himmel für wenige Augenblicke rosa leuchtet. In Island hatten wir das „Glück“, dass diese Gaswolke über dem Osten schwebte. Die Eruption hat ein halbes Jahr lang dafür gesorgt, dass der Himmel immer mal wieder in ziemlich ungewöhnlichen Farbkonstellationen geleuchtet hat, was natürlich primär in den Abendstunden zu beobachten war. Tagsüber hat die Gaswolke den Himmel einfach eingetrübt. Diese Wolke war natürlich nicht immer da und nicht ständig am gleichen Ort. Aber meistens wurden die Gase in Richtung Südosten gepustet. Eine Laune der Natur! Wünsche dir schöne Ostertage, Jutta

  5. Ich bin immer wieder hin und weg wenn ich Deine Eis-Fotos sehe. Normalerweise bin ich echt kein Schnee- und Eisliebhaber, aber Du schaffst es aber immer wieder mich dafür zu begeistern. Island steht seitdem ganz oben auf meiner Bucket-Liste. GlG, Nadine

    • Hi Nadine, lieben Dank! Ich tue mein Bestes, um auch eingefleischte Tropengänger von Island zu überzeugen. Nicht ganz ohne Eigennutz: Schließlich soll mein Mann auch endlich mal mit auf die Insel : ) Übrigens kann ich die beruhigen: So mega kalt ist Island gar nicht. Mit wasserfester Hose und Jacke, ein paar Fleeceteilen und bequemen Trekkingboots ist man schon gut ausgerüstet. Der Spätherbst ist eine spannende Jahreszeit: Alles färbt sich bunt und mit etwas Glück kann man die ersten Nordlichter sichten! Liebe Grüße und eine tolle Reise nach Marokko (Die steht doch jetzt an?), Jutta

  6. Liebe Jutta,

    wieder so ein toller Artikel und fantastische Fotos! Ich werde schon ganz hibbelig und würde am liebsten sofort losfliegen und das alles mit eigenen Augen sehen. Vorher muss ich aber noch ein wenig mit meiner Kamera üben, so ein (ein? hahaha) Foto mit der Langzeitbelichtung mag ich unbedingt auch haben. ;-)
    Ich hoffe das Wetter spielt im August auch mit, die unterschiedlichen Blautöne und die Spiegelung im See ist einfach toll.

    Wann bist Du denn das nächste Mal auf der Insel?

    Liebe Grüße aus Berlin,
    Maggie

    • Hallo Maggie,
      lieben Dank! Das mit der Langzeitbelichtung ist einfach: Du brauchst nur ein Stativ und dann wartest du auf ein paar hübsche Wellen : ) Bist du mit dem Wagen dort unterwegs, also individuell und unabhängig? Wenn möglich geh schon früh morgens an die Lagune (Vielleicht bei Sonnenaufgang?) und/oder am späten Nachmittag bzw. frühen Abend. Dann ist das Licht schön weich. Interessant sind auch die drei anderen Lagunen: Fjallsárlón (von Süden kommend kurz vor Jökulsárlón), Heinabergslón und Hoffellslón in der Nähe von Höfn (also weiter nördlich).
      Ich wünschte, ich hätte schon neue Pläne für Island. Leider musste ich ja im Februar mein Ticket und die einwöchige Tour verfallen lassen. das war mehr als nur frustrierend. Aber gut, irgendwann gibt es dann ein nächstes Mal : ) Dir ganz viel Spaß bei der Reiseplanung. Wie lange wirst du bleiben? Planst du eine Tour rund um die Insel? Sonnige Grüße,
      Jutta

  7. Großartig, großartig, großartig! Deine Fotos sind der Hammer. Jökulsárlon ist ein ganz besonderer Ort. Allerdings hätte ich mir gewünscht, ich wäre dort gewesen, wenn nicht der Lärm und Dieselgestank der Ausflugsboote über der Lagune gehangen hätten. ;)
    Liebe Grüße

    • Ein riesiges Dankeschön! Ja, alles hat seine Kehrseiten, gerade die Amphibienfahrzeuge sind schon sehr sehr laut, wenn sie an Land starten. Ich bin im Februar / August / Oktober dort gewesen, also eigentlich Monate, in denen weniger Publikum die Boote nutzt (obschon sich das inzwischen wahrscheinlich relativiert) und sich das Geknatter darum vielleicht in Grenzen hielt. Einmal war ich zusammen mit meinem Sohn nachts beim großen „End-of-season“-Feuerwerk an der Lagune. Mit Tausenden anderer Menschen. Was sich abschreckend (Menschenmassen!) anhört, war ein irres Erlebnis. Ganz anders natürlich die Morgen- und Abendstunden, wenn das Licht oft ganz wunderbar ist und die meisten Besucher noch nicht unterwegs oder längst wieder zurück in ihrer Unterkunft sind. So oder so, die Lagune ist schön. Selbst, wenn man „nur“ an den Ufern entlang spaziert oder einfach an den Strand hinunter geht, um zu beobachten wie die Wellen mit dem Eis spielen! Herzliche Grüße, Jutta

  8. Die Bootstouren kenne ich auch, allerdings kann ich mich nicht an die Schlauchboote erinnern. Wir waren mit dem Amphibienfahrzeug auf dem See. Beinahe hätten wir den Strand verpasst. Davon hatte uns vorher nämlich niemand erzählt. Ich fand den fast noch aufregender als den See. Es lagen riesige Eisbrocken herum. Wir sind sogar draufgeklettert. Deine Fotos sind übrigens traumhaft!

    • Hi Jörg, wann warst du dort? Ich habe das Gefühl, dass die Eisschollen/-brocken, die am Strand landen, von Mal zu Mal kleiner werden. An der rechten Flussseite scheinen auf jeden Fall immer die größeren zu landen! Obschon die Fahrten mit dem Schlauchboot bisher ziemlich rumpelig waren und mir unterwegs auch mal ziemlich schlecht wurde, finde ich die Touren mit dem Zodiac interessanter als die mit dem Amphibienfahrzeug. Man kommt einfach näher an die Eisberge, die Robben, den Gletscher. Und herzlichen Dank für dein Kompliment! Jutta

  9. Liebe Jutta,
    wow, was für tolle Bilder und Eindrücke. Mittlerweile verstehe ich immer mehr warum du die Landschaft so liebst. Der Ritt mit dem Boot hört sich interessant an, nur mag ich mir das bei den eisigen Temperaturen gar nicht recht vorstellen.
    Herzliche Grüße,
    Claudia

    • Liebe Claudia, ja, es gibt einfach so viele Wow-Momente, wenn man sich auf Island einlässt! Ich könnte immer wieder dorthin reisen. Auf dem Zodiac trägt man übrigens super warme Overalls und die Amphibienfahrzeuge sind so langsam untereegs, dass es kaum kühlen Fahrtwind gibt. Island ist eigentlich gar nicht so eisig und darum auch im Winter total interessant :) Habt ein schönes Wochenende, liebe Grüße, Jutta

  10. Ich war auch einmal am Jökulsárlón, aber so einen Sonnenuntergang habe ich dort nicht erlebt. Traumhaft! Macht große Lust wieder hinzufahren. LG, Gesa

    • Wir hatten einfach großes Glùck und natürlich hatte die „Giftgaswolke“ ihre Hände im Spiel :) Die Lagune hat so viele schöne Gesichter: Da lohnt sich tatsächlich mehr als nur ein Besuch! Sonnige Grüße, Jutta

  11. Unglaublich schön! Dieser violett-orange Himmel ist wirklich klasse! Und wie das Wasser am Strand „eingefroren“ ist. Bin begeistert! Liebe Grüße, Sonja

  12. Wie immer erstaunlich tolle Fotos.

    PS. Ist eigentlich Eisklettern in Island populär? Bei so viel Eis bietet es sich fast aufdringlich an.

    • Hallo Vladsilav, herzlichen Dank! Ich habe bisher eigentlich nur private Fotos von Eiskletterern gesehen, aber Extreme Iceland bietet entsprechende Touren an. Ich schätze, dass es nicht soooo super häufig betrieben wird, denn insgesamt sind die Steilflächen und auch die Wasserfälle, die im Winter tatsächlich länger gefroren sind und dafür in Frage kämen rar. Schau einmal in diesem Artikel – EISland: Um erstmalig in die Höhle zu gelangen, war definitiv eine „Eiskletterpartie“ nötig : ) Ich stelle mir vor, dass es in Ländern wie Kanada bessere Bedingungen für Eiskletterer gibt. Wünsche dir ein sonniges Wochenende, Jutta

  13. Hallo Jutta,

    ich war bisher erst einmal am Jökulsárlón (August 2009). Beim Lesen Deines Artikel wurde mir wieder alles plastisch. Wir sind damals gemütlich mit dem Amphibienfahrzeug über den See geschippert. Ich erinnere mich auch den den Zodiac-Fahrer, der lässig stehend immer hinter und neben uns herfuhr, um wohl Touristen aus dem Wasser zu fischen.

    Wir waren damals mit der letzte Tour am Tagesende unterwegs. Am späteren Nachmittag ist das Licht auch sehr gut zum Fotografieren.

    Deine am Jökulsárlón gemachten Fotos sind toll gelungen, insbesondere die mit der längeren Belichtungszeit.

    Weißt Du, wie es dort im Winter aussieht? Alles nur weiß?

    Viele Grüße und ein schönes Wochenende
    Winfried

    • Hallo Winfried, ja, es gibt aus Sicherheitsgründen immer ein Begleitboot :) Ich denke, dass es immer ganz auf das Wetter ankommt: Ich habe die Lagune im Herbst schon voller Eis gesehen, aber noch nie mit Schnee bedeckt. Ich muss einmal nach Bildern suchen. Da gibt es sicher etwas. Ronni könnte welche haben! Hab ein schönes Wochenende, Jutta

      • Hallo Jutta,

        danke! Im Sommer sieht es wahrscheinlich viel beeindruckender aus, weil man so die Eisberge im nicht gefrorenen Wasser besser sieht. Aber der Winter hat ja bekanntlich auch seine wenn auch andere Reize.

        Dir einen schönes Wochenende
        Winfried

Heraus mit der Sprache! Ich sehe es wie Karl Popper: "Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."

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